Casting für Straßenmusikanten Mindestabstand zu Imbissbuden und Kirchen

So sind die oftmals mitreißenden Klänge in den U-Bahn-Stationen von London und Paris das Ergebnis eines strengen Auswahlverfahrens. Wer hier auftreten will, muss sich vorher beim Probekonzert der Stadtverwaltung bewähren. Wer gut ist, darf auf die Straße. Wer noch besser ist, auf die Bühne: Von den großen Musikfestivals wie dem englischen "Busk off" oder dem französischen "Fête de la Musique" dürfen sich die Teilnehmer Ruhm, Plattenverkäufe und Engagements erhoffen. London zelebriert seine Musikerszene außerdem mit einem Wettbewerb, bei dem jährlich der Superstar unter den Straßenmusikern gekürt wird. Die Vorauswahl fällt bei einer Online-Abstimmung, dann entscheidet eine Jury aus Musikexperten.

In Deutschland ist Musikalität indes noch selten ein Kriterium. Castings wie in München gibt es kaum, auch wenn sie immer wieder diskutiert werden. So zum Beispiel in Wiesbaden: Man habe über die Methode nachgedacht, sagt eine Sprecherin des Ordnungsamts. Doch nur sehr kurz. Denn "dafür fehlt es uns an Zeit, Personal und musikalischer Expertise." Stattdessen verlangt man hier, wie in den meisten Großstädten, eine Gebühr, verteilt limitierte Lizenzen und stellt strikte Regeln auf.

Die wichtigste: Damit niemand den ganzen Tag mit derselben Melodie in Endlosschleife bedudelt wird, müssen Musiker den Platz regelmäßig wechseln. Alle 20 Minuten in Göttingen, alle 30 in Hamburg, jede Stunde in München. In Berlin, wo es kaum eine Straßenecke ohne "Guantanamera" gibt, behält sich das Ordnungsamt vor, Musikanten sogar alle 15 Minuten weiterzuschicken. Gängige Praxis sei das aber nicht, sagt Bezirksstadtrat Marc Schulte. Zudem ist ein Mindestabstand zu Imbissbuden vorgeschrieben.

Gitarre unterm Arm, Formulare in der Tasche

Und was in der deutschen Hauptstadt die Dönerbude ist, ist in der österreichischen die Kirche: "25 Meter Respektabstand" zu Gotteshäusern und Beerdigungen müssen Künstler in Wien einhalten. In Salzburg gibt eine Verordnung auf den Quadratmeter genau vor, wo gespielt werden darf. Und der Stadtrat in Brüssel beschloss 2008, dass Musiker für eine Lizenz zum Spielen eine amtliche Prüfung ablegen müssen - eine Art Straßenmusikerdiplom. New York erlaubt jedem, unter freiem Himmel zu musizieren. Doch sind die besten Plätze in der U-Bahn seit fast 30 Jahren den 350 Teilnehmern eines Förderprogramms vorbehalten. Und in Singapur ist öffentliches Musizieren erst seit 1994 wieder erlaubt - allerdings nicht für Ausländer.

Der Trend unter Straßenmusikern geht also zum musizierenden Tourmanager: Gitarre unterm Arm, Formulare in der Tasche, Vorspieltermine und Regularien im Kopf. Für abenteuerlustige und spontan aufspielende Weltenbummler, wie Albert Dietrich selbst gern einer gewesen wäre, wird es schwierig. Einer von ihnen hat sich jetzt direkt vor dem Münchner Rathaus postiert. Ein Kalifornier mit blondem Bart, riesigem Rucksack und Gitarre. Mädchen in bunten Shorts lassen Münzen in die Tasche vor ihm klimpern, ein junger Vater schaukelt den Kinderwagen im Takt.

Albert Dietrich ist auf dem Weg in die Mittagspause. Einen Moment lang bleibt er stehen. Lauscht und lächelt. Dann aber wandert sein Blick auf den Boden - wo kein Lizenzformular liegt. Es wird jetzt eine Verwarnung geben. Der Beamte legt die Stirn in Falten und stapft auf den Mann zu. Der singt den Oasis-Song "Whatever" - ein Lied über die Freiheit, zu tun und zu lassen was man will.