Campingplatz in Lügde Weit mehr als 23 Missbrauchsopfer befürchtet

  • Im nordrhein-westfälischen Lügde sind den Ermittlern zufolge mindestens 23 Kinder im Alter von vier bis 13 Jahren sexuell missbraucht worden.
  • Die mehr als 1000 Einzeltaten ereigneten sich demnach auf einem Campingplatz.
  • Die Polizei stellte etwa 14 Terabyte kinderpornografisches Material sicher, sie befürchtet weitere Opfer.
Von Jana Stegemann, Detmold/Lügde

Der ostwestfälische Ort Lügde im Kreis Lippe ist regional bekannt für einen Osterbrauch, an dem 300 Kilo schwere, lichterloh brennende Eichenräder vor viel Publikum einen Hang hinuntergerollt werden. In den überregionalen Medien macht die selbsternannte "Stadt der Osterräder" mit den hübschen Fachwerkhäusern jedoch seit gestern wegen ganz anderer Geschehnisse Schlagzeilen. Im Zeitraum von zehn Jahren sollen dort auf dem "Campingplatz Eichwald" mindestens 21 Mädchen und zwei Jungen aus NRW und Niedersachsen sexuell missbraucht worden sein. Drei Beschuldigte sitzen wegen des Verdachts des sexuellen und schweren sexuellen Missbrauchs und der Herstellung und Verbreitung kinderpornografischen Materials in Untersuchungshaft. Das teilte Jacqueline Kleine-Flaßbeck von der Staatsanwaltschaft Detmold auf einer Pressekonferenz mit. Es handelt sich demnach um einen 56-Jährigen aus Lügde (sprich: Lüchte), einen 48-Jährigen aus Stade und einen 33-Jährigen aus Steinheim.

Der Leiter der Ermittlungskommission Camping, Gunnar Weiß, befürchtet, dass bei Weitem noch nicht alle Missbrauchsopfer bekannt sein könnten: "Es ist wohl nur die Spitze des Eisbergs", so Weiß. Dem erfahrenen Ermittler bricht vor den Journalisten in Detmold mehrmals die Stimme, er wirkt trotz seiner Professionalität angefasst. Dieser Fall sei für die Kreispolizeibehörde Lippe kein Alltag, die zuständigen Ermittler und Ermittlerinnen arbeiteten daher mit sehr hohem persönlichem Engagement, so Weiß. "Klar, geht uns so ein Fall auch nahe." Man sei eben nicht nur Kriminalist, "sondern auch Mensch."

Bei Durchsuchungen auf dem Campingplatz und in Wohnungen der Verdächtigen stellten die Ermittler umfangreiches kinderpornografisches Material sicher, insgesamt etwa 14 Terabyte Daten, die von der Ermittlungskommission und Experten des LKA ausgewertet werden. Darauf sei unter anderem auch der Missbrauch in Lügde festgehalten worden. Die Ermittler gehen von mehr als 1000 Einzeltaten aus. "Bei der Auswertung stehen wir erst am Anfang", sagte Weiß. Fest steht aber schon jetzt, dass der 56-Jährige und der 33-Jährige die Kinder im Wechsel gefilmt und missbraucht haben. Der 48-Jährige soll hingegen als Auftraggeber in Erscheinung getreten sein, er hat ein Teilgeständnis abgelegt.

Die drei Männer kannten sich offenbar aus einschlägigen Foren. Der 56-jährige mutmaßliche Haupttäter lebte seit 30 Jahren als Dauercamper auf dem abgelegenen Campingplatz - erst mit seinen Eltern, nach deren Tod alleine. Seit Jahren soll der arbeitslose Mann sich sehr um die Kinder auf und im Umfeld des Campingplatzes bemüht haben, zeitweise hatte er ein eigenes Pferd. "Die Kinder haben offenbar eine Bezugsperson in dem mutmaßlichen Täter gesehen", sagte Kriminalkommissar Weiß. Der 56-jährige Verdächtige habe viel getan, um das Vertrauen der Jungen und Mädchen zu gewinnen. So seien von ihm beispielsweise gemeinsame Ausflüge in Freizeitparks organisiert worden, außerdem Quad-Touren und Ausritte mit dem Pferd. "Der Mann hat eine Wohlfühlatmosphäre für die Kinder geschaffen, hat ihnen Geschenke gemacht", so Weiß.

Das ging offenbar so weit, dass eine Mutter ihm ab 2016 ihre damals sechsjährige Tochter anvertraute. Die Frau sei mit der Erziehung ihres Kindes überfordert gewesen, teilten die Ermittler mit. 2015 habe das Mädchen bereits hauptsächlich auf dem Campingplatz gelebt. Seit 2016 sei es sogar offiziell die Pflegetochter des 56-Jährigen gewesen. Obwohl es zweimal Hinweise auf Kindeswohlgefährdung an die zuständigen Behörden gegeben habe, hätten die Jugendämter keinen Anlass gesehen, das Kind aus der Obhut des Mannes zu nehmen. Derzeit werde deshalb auch gegen die Mitarbeiter der beiden zuständigen Jugendämter von Hameln-Pyrmont und Lippe ermittelt, sagte der leitende Oberstaatsanwalt Ralf Vetter. Hinweise auf den sexuellen Missbrauch einer Sechsjährigen im Jahr 2018 hatten die Ermittler auf die Spur der Tatverdächtigen gebracht. Das Mädchen war eine Freundin des heute achtjährigen Pflegekindes. Seit der mutmaßliche Haupttäter in Untersuchungshaft sitzt, hätten sich immer mehr mutmaßliche Opfer gemeldet. Die Polizei habe umfangreiche Opferschutzmaßnahmen eingeleitet.

Frank Schäfsmeier ist seit Anfang der 70er-Jahre der Eigentümer des 100 000 Quadratmeter großen Campingplatzes. Er kennt den mutmaßlichen Haupttäter seit 30 Jahren. So lange lebte der Mann als Dauercamper auf der Anlage im abgeschiedenen Naturpark Teutoburger Wald/Eggegebirge im Ortsteil Elbrinxen. Erst vor Kurzem habe er sich eine Wohnung angemietet, hatte vor Jahren mal einen Minijob auf dem Campingplatz. Müde öffnet Schäfsmeier die Tür seines Wohnhauses auf dem verschneiten Campingplatz, der am Hang zwischen dem Isenberg und einem Eichenwald in einer äußert ruhigen Ecke NRWs liegt. "Ich habe die Nacht überhaupt nicht geschlafen, mir geht's nicht gut. Es geht mir nicht mehr aus dem Kopf." Als "hilfsbereiten Camper" beschreibt Schäfsmeier den 56-Jährigen. "Ich hätte für ihn meine Hand ins Feuer gelegt. Seine Parzelle ist zwar recht unordentlich, aber sonst hatte ich nie Bedenken."

Das ging soweit, dass der 54-Jährige vor vielen Jahren seine eigenen beiden Töchter zum Spielen zu dem 56-Jährigen schickte. Mittlerweile sind sie erwachsen. "Klar, habe ich die beiden sofort gefragt. Aber ihnen ist zum Glück nichts passiert." An die Besuche des Jugendamts erinnert sich Schäfsmeier noch gut. "Die waren ja alle zwei Wochen da." Es habe ihn gewundert, dass die Mitarbeiter vom Jugendamt die doch recht chaotische Wohnsituation des Pflegekindes geduldet hätten, "aber mehr Gedanken habe ich mir da nicht gemacht. Das Mädchen war fröhlich, es schien ihm gut zu gehen."

Sachdienliche Hinweise zum Fall nimmt die Kreispolizeibehörde Lippe unter 05231 - 609 3056 entgegen.

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