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Busunglück auf Madeira:Erst ein Knall, dann "ohrenbetäubende Stille"

Zwei Tage nach dem Busunglück mit 29 Toten auf der portugiesischen Insel Madeira sitzt der Schock tief. Über die Unfallursache gibt es wilde Spekulationen.

Es wirkt mitgenommen, aber äußerlich gefasst, das ältere deutsche Ehepaar, das dem portugiesischen Fernsehsender SIC Noticias nach dem katastrophalen Busunfall auf Madeira vors Mikrofon gelaufen ist. Sie rollt ein wenig den Kopf hin und her und sagt in gebrochenem Englisch, na ja, der Nacken tue weh. Ihr Mann habe sich eine Rippe gebrochen. Der berichtet, der Bus sei losgefahren, "plötzlich wurde er schneller und schneller, rammte die Wand". Der Mann zeigt auf die ocker getünchte Wand hinter ihm und ringt mit den Worten. "Wir spürten, es war, es war ... außer Kontrolle". Die Bremsen hätten wohl versagt. Wie die beiden das Unglück, bei dem 29 Menschen gestorben sind, überlebt haben? "Wir haben uns zusammengerollt wie die Babys, so wie man das im Flugzeug immer zeigt."

Von einem Versagen der Bremsen haben schon mehrere Überlebende berichtet. Ein Sprecher der Polizei erklärte dazu jedoch, man wolle keine Spekulationen abgeben. Erste Ergebnisse der Untersuchungen werden für die Woche nach Ostern erwartet. Der Fahrer und der Reiseleiter haben überlebt, stehen aber unter Schock und können noch nicht befragt werden.

Die Urlauber wollten am Mittwoch vom Hotel Quinta Splendida im Ort Caniço zu einem traditionellen Abendessen in die Inselhauptstadt Funchal fahren. Die Bilder einer Überwachungskamera zeigen, wie ihr Bus in einer abschüssigen Linkskurve von der Fahrbahn abkommt. Man sieht, dass er viel zu schnell fährt. Der schwere Wagen schießt eine Böschung hinab, dreht sich um die eigene Längsachse. Er rammt ein Haus, in dem nun ein großes Loch klafft, nachdem Rettungskräfte den völlig demolierten Bus in den frühen Morgenstunden abtransportiert haben. Der Bewohner des Hauses ist der Einzige, der das Drama ohne körperlichen Schaden überstanden hat. Er war nicht zu Hause, als der Reisebus sein Haus in Traumlage hoch über dem Atlantik ramponierte.

28 Menschen wurden dabei verletzt, viele schwer. 16 lagen am Freitag noch im Krankenhaus Dr. Nélio Mendonça von Funchal, zwei auf der Intensivstation. Niemand von ihnen schwebte aber mehr in Lebensgefahr. Die Pastorin Ilse Berardo, Pfarrerin der deutschsprachigen Evangelischen Kirche auf Madeira, besuchte die Überlebenden kurz nach dem Unfall. Zu SIC Noticias sagte sie danach, alle, mit denen sie gesprochen habe, seien zumindest äußerlich gefasst gewesen. Es sei die menschliche Nähe und die Zuwendung der Krankenschwestern und Feuerwehrleute gewesen, die die Menschen erst mal aufgefangen habe.

Maas legt einen Kranz nieder, Portugals Präsident ordnet Staatstrauer an

Doch die Bewältigung beginnt erst. Manche haben bei dem Unglück Angehörige verloren. Ein solches Erlebnis zu verarbeiten könne Jahre dauern, sagte die Diplompsychologin Marion Menzel, die in der Krisenintervention arbeitet, zur SZ. Bei der Bewältigung sollen nun Mediziner der Bundeswehr und Fachleute des Auswärtigen Amts sowie Unfallpsychologen helfen, die am Gründonnerstag zusammen mit Bundesaußenminister Heiko Maas nach Madeira reisten.

Maas legte mit seinem portugiesischen Amtskollegen am Unfallort einen Kranz nieder. Auf Twitter schrieb er: "Wir in Deutschland trauern mit den Angehörigen, die ihre Liebsten in Madeira verloren haben. Unsere Gedanken sind bei ihren Familien. Unsere Gedanken sind auch bei den Verletzten, die wir heute gemeinsam besucht haben." Staatspräsident Marcelo Rebelo de Sousa ordnete Staatstrauer an und legte ebenfalls in Caniço einen Kranz mit pfirsichfarbenen Rosen und einer großen rot-grünen Schleife nieder. Anschließend wollte er Überlebende treffen. Am Karsamstag sollte es einen Trauergottesdienst geben, zu dem auch Vertreter der Bundesregierung erwartet wurden.

Die Verletzten sollen wohl schon am Samstag nach Deutschland gebracht werden, ein Spezial-Airbus der Luftwaffe wurde dafür bereitgestellt. Konsularbeamte organisieren die Rückholung. Angehörigen der Opfer wurde die Möglichkeit gegeben, schnell nach Madeira zu reisen. Der Reiseveranstalter Trendtours, bei dem die meisten der Touristen gebucht hatten, stellte Leute ab, um den Heimtransport Leichtverletzter zu organisieren. "Wir haben für unsere Gäste ausreichend Flugkontingente organisiert, so dass jeder auf eigenen Wunsch nach Hause reisen kann", teilte das Unternehmen mit. Laut Hotelangaben waren die Urlauber keine zusammenhängende Gruppe, auch wenn viele bei demselben Veranstalter gebucht hatten. Sie stammten aus mehreren Teilen Deutschlands.

Derweil geht auf Madeira die Suche nach der Unglücksursache weiter. Trendtours beteuert, die Busfirma sei ein seriöser und verlässlicher Partner. "Laut den uns vorliegenden Informationen war der sechs Jahre alte Bus Ende Januar 2019 zur Inspektion und hat im Rahmen dieser Inspektion eine gültige Zulassung bis Februar 2020 erhalten", heißt es in einer Mitteilung an die Nachrichtenagentur dpa. Der Bus sei von einem lokalen Veranstalter gechartert worden.

Der Bus war offenbar gewartet, der Busfahrer erfahren

Nach Angaben der Polizei hat der Bus alle vorgeschriebenen Kontrollen ohne Beanstandungen durchlaufen. Er stammt vom baskischen Hersteller Irizar. Die Fahrzeuge gelten als robust und zuverlässig. Der örtliche Koordinator der medizinischen Notfalldienste, António Coelho, äußerte die Vermutung, dass viele der Fahrgäste nicht angeschnallt waren. Das schließt er aus einer Beobachtung: "Nur fünf Menschen, darunter der Fahrer, waren beim Eintreffen der Rettungsteams im Bus. Alle anderen befanden sich außerhalb."

Die portugiesischen Medien spekulierten wild über den Unfallhergang. Neben Bremsversagen war die Rede davon, dass der Gaszug geklemmt habe. Dorfbewohner wollen gesehen haben, dass der Fahrer mit einem ruckartigen Ausweichmanöver reagiert habe, als Passanten auf die Fahrbahn rannten. Dabei habe er die Gewalt über das Fahrzeug verloren, das gegen eine Mauer geprallt und dann auf die Böschung zugeschossen sei. Wieder andere wollen nicht ausschließen, dass der Fahrer abgelenkt worden sei. Er verfügt über viele Jahre Erfahrung, kennt auch die Strecke gut, den Unfallschwerpunkt an der Todeskurve.

Die Straßen hier oben sind kurvig und eng. Zeugen berichteten, sie hätten erst ein Rattern, dann einen lauten Knall gehört. Rita Castro, die das Geschehen nach eigenen Angaben aus der Nähe beobachtet hatte, sagte dem Nachrichtensender TVI24, danach sei zunächst eine "ohrenbetäubende Stille" eingetreten. "Ein Schrei aus Stille, wie in einem Schockzustand". Sie selbst habe zunächst auch keinen Laut hervorgebracht. Dann aber seien die Anwohner aus den Häusern gelaufen, um Erste Hilfe zu leisten. Nach wenigen Minuten kamen die ersten Notarztwagen, kurze Zeit später die Feuerwehr.

Bei dem Sturz wurde das Dach des Busses quasi abrasiert, ein Notarzt berichtete, die meisten der Toten hätten schwere Kopfverletzungen erlitten: "Die Böschung sah wie ein Schlachtfeld aus." Auf dem Flughafen von Funchal wurde eine provisorische Leichenhalle eingerichtet, bei den Toten handelt es sich nach portugiesischen Angaben um 18 Frauen und elf Männer, die meisten wurden zwischen vierzig und fünfzig Jahre alt. Bis zum Freitag gab es noch keine offizielle Bestätigung der Bundesregierung, ob die Todesopfer ausschließlich Deutsche waren. Man wolle erst die Angehörigen informieren, hieß es.

Es ist nicht zuletzt die Nähe zum Flughafen Funchal, die den Unglücksort Caniço zu einem Touristenzentrum gemacht hat. Viele Neubauten säumen die steile Küste, von der aus man den Atlantik sehen kann. Caniço hat auch einen alten Dorfkern mit einer malerischen Kirche. Die ganze Gegend gilt als eine Art Touristenkolonie, es gibt deutsche Kneipen und britisches Bier, viel Infrastruktur für Teilzeit-Insulaner. Viele Ausländer haben sich an der grünen Steilküste mit dem Prachtblick auch Häuschen gekauft. Ihr Paradies ist nun vorläufig ein Ort der Trauer.

Sehnsuchtsort

Madeira liegt etwa 950 Kilometer südwestlich von Lissabon im Atlantik. Wanderer, Taucher und Golfer schätzen das milde subtropische Klima, das für den Spitznamen "Blumeninsel" verantwortlich ist. Madeira, etwa so groß wie Hamburg, hat 260 000 Einwohner und gehört zu Portugal. Die sehr gebirgige Insel ist neben der Algarve das beliebteste Reiseziel der Deutschen in Portugal, zudem liegt die Insel auf vielen Kreuzfahrtrouten. Etwa ein Fünftel der 1,3 Millionen Urlauber im Jahr 2017 kamen aus Deutschland. Viele Familien und Rentner mögen Madeira, es ist keine laute Partyinsel. Auf ihre Kosten kommen Naturfreunde - und Fußballfans. Aus Funchal stammt der Weltfußballer Cristiano Ronaldo. Er betreibt auf der Insel das Hotel CR-7 - die Zahl bezieht sich auf die Rückennummer seines Trikots. Dazu gehört auch ein ihm gewidmetes Museum. Der Ort Caniço, in dem der Bus verunglückte, gehört zu den wichtigen Touristenzentren der Insel. SZ