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Schüsse in Celle:Zwei Tote, viele Fragen

In einem Juwelierladen in der Innenstadt von Celle fallen Schüsse, zwei Männer werden getötet. Die Behörden vermuten, dass sie das Geschäft überfallen wollten - und sich der Besitzer wehrte.

Von Peter Burghardt, Hamburg

Am Montag um 15.50 Uhr kamen zwei Männer durch die Tür eines kleinen Juwelier- und Antiquitätengeschäfts in Celle. Einer soll im Rollstuhl gesessen und der andere geschoben haben, mindestens einer von beiden war dem Vernehmen nach bewaffnet. Laut Polizei wollten sie das Geschäft überfallen. Jetzt sind beide tot.

Der eine starb noch am Tatort, der andere am Abend in einem Krankenhaus. Wenn es so war, wie die Behörden sehr stark vermuten, dann wurden die zwei mutmaßlichen Räuber von dem 71 Jahre alten Inhaber des Ladens tödlich verletzt. Ansonsten war nur noch dessen 72 Jahre alte Ehefrau im Raum.

Was genau geschah, am Montagnachmittag in Celle, das werden die Ermittler aus den Aussagen des Juwelier-Paars, aus gesicherten Spuren und gerichtsmedizinischen Untersuchungen schließen müssen. Fest steht bislang nur, dass Schüsse fielen und es zwei Tote gibt. Einer von ihnen wurde 35 Jahre alt, ein Deutscher. Schossen sie auch selbst, ehe sie von Kugeln getroffen wurden?

Voraussetzungen für Notwehr?

Die Staatsanwaltschaft Lüneburg, Zweigstelle Celle, ermittelt wegen "versuchten schweren Raubes" gegen die getöteten Männer - und wegen des Verdachts des Totschlags gegen den Besitzer des Juweliergeschäfts, der auf die beiden geschossen haben soll. Es wird geprüft, ob die Voraussetzungen für Notwehr vorlagen. Der mutmaßliche Schütze besaß die Waffe nach Erkenntnissen der Justiz legal.

Auch gebe es Hinweise darauf, "dass die mutmaßlichen Täter bei der Tatbegehung einen Rollstuhl zum Einsatz brachten", wie es bei Polizei und Staatsanwaltschaft heißt. Die weiteren Ermittlungen müssten zeigen, "ob dies Teil des Tatplans war".

Die Polizei sucht nun nach Zeugen, die von draußen irgendetwas bemerkt haben. Der Laden ist umgeben von Kneipen, Restaurants und Geschäften. Eine Überwachungskamera, die das Geschehen aufgezeichnet haben könnte, scheint es in dem Juwelierladen nicht zu geben.

Der mutmaßliche Überfall geschah an einer traditionellen Adresse, mitten in der Altstadt von Celle, dieser niedersächsischen Kleinstadt mit ihren 70.000 Einwohnern. Neue Straße, Fachwerkhäuser. Ganz nah am Marktplatz und nicht weit weg vom Schloss. "Antik" und "Gold" steht auf dem runden Schild über dem Schaufenster. Auf ihrer Homepage berichten die Besitzer von Ankauf, Verkauf, Auktionen, Juwelen, Goldschmiede und Gemälden, "50 Jahre", steht da. Bilder zeigen Ringe, Ketten, Uhren, Porzellan, eingefasste Edelsteine.

Von Selbstverteidigung und Selbstjustiz

Auch ohne Detailwissen macht natürlich die Geschichte von den Unternehmern die Runde, die sich gegen Angreifer gewehrt haben. Wobei sich dann immer gleich die Frage stellt, wer wann und wo eine Waffe zur Hand hat und sie im Falle einer Bedrohung auch zückt oder gar abdrückt und tötet.

Gemeldet wird diese Art von Selbstverteidigung immer mal wieder. In Berlin zum Beispiel wurde ein 2018 ein 27-jähriger Dieb von einem 38-jährigen Juwelier angeschossen, als er dessen Geschäft überfiel und dabei ebenfalls Schüsse abgab; er überlebte verletzt. Auch ist gelegentlich von Menschen die Rede, die von Einbrechern in ihren Wohnungen überrascht werden und sie dann mit irgendwelchen Waffen in die Flucht schlagen. Und klar, dann gibt es Fälle von Selbstjustiz, zu deren berühmtesten jener von Marianne Bachmeier gehört, die 1981 in einem Lübecker Gerichtssaal mit einer Beretta den Angeklagten erschoss, der ihre siebenjährige Tochter ermordet haben soll.

Von US-amerikanischen Verhältnissen ist Deutschland ein Stück weit entfernt, doch die Zahl der Waffen steigt auch hierzulande. Auf eine Kleine Anfrage der Grünen antwortete die Bundesregierung, dass Ende Januar 2020 im Nationalen Waffenregister gut 5,44 Millionen erlaubnispflichtige Schusswaffen und Waffenteile in Privatbesitz gespeichert waren, das wären 47.000 mehr als im Jahr zuvor. Mit einer davon tötete wohl ein Celler Juwelier zwei Männer, die seinen Laden überfielen.

© SZ/feko
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