Anschlag auf BVB-Bus "Wenn ich jemanden nur erschrecken wollte, würde ich auf Splitter verzichten"

Der Angeklagte Sergej W. vor dem Landgericht Dortmund.

(Foto: REUTERS)
  • Im Prozesses um den Bombenanschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund hat der Angeklagte dem seinerzeit verletzten Fußballprofi Marc Bartra ein Schmerzensgeld angeboten.
  • Außerdem hat ein Sprengstoff-Ermittler dargelegt, dass die Bombe konstruiert war, um Menschen zu verletzen oder gar zu töten.
  • Der Angeklagte Sergej W. bestreitet das.
Von Ulrich Hartmann, Dortmund

Viel Geld hatte Sergej W. mit dem Bombenanschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund vor zehn Monaten durch Aktienspekulationen verdienen wollen, doch mittlerweile hofft er vor dem Landgericht Dortmund nur noch auf eine möglichst milde Strafe. Zu diesem Zweck hat er dem seinerzeit verletzten Fußballprofi Marc Bartra nun ein Schmerzensgeld angeboten. Dem mittlerweile in Sevilla spielenden Spanier und einem beim Anschlag verletzten Polizisten stellte er am sechsten Tag des Prozesses einen sogenannten Täter-Opfer-Ausgleich in Aussicht. Derweil kommt Stürmer Pierre-Emerick Aubameyang um eine Geldbuße durch das Gericht herum. Er war am vergangenen Montag als Zeuge nicht erschienen, sein vorgebliches Fieber war angezweifelt worden, weil er kurz darauf einen erfolgreichen Medizincheck bei seinem neuen Klub FC Arsenal in London absolvierte.

Während ein Sprengstoff-Ermittler den Hergang des Anschlags rekonstruierte, fixierte Sergej W. zwei Stunden lang regungslos den Fußboden des Gerichtssaals. Wer dreimal 30 Metallbolzen in einer dreiteiligen Splitterbombe zur Explosion bringe, der nehme auch in Kauf, damit 90 Verletzungen oder sogar Tötungen hervorzurufen, so Hans-Peter Setzer vom Bundeskriminalamt.

"Bei dieser Bombe hat sich der Täter etwas gedacht", meint der Fachmann

Doch genau dies bestreitet der Angeklagte. Der 28 Jahre alte Elektronikmeister behauptet, zur Auslösung eines Kurssturzes der BVB-Aktie den Fußballern nur einen Schreck eingejagt, aber niemanden verletzt haben zu wollen. Das zweifelte Sprengstoffermittler Setzer an, als er formulierte: "Wenn ich jemanden nur erschrecken wollte, würde ich auf Splitter verzichten oder die Bomben so ausrichten, dass die Splitter nur nach oben in die Luft fliegen - bei dieser Bombe aber hat sich der Täter etwas gedacht, denn er hat die Sprengstoffeinrichtungen über parkende Autos hinweg ausgerichtet."

Sergej W. hatte am 11. April 2017 drei Sprengstoff-Vorrichtungen mit je drei Boxen im Abstand von je sechs Metern in einer Hecke am Rande des Teamhotels installiert. Jede dieser Vorrichtungen bestand aus einem elektronischen Zünder, 30 in Epoxit-Harz eingegossenen Metallbolzen zu je 16 Gramm sowie einem Kilogramm selbst hergestellten Sprengstoff. Die mittlere der drei Vorrichtungen wurde mit einer Kette in einem Meter Höhe in die Hecke gehängt, die beiden äußeren auf dem Boden abgelegt mit einem Neigungswinkel von mutmaßlich 15 Grad nach oben. Bei Zündung der Bomben durch den Angeklagten per Funk wurden die insgesamt 90 Metallbolzen mit einem Druck von 100 000 bar nach vorne in Richtung des in etwa fünf Meter Entfernung vorbeirollenden Mannschaftsbusses geschleudert.

Der Streuwert solcher Bomben geht über jenen einer Schrotflinte weit hinaus. Von den, nach Angaben des Angeklagten, 90 Bolzen wurden 65 gefunden, sechs hatten den Bus getroffen und eine einzige war in das mit Sicherheitsglas ausgestattete Gefährt eingedrungen. Vermutlich dieser Bolzen hat im Arm des Spielers Marc Bartra zu einem Knochenbruch geführt und ist dann in die Kopfstütze des Nachbarsitzes eingedrungen.

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Auf diesem Sitz hätte der Spieler Mark Durm sitzen sollen. Er saß dort nur deshalb nicht, weil er erkrankt war und nicht mitspielen konnte. Außer dem Fußballer Bartra wurde bei dem Attentat noch ein Motorrad-Polizist, der als Eskorte vor dem Bus gefahren war, durch ein Knalltrauma verletzt.