Camorra-Gegner Saviano:"Er kann mich mal, der Erfolg"

Lesezeit: 3 min

Italien unter Schock: Wegen neuer Mafia-Drohungen gegen ihn will Roberto Saviano nun das Land verlassen.

Stefan Ulrich, Rom

"Ich will leben. Ich will eine Wohnung haben. Ich will mich verlieben, irgendwo ein Bier trinken gehen, mir ein Buch in einer Buchhandlung aussuchen. Ich will spazieren gehen, mich in die Sonne legen, durch den Regen laufen und meine Mutter treffen, ohne dabei Angst zu haben oder sie zu erschrecken." Ein ganz normales Leben also, das ist es, was sich der Schriftsteller und Journalist Roberto Saviano wünscht.

Camorra-Gegner Saviano: Normaler Lebenswandel unmöglich: Roberto Saviano

Normaler Lebenswandel unmöglich: Roberto Saviano

(Foto: Foto: AFP)

Daher sagte er nun der Zeitung La Repubblica, für die er häufig über die neapolitanische Camorra berichtete: "Ich werde Italien verlassen, zumindest für eine gewisse Zeit. Danach wird man sehen."

Saviano hat genug von dem gepanzerten Leben im Verborgenen, das er führen muss, seit er im Jahr 2006 seinen fulminanten Tatsachenroman "Gomorrha" über die Machenschaften der Mafia im Großraum um Neapel veröffentlichte. Bislang harrte er tapfer in Italien aus, ständig von Carabinieri bewacht, ständig in Gefahr, von dem besonders umtriebigen Camorra-Clan der Casalesi ermordet zu werden. Er fühle sich isoliert, verliere seine Freunde und spüre, wie "eine dunkle Seite" in ihm die Oberhand gewinne, klagt er. In diesen Tagen wurden zudem neue Drohungen der Casalesi gegen ihn bekannt. Der junge Autor meint daher: "Derzeit sehe ich keinen Grund mehr, so weiterzuleben, als ein Gefangener meiner selbst, meines Buches, meines Erfolges. Er kann mich mal, der Erfolg."

Soll Saviano gehen oder bleiben? Das ist nun die Frage, die Italiens Politiker, Schriftsteller und Anti-Mafia-Kämpfer bewegt. Am klarsten fasst Staatspräsident Giorgio Napolitano das Problem in Worte. Die Drohungen der Casalesi gegen Saviano träfen das ganze Land. "Auf dem Spiel stehen die Grundwerte unserer Freiheit und nationalen Würde und der Ruf des demokratischen Italiens in Europa." Allen ist klar: Wenn sich der Schriftsteller ins Ausland flüchten muss, ist das eine Niederlage für das zivilisierte Italien. Viele appellieren daher an ihn zu bleiben. "Er ist ein Beispiel für uns", meint Senatspräsident Renato Schifani. "Die anständigen Leute und das ehrliche Italien stehen zu ihm. Daher wünsche ich mir, dass er unser Land nicht verlässt."

Die Fatwa der Camorra

Die Schriftstellerin Dacia Maraini dagegen sagt: "So wie er kann man doch nicht leben. Ich verstehe Savianos Entschluss, ins Ausland zu gehen, sehr gut." Maria Falcone - die Schwester des von der Cosa Nostra ermordeten Anti-Mafia-Richters Giovanni Falcone - appelliert sogar an ihn: "Roberto, geh fort und rette dich!" In diesen Tagen beschleiche sie das gleiche böse Gefühl wie vor dem Tod ihres Bruders.

Die italienischen Gewerkschaften überlegen, im ganzen Land eine Schweigeminute für den bedrohten Schriftsteller einzulegen. Im Internet - etwa auf der Seite "Facebook" - bildet sich eine virtuelle Schutzgemeinschaft. "Niemand rühre Saviano an!", lautet die Parole. Die süditalienische Provinz Caserta, in der die Casalesi ihre Hochburgen haben, hat ein Bild Savianos auf ihre Internetseite gestellt. Das Porträt setzt sich aus tausend winzigen Fotos von Schülern zusammen. Die Botschaft lautet: Wir lassen dich nicht allein. Sogar die Krippengestalter Neapels werden aktiv. Der Kunsthandwerker Marco Ferrigno hat für den kommenden Weihnachtsmarkt eine Figur des Schriftstellers geschaffen.

Die Staatsanwaltschaft Neapel versucht derweil herauszufinden, was an den jüngsten Drohungen gegen Saviano dran ist. Wie diese Woche bekannt wurde, verriet ein Informant der Polizei, die Casalesi wollten den unbequemen Enthüllungsautor noch vor Weihnachten ermorden. Die italienischen Medien berichteten, die Informationen stammten von einem Cousin des in Haft sitzenden Casalesi-Bosses Francesco "Sandokan" Schiavone. Der Cousin bestritt nun aber gegenüber den Ermittlern, etwas von einem Mordplan zu wissen.

Das italienische Fernsehmagazin "Matrix" berichtete zudem am Mittwochabend von einem Fax, das "Sandokan" Schiavone aus dem Gefängnis heraus an einen seiner Anwälte geschickt haben soll. Darin schimpft er, Saviano verbreite "falsche, verleumderische Unterstellungen über mich". Das müsse aufhören.

Beobachter bezeichneten diese Worte Schiavones bereits als eine "Fatwa". Sie meinen damit ein Todesurteil gegen den Schriftsteller. Die Zeitung La Repubblica ist jedenfalls überzeugt: "Wenn die Casalesi die Möglichkeit bekommen, werden sie Roberto Saviano töten."

Der 29 Jahre alte Autor lässt sich von den Mafiosi dennoch nicht kleinkriegen. Er verspricht, auch wenn er ins Ausland gehe, "werde ich mich mit ihnen beschäftigen - diesmal auf internationaler Ebene". Die Wut auf die Camorra gebe ihm die Kraft weiterzukämpfen. "Ich bin nur ein Schriftsteller, und ich habe nur Wörter benutzt. Genau davor aber haben sie Angst: vor den Wörtern. Ist das nicht wunderbar?"

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