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Cannonball-Rennen:Nicht mal zum Pinkeln hielt er an

Annual Badwater Ultra Marathon Held In Death Valley's Extreme Heat

Mit dem Auto quer durch die USA (wie hier durch das Death Valley in Kalifornien), das ist für viele ein mehrwöchiger Reisetraum. Fred Ashmore dagegen ist in weniger als 26 Stunden von der Ost- zur Westküste gebrettert.

(Foto: DAVID MCNEW/AFP)

Fred Ashmore, ein Automechaniker aus Maine, hat einen neuen Rekord im legendären wie zweifelhaften Cannonball-Rennen aufgestellt: Ohne Pause fuhr er von New York nach Los Angeles. In einem Mietwagen.

Es gibt Menschen, die haben daraus eine Wissenschaft gemacht, haben sich lange darauf vorbereitet und Unsummen dafür ausgegeben. Und dann gibt es Fred Ashmore. Der mietete sich Mitte Juni einen Ford Mustang GT, baute den Beifahrersitz und die Rückbank aus, holte das Reserverad aus dem Kofferraum, entledigte sich auch sonst aller unwichtigen Teile im Innenraum des Wagens und schraubte stattdessen Reservetanks ein. Die Löcher, die er dafür bohrte, seien so klein gewesen, dass sie der Autovermietung im Nachhinein nicht auffallen würden, sagte er und fuhr los. Von New York an der Ostküste der USA nach Redondo Beach an der Westküste. 4550 Kilometer quer durch die Vereinigten Staaten. Ohne Pause.

Nicht mal zum Pinkeln hielt er an, Ashmore, 44, von Beruf Automechaniker, hatte ja leere Trinkflaschen. Adrenalin habe ihn wachgehalten, sagte er dem Portal Road and Track, wo er nun seine Unternehmung öffentlich gemacht hat. Alles für den Rekord im sogenannten "Cannonball Run", einem legendären und höchst illegalen Rennen, das seit 1971 diverse Verrückte angelockt hat. Oder Helden, wie man es nimmt. In der Cannonball-Szene will Ashmore als Letzteres gelten, schließlich hat er nun ganz allein einen neuen Rekord aufgestellt: 25 Stunden und 55 Minuten. Er bekommt dafür keinen Pokal, kein Preisgeld oder sonst eine materielle Belohnung - im Zweifel eher das Gegenteil, wenn er für seinen Gesetzesverstoß bestraft würde.

Der Chefredakteur des renommierten Automagazins Car and Driver hatte das Rennen vor knapp 50 Jahren ins Leben gerufen. Als Startpunkt legte er die Red Ball Garage in Midtown Manhattan fest, als Endpunkt das Portofino Hotel in Redondo Beach. Regeln oder vorgegebene Routen gibt es nicht.

Erst Anfang April hatten drei anonym gebliebene Männer eine neue Bestzeit aufgestellt. 26 Stunden und 38 Minuten hatten sie gebraucht. Ed Bolian, der bis Ende November vergangenen Jahres selbst die schnellste Zeit gefahren war und mittlerweile so etwas wie der Sprecher der Cannonball-Szene geworden ist, sagt, dass der Ad-hoc-Charakter von Ashmores Versuch wahrscheinlich dessen Schlüssel zum Erfolg war. Nur knapp 3000 Euro hat er investiert. Die Tatsache, dass Bolian Ashmore für seinen Youtube-Channel interviewt und dessen Rekord akzeptiert hat, spricht dafür, dass er auch einer Überprüfung standhält. Noch müssen nämlich die GPS-Daten von einem unabhängigen Dritten kontrolliert werden, heißt es bei Road and Track.

Fred Ashmore nutzte ein Funkgerät, um vor ihm fahrende Trucker zu überreden, ihm Platz zu machen. Er organisierte ein paar Freunde, die ihn zwischendurch, mitten auf einem Interstate, bei laufender Fahrt neu betankten. Acht Minuten brauchten sie, um annähernd 500 Liter Benzin von einem Pick-up in den gemieteten Mustang zu pumpen.

"Wir haben immer gewusst, dass man eine bessere Zeit erreichen kann, wenn man seine Vorsicht in den Wind bläst und so schnell wie möglich fährt", sagte Bolian. "Bis jetzt war niemand verrückt genug, dieses Risiko einzugehen - doch Fred hat alles gegeben."

Im Durchschnitt knapp 108 Meilen pro Stunde

Verrückt genug, sich um keine Verkehrsregeln zu kümmern. Denn das Tempolimit außerhalb geschlossener Ortschaften liegt in den USA in der Regel zwischen 55 und 65 Meilen pro Stunde, lediglich in Ausnahmen sind bis zu 75 Meilen pro Stunde erlaubt. Ashmore fuhr im Durchschnitt knapp 108 Meilen pro Stunde (also etwa 174 km/h).

Verrückt genug, die aktuell für Raser günstigen Bedingungen zu nutzen, obwohl alle Szene-Kenner darüber reden und nicht wenige die Nase rümpfen: Aufgrund der Corona-Krise ist der Verkehr auf US-Straßen stark gesunken.

Arne Toman, ein anderer ehemaliger Rekordhalter, sagte der New York Times angesichts der im April erzielten Bestzeit: "Ich würde meinen Namen derzeit nicht in Verbindung mit dem Rekord sehen wollen. Der vermeintliche Ruhm wäre die öffentliche Ablehnung nicht wert."

© SZ/afis
Car Lands In Swimming Pool Film: The Cannonball Run (USA/HK 1981) Director: Hal Needham 19 June 1981 PUBLICATIONxINxGERx

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Von Christian Zaschke

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