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Bürokratie-Posse um Schallschutz:Mauer in den Köpfen

Mitten durch Ratingen-Hösel könnte bald ein Fünf-Meter-Wall verlaufen - zum Schutz der Anwohner vor einem Sportplatz. Wie beim "Mauerbau von Hösel" die Bürger von der Bürokratie überrollt wurden.

Claudio Catuogno

Um diesen Ausblick haben Linda Gehring schon viele beneidet. Gleich vor ihrem Haus liegt der Sportplatz von Hösel, dahinter beginnt ein Wäldchen, so viel Licht, so viel Weite schmeicheln selten dem Blick.

Fünf Meter hohe Schallschutzmauer wegen eines Sportplatzes.

(Foto: Foto: Google)

Die Stadtverwaltung von Ratingen findet allerdings, so zu wohnen sei Linda Gehring nicht zuzumuten. Der Sportplatz setze gesundheitsschädliche Lärmemissionen frei. Deshalb soll jetzt vor ihrem Garten eine Mauer gebaut werden, sodass sich Frau Gehring bald vorkommen wird, wie früher die Menschen in den Randlagen West-Berlins.

Wobei, nicht ganz: Die Mauer von Hösel wird noch anderthalb Meter höher!

Familie Gehring fühlt sich ziemlich "verschaukelt"

Der "Mauerbau von Hösel" könnte die Kommune berühmt machen. Es wurden schon große Sätze an großen Mauern gesagt ("Die Mauer muss weg" - "Mister Gorbatschow, tear down this wall").

Doch Hösel ist nur der kleine Vorort der kleinen Stadt Ratingen, die wiederum bloß ein Vorposten von Düsseldorf ist. Deshalb wird die Geschichte wohl eher eine Lokalposse bleiben. Und ein Beispiel dafür, dass auch eine Demokratie bisweilen das Gegenteil dessen hervorbringt, was sich die Menschen von ihr erwarten.

Der Höseler Sportplatz ist in traurigem Zustand, seit Jahren ist nichts renoviert worden. Während überall moderne Kunstrasenplätze entstehen, muss der SV Hösel in der Bezirksliga auf Asche antreten.

Die Duschen im Klubhaus sind so heruntergekommen, dass schon Eltern anfragten, ob sie ihre Kinder bedenkenlos zu Auswärtsspielen nach Hösel schicken können. Dafür liegt der Platz mitten im Ort, idyllisch von drei Seiten mit Bäumen umstellt. An der vierten Seite wohnt Familie Gehring und fühlt sich "ziemlich verschaukelt".

Eigentlich hatte der Stadtrat von Ratingen im Herbst mit großer Mehrheit beschlossen, den Platz sanieren zu lassen. Eine krachende Niederlage war das für die Verwaltung und ihren Bürgermeister, die einen Neubau außerhalb des Ortes favorisiert hatten, um das jetzige Areal als Bauland zu verkaufen.

Eine Niederlage, mit der sich die Bürokraten offenbar nicht abfinden wollen. Sie zogen ein Lärmschutzgutachten aus der Schublade, und siehe da: Die Lärmbelastung der 30 Anwohner liegt über den gesetzlichen Grenzwerten. Ein Höseler habe sich sogar schon schriftlich beschwert. Da hilft es wenig, dass Linda Gehring und die meisten Nachbarn es "sehr schön" finden, "wenn auf dem Sportplatz nachmittags Kinder trainieren".

Die Sportstättenlärmschutzverordnung unterscheidet aber nicht zwischen schönen und unschönen Geräuschen. Also muss ein Schallschutz her: 120 Meter lang, fünf Meter hoch, 100.000 Euro teuer.

Auch der Ratinger Baudezernent Ulf-Roman Netzel hatte für einen neuen Sportplatz geworben, draußen neben der Autobahn. Dank des Gutachtens bekommt er womöglich seinen Willen. Denn jetzt, wo ein sanierter Platz nur noch mit Mauer zu haben wäre ("so ist leider die Rechtslage"), wird es wohl keine Sanierung geben. Und keine Mauer.

Genau das scheint das Kalkül zu sein, glaubt Linda Gehring: "Alle sollen sich gegen die Mauer wehren und so dafür sorgen, dass der Sportplatz dichtgemacht werden muss." Ratingens Bürgermeister Harald Birkenkamp weist das als "Verschwörungstheorie" zurück. Ohne Lärmschutzgutachten eine teure Sanierung zu beginnen, wäre "fahrlässig". In Hösel jedoch spricht man von einem Bauerntrick.

Nicht mehr als zwei Fußballspiele pro Sonntag

Vordergründig geht es darum, ob die Gesellschaft den Sport auch in Zukunft in ihrer Mitte belässt, oder an den Rand verbannt. Es geht aber auch um die Frage, wie man eine Verwaltung dazu bringt, politische Entscheidungen umzusetzen, anstatt sie, streng nach Gesetz natürlich, zu manipulieren. "Auf der Strecke bleibt die Demokratie", sagt Karl Ernst Tewes, Vorsitzender des SV Hösel.

Erste Maßnahmen zum Schutz der Anwohner sind bereits angekündigt. Bisher finden jeden zweiten Sonntag drei Ligaspiele statt, an den restlichen Sonntagen dringt nur das Zwitschern der Vögel herüber. Den lärmgeplagten Bürgern seien aber nur zwei Spiele pro Sonntag zuzumuten, steht in dem Gutachten. Deshalb wird in Zukunft wohl jedes Wochenende gekickt. Es scheint fast, als müsse man in Hösel die Anwohner nicht vor dem Lärm, sondern vor der Verwaltung schützen.

© SZ vom 25.02.2008/jkr
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