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Buchstabiertafel:Nathan, Nordpol, Nürnberg?

FILE PHOTO: Letters from a scrabble game are seen in this illustration picture in Ljubljana

N oder M? Manche Buchstaben klingen beim Buchstabieren ähnlich. Bereits in den Anfängen der Telefonie hat das zu Problemen geführt. So wurde die Buchstabiertafel als Hilfe erfunden.

(Foto: Srdjan Zivulovic/Reuters)

Die Buchstabiertafel, die festlegt, wie Buchstaben mündlich beschrieben werden, hat sich im Laufe der Zeit mehrfach verändert. Jetzt arbeitet eine Expertenrunde an einem Vorschlag, der sie grundlegend modernisiert.

Von Anna Ernst

A wie Anton, B wie Berta: Die deutsche Buchstabiertafel hat eine etwa 130-jährige Geschichte hinter sich, in der auch die dunklen Kapitel ihre Spuren hinterlassen haben. Derzeit wird die DIN 5009 - die Norm, in der auch die Buchstabiertafel festgehalten ist - grundlegend überarbeitet. Anton, Berta, Cäsar und ihre Freunde sollen bald schon passé sein. Ein Arbeitsausschuss hat neue Vorschläge erarbeitet - und setzt für die Zukunft auf Städtenamen anstelle von Vornamen.

Im Ausschuss für die DIN 5009 arbeiten 15 Experten aus den Bereichen Bildung, Ausbildung, Versicherungswirtschaft und Postunternehmen. Alle fünf Jahre überprüfen sie standardmäßig, ob die Norm noch zeitgemäß ist und alle Ansprüche erfüllt. Bereits im vergangenen Jahr hatten der Antisemitismusbeauftrage von Baden-Württemberg, Michael Blume, wie auch der Zentralrat der Juden gefordert, einige Buchstaben-Umschreibungen zu ändern. Denn viele Vornamen hebräischen Ursprungs wurden zur Nazi-Zeit aus der Tafel getilgt. David, Jacob, Nathan, Samuel und Zacharias etwa wurden durch Dora, Jot, Nordpol, Siegfried und Zeppelin ersetzt. Nicht alle Änderungen der Nationalsozialisten wurden nach 1945 wieder rückgängig gemacht: "N wie Nordpol" etwa ist bis heute gebräuchlich.

Aber einfach zur alten Liste aus der Zeit der Weimarer Republik zurückkehren, das wollen die Experten des Ausschusses nun auch nicht. Gemeinsam mit Michael Blume haben sie einen neuen Vorschlag erarbeitet, der ganz auf Vornamen verzichten und auf Städtenamen zurückgreifen will. "Diese Entscheidung wurde getroffen, da es bei einer Buchstabiertafel mit Vornamen sehr schwierig ist, die kulturelle Diversität der deutschen Bevölkerung genügend widerzuspiegeln", sagt Julian Pinnig, der Sprecher des Deutschen Instituts für Normung (DIN).

Die düstere Geschichte soll nicht in Vergessenheit geraten

Nur: Wird die Buchstabiertafel überhaupt noch genutzt? Ursprünglich entwickelt wurde sie für die telefonische Kommunikation, die erste Liste dieser Art wurde in einem Berliner Telefonbuch abgedruckt. In Zeiten von E-Mail oder Whatsapp komme ihr im Alltag natürlich "im Vergleich heutzutage eine geringere Bedeutung" zu, sagt Pinnig. Dennoch komme es aber immer noch häufig vor, dass Aktenzeichen oder Kundennummern verständlich per Telefon durchgegeben werden müssten. Vor allem bei der Ausbildung in kaufmännischen Berufen spiele die Buchstabiertafel nach wie vor eine große Rolle, dort sei sie in den Lehrbüchern enthalten. Bei Berufszweigen, die einen starken Fokus auf mündliche Kommunikation legen, werde sie auch in Aufgabenstellungen von Abschlussprüfungen regelmäßig angewendet.

Künftig könnte dort vielleicht Nürnberg, Neuss, Norderstedt oder Neumünster anstelle von Nathan und Nordpol abgefragt werden. Der Ausschuss der Experten plant, im Herbst 2021 einen überarbeiteten Norm-Entwurf zu veröffentlichen. Dieser darf dann zunächst auch von der Öffentlichkeit kommentiert werden. Die düstere Geschichte von Nathan und Co. soll aber nicht ganz in Vergessenheit geraten. Symbolisch soll die Liste der Weimarer Zeit als Beigabe zum neuen Vorschlag mitveröffentlicht werden.

Bis sich die Städtenamen durchsetzen, kann es danach trotzdem noch etwas dauern: "Nach der Kommentierungsphase und der Berücksichtigung möglicher Änderungen soll die DIN 5009 anschließend Mitte 2022 veröffentlicht werden", teilt das DIN mit. Und so lange bleibt der Nordpol ein Teil der Buchstabiertafel.

© SZ/aner/min
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