Wurstkrippen:Stille Nacht, deftige Nacht

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Salami statt Lebkuchen: So wird Weihnachten wieder zu Weichnachten.

(Foto: Elena Shashkina/mauritius images / Alamy)

Als Alternative zu Lebkuchen und Zuckerguss bauen Freunde der herzhaften Kost Häuschen aus Salami, Speck, Käse und Salzstangen. Wird Weihnachten jetzt total wurst?

Von Titus Arnu

Im Märchen von Hänsel und Gretel sind mehrere gruselige Themen zu einer Horrorstory verwurstet. Ein finanziell und geistig minderbemittelter Holzhacker und seine niederträchtige Frau beschließen, ihre Kinder im Wald auszusetzen, "weil sie wenig zu beißen und zu brechen hatten". Im Wald steht ein Haus aus Lebkuchen, in dem eine schrullige Naturheilerin wohnt (in politisch unkorrekten Zeiten hätte man sie Hexe genannt). Die Kinder sollen durch die Süßigkeiten angelockt, gemästet und später gebraten werden; Gretel trickst die böse Frau aus, schubst sie in den Ofen, die Kinder rauben das Hexenhäuschen aus - und alles ist wieder "gut".

Diese grausame Geschichte der Gebrüder Grimm sollte man im Hinterkopf haben, wenn man in der Adventszeit ein Lebkuchenhaus backt. Ein Lügengebäude in vielfacher Hinsicht! Die windschiefe Konstruktion aus Zucker und Mehl hat absolut nichts mit der christlichen Weihnachtsgeschichte zu tun. Und sie besteht absurderweise aus Nahrungsmitteln, die nicht gegessen werden sollen. Wehe, jemand knuspert etwas von den Dachziegeln aus Spekulatius weg, von der Fensterverzierung aus Smarties oder auch nur vom Schnee aus Zuckerguss! Spätestens an Weihnachten ist das Haus dann leider hart wie Stein - und endet bestenfalls als Staubfänger, wahrscheinlich aber im Müll.

Wie also wird Weihnachten wieder zu Weichnachten? Es gibt Leute, denen das nicht komplett wurscht ist. Als herzhafte Alternative basteln sie Häuschen aus Wurst, Käse, Crackern und Gemüse. Unter dem Stichwort #charcuteriechalets präsentieren sie auf Instagram, Pinterest und Tiktok ihre Kreationen: formschöne Märchenhäuschen mit Salami-Schindeln auf dem Dach, Salzbrezel-Fenstern, Bratwurst-Wänden, Scheibletten-Fensterscheiben, Broccoli-Bäumen und Schneemännern aus Mozzarella-Kugeln. Die Schneeflocken rieseln in Form von Parmesan-Spänen über das Kunstwerk aus Fett, Farbstoff und Cholesterin.

Die Pandemie verleitet immer mehr Menschen dazu, ausgiebig mit Essen zu spielen

Weihnachtliche Wursthäuser sind schon vor einigen Jahren auf den einschlägigen Selbstdarstellungskanälen im Internet aufgetaucht. Und wie es aussieht, verleitet die Pandemie immer mehr Menschen dazu, ausgiebig mit Essen zu spielen und dies stolz der Weltöffentlichkeit zu präsentieren. Auf nerdigen Websites von Hobby-Foodstylisten wird das herzhafte Knusperhäuschen als "perfektes Hipster-Accessoire, um ein Publikum zu unterhalten" empfohlen. Die Ausgangslage ist deutlich dekadenter als bei Hänsel und Gretel, die "hungrig und durstig waren, weil ihre Eltern in großer Not waren".

Die kalifornische Foodstylistin Meg Quinn etwa verwendet im Rezept für ihre formschöne "Meat Mansion" kiloweise Salami, Cheddar, Mozzarella, Parmesan, Pilze, Brezeln, Salzstangen, getrocknete Orangen, Mandeln, Oliven, Salbei und Thymian. Ein deutscher Wurst-Blogger benötigt als Baumaterial 20 Bratwürste, ein Kilo Hackfleisch und jede Menge Speck. Andere Krippen-Konstrukteure schwören auf die Kombination von Hartkäsequadern als Bausteine, Weichkäse als Zement, Wurstscheiben als Dach, Landjäger als Gartenzaun und Mandeln als Pflastersteine. Die Aufschnitt-Architektur unterscheidet sich im Prinzip wenig von der Bauweise mit Lebkuchen und Zuckerguss, nur dass es anders schmeckt, viel fettiger ist und vor allem noch schneller verdirbt.

Hätten Hänsel und Gretel wohl an einem Wursthäuschen angebissen? Zumindest hätte der finstere Plan der Knusperhausbewohnerin, Hänsel "so braun wie Brot" zu backen, geschmacklich besser zu Käse und Wurst gepasst. Veganer mögen einwenden, das Thema sei ihnen wurstegal, solange keine fleisch- und milchfreie Variante des Weihnachtswursthauses auf dem Markt ist. Süße Bausätze für tierleidfreie, gentechnikfreie, glutenfreie, laktosefreie, weizenfreie Bio-Vegan-Knusperhäuschen gibt es inzwischen.

Etwas moralischen Senf muss man am Ende vielleicht doch noch dazugeben: Für jegliches Bauwerk aus Lebensmitteln sollte gelten, dass man es besser aufisst, bevor es einstürzt oder verschimmelt, das wäre auch ganz im Sinne notleidender Kinder wie Hänsel und Gretel. Zum Verzehr passen übrigens schmalzige Lieder wie "Stille Nacht, deftige Nacht", "Ihr Wienerlein kommet", "Leise rieselt der Käs", "Morgen kommt der Metzgersmann" und "O du Wurstige".

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