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Schmuggler-Verstecke:"Natürlich sind die Kästen interessant für uns"

4,5 Tonnen Kokain auf Containerschiff in Hamburg entdeckt

Reisetaschen, die eine Milliarde Euro wert sind: Koakinfund vom August 2019 in Hamburg.

(Foto: dpa)

Autoboss Carlos Ghosn gelangte angeblich in einem Instrumentenkasten zu seinem Privatjet. Aber werden darin wirklich Menschen versteckt? Und was wird heute eigentlich geschmuggelt? Ein Anruf beim Zoll in Frankfurt.

Der frühere Autoboss Carlos Ghosn floh von Japan in den Libanon, laut Medienberichten gelangte er in einem Instrumentenkasten zum Flughafen und floh im Anschluss mit seinem Privatjet nach Beirut. Aber wie viel Hollywood steckt in dieser Anekdote und wie wahrscheinlich ist sie? Zeit für einen Anruf bei Isabell Gillmann, die lange beim Hauptzollamt in Frankfurt als Zolloberinspektorin tätig war.

Was war denn der größte Schmuggelversuch, den Sie miterlebt haben?

Dieses Jahr hat ein Hund 38 Kilo Kokain in Milchpulver für Babys gefunden, das war schon enorm. Der Reisende ist in Frankfurt umgestiegen und hat das vermeintliche Milchpulver mitgebracht. Er wollte nach China. Und da es dort gerade einen Lebensmittelskandal um Milchpulver gab, war es gar nicht so verwunderlich, dass der Herr große Mengen an Milchpulver dabeihatte. Aber den Hund hat das natürlich nicht interessiert, der hat das Kokain sofort gerochen.

Und was war das Absurdeste?

Die "Hochzeitskiste" aus der Türkei, da waren obendrauf Schuhe und ein Hochzeitskleid. Die Kiste hatte aber einen doppelten Boden, unter dem Rauschgift versteckt war. Einmal wurde Plastikspielzeug aus Thailand angemeldet. Wir vermuteten zunächst gefälschte Produkte - für die sind wir auch zuständig. In der Fracht waren dann aber lebendige Vogelspinnen drin, die sich ein Sammler gekauft hatte. An dem Tag habe ich zwar gearbeitet, die Spinnen wollte ich aber lieber gar nicht sehen.

Interview am Morgen

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Der Autoboss Carlos Ghosn hat sich angeblich in einem Instrumentenkasten versteckt, um zum Flugzeug in Japan zu gelangen. Wäre er in Deutschland am Zoll vorbeigekommen?

Natürlich sind die Kästen interessant für uns. Allerdings nicht, weil wir darin Menschen vermuten. Wenn jemand ein neues Instrument aus dem Ausland mitbringt, muss der Zoll nachsehen, was dafür an Steuern oder Abgaben fällig ist. Wir überprüfen zum Beispiel Gitarren daraufhin, ob das Griffbrett aus Palisanderholz ist, das seit 2017 zu den geschützten Holzarten zählt. Natürlich gibt es Fälle, in denen jemand mit einem Instrument aus- und auch wieder einreist, weil er im Ausland ein Konzert hat. In der Regel ist das aber kein Problem.

Ihnen ist also noch niemand im Kontrabasskasten untergekommen.

Nein, das passiert nicht. Dafür haben wir zu wirkungsvolle Sicherheitskontrollen. Die Gepäckstücke werden zum Beispiel alle geröntgt. Davon abgesehen wäre das auch sehr gefährlich: Der Kasten käme ja in den Frachtraum. Ein Mensch, der da drin wäre, könnte Sauerstoffprobleme bekommen.

Isabell Gillmann, die beim Hauptzollamt in Frankfurt arbeitet, weiß, dass Drogenschmuggler meistens erst gar nicht bis zum Zoll kommen. Die Hunde sind schneller.

(Foto: privat)

Aber es werden doch auch Tiere im Frachtraum transportiert?

Tierkäfige werden in einem bestimmten Bereich im Frachtraum gelagert - da weiß man aber ja auch vorher, dass ein Tier drin ist. Und Ghosn ist ja, wenn ich richtig informiert bin, einfach mit dem Privatjet geflogen. Früher, an der DDR-Grenze haben sich Menschen die irrsten Verstecke ausgedacht. In Autos wurden Menschen zum Beispiel im Sitz untergebracht. Dass sich am Flughafen heute jemand am Zoll vorbeischmuggelt, ist aber mehr als unwahrscheinlich. Bei uns passiert es eher, dass Menschen auch ihren Körper benutzen, um etwas zu schmuggeln.

Also Drogen?

Wir haben oft mit Rauschgiftschmuggel zu tun. In der Regel fallen die Menschen, die Drogen im Körper schmuggeln, ohnehin auf. Ein Indiz für Drogenschmuggel kann auch das Land sein, aus dem die Person anreist: Rauschgift kommt immer noch zum großen Teil aus Südamerika. Auffällig ist auch, wenn jemand mehrmals ein- und ausreist.

Gibt es wirklich Menschen, die die Drogen runterschlucken, um am Zoll vorbeizukommen, wie in der Netflix-Serie Narcos?

Ja, auch. Vor ein paar Jahren wollte eine Frau aus Kolumbien nach Spanien weiterreisen und meldete sich, weil es ihr nicht gut ging. Dann kam heraus, dass sie etwa ein Kilo Kokain in den Brüsten implantiert hatte. Sie war Erntehelferin, die versucht hat, ihre Familie zu ernähren. Natürlich hat sie sehr wenig Geld dafür bekommen und ihr Leben riskiert. Im Nachhinein hat man festgestellt, dass die Implantate leicht hätten platzen können, dann wäre die Frau gestorben.

Was wird denn besonders häufig geschmuggelt?

Nun, die Regel ist sehr viel weniger spannend als das aufregende Wort "Schmuggel" es vielleicht vermuten ließe. In den allermeisten Fällen haben wir mit Touristen zu tun, die zum Beispiel eine Stange Zigaretten zu viel dabeihaben. Die wird dann auch gar nicht besonders versteckt. Oftmals ist das auch Unwissenheit, die Zigaretten werden einfach in der "Duty Free"-Tasche rausgetragen. Jetzt im Winter werden vor allem die Fernziele angeflogen, Australien oder Neuseeland. Da bringt der eine oder andere dann doch mal eine Koralle mit. Das ist natürlich verboten, denn die sind vom Washingtoner Artenschutzgesetz geschützt.

Und dann? Wohin mit der Koralle?

Korallen werden zum Beispiel an Schulen zu Lehrzwecken gegeben. Zurückgeschickt wird die Ware fast nie. Einmal hat unser Spürhund Schildkröteneier gefunden. Die sind dann in den Frankfurter Zoo gekommen, wo sie ausgebrütet wurden. Oder, erinnern Sie sich an Justin Biebers Affe?

Ja.

Der kam ins Tierheim in München und dann, als er nicht abgeholt wurde, in den Zoo.

© SZ.de/biaz

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