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Gedenkstätte Buchenwald:"Es gibt Leute, die auf den Wiesen des Mahnmals grillen"

Der Eingang der Gedenkstätte Buchenwald. Zwischen 1937 und 1945 ermordeten die Nazis hinter diesen Mauern mehrere Zehntausend Menschen.

(Foto: AFP)

Der Leiter der Gedenkstätte Buchenwald versucht, Wintersportler durch öffentliche Appelle von dem Mahnmal fernzuhalten. Ein Gespräch über mangelnde Sensibilität, schlechten Geschichtsunterricht und "Jana aus Kassel".

Interview von Antonie Rietzschel

Bis vor wenigen Tagen war die Gedenkstätte Buchenwald auf dem Ettersberg ein beliebtes Ausflugsziel für Wintersportler. Erwachsene und Kinder rodelten mit Schlitten direkt am Mahnmal, das an die Opfer der Nazibarbarei erinnern soll. Die Spuren führten bis zum Rand der Massengräber. Jens-Christian Wagner, Leiter der Gedenkstätte, versuchte mit öffentlichen Appellen, weitere Ausflügler abzuhalten.

SZ: Leichter Schneefall, Minusgrade - das Wetter am Wochenende war ideal für Wintersport. Wurden am Mahnmal der Gedenkstätte Buchenwald wieder Rodler gesichtet?

Jens-Christian Wagner: Der Parkplatz der Gedenkstätte war längst nicht so voll wie in der Woche davor. Unsere Ankündigung, die Security zu verstärken und im Zweifel Anzeige zu erstatten, hat also Wirkung gezeigt. Die Polizei war mit sieben Mannschaftswagen vor Ort - dennoch hat das längst nicht alle abgeschreckt. Auch am zweiten Hang, wo sich der Steinbruch des Konzentrationslagers befindet, fuhren die Leute wieder Schlitten.

Vielleicht wussten sie nicht, wo sie da herumrutschten?

Tatsächlich ist der Steinbruch nur schwer erkennbar, wenn Schnee darauf liegt. Eine Hinweistafel gibt jedoch Auskunft. Wir haben beschlossen, die Beschilderung insgesamt, auch am Mahnmal mit den Ring-Gräbern, auszubauen. Bisher haben wir darauf verzichtet. Wir dachten, es sei selbsterklärend, was für ein besonderer Ort das ist. Da liegen 3000 Tote. Aber den Menschen ist das nicht immer klar, wie die Erfahrung zeigt.

Die Menschen gehen schon länger unsensibel mit der Gedenkstätte um?

Das hat es immer gegeben, nicht nur in Buchenwald. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren sind die Menschen auf dem Gelände ehemaliger Konzentrationslager in ganz Deutschland ihren Hobbys nachgegangen. Ich bin auch für die Gedenkstätte Mittelbau-Dora zuständig, ein Außenlager von Buchenwald. Die Asphaltstraße, die sich mitten durch die Anlage zieht, wurde früher für Rad- oder Motorradrennen benutzt.

Jens-Christian Wagner

Historiker Jens-Christian Wagner, 55, leitet seit vergangenem Herbst die Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora. Er will aufgeklärtes Geschichtsbewusstsein und historisches Urteilsvermögen stärken.

(Foto: Holger Hollemann/Holger Hollemann)

In den Neunzigern wurden die Gedenkstätten ausgebaut, es entstanden diverse Ausstellungsräume.

Das hat zu einer gewissen Sensibilität geführt, die seit einigen Jahren aber wieder nachlässt.

Nicht nur im Winter?

Es gibt Leute, die auf den Wiesen des Mahnmals der Gedenkstätte Buchenwald grillen. In Mittelbau-Dorau habe ich mal eine Frau und ihre Töchter dabei beobachtet, wie sie mit Rollskiern für den Skilanglauf trainierten. Als ich die Frau darauf ansprach, dass das nicht angemessen sei, knallte sie mir an den Kopf: "Ihnen sind wohl ihre Häftlinge wichtiger als das Freizeitbedürfnis der Bevölkerung."

Was haben Sie gesagt?

Dass mir die Achtung vor den Menschen, die hier gelitten haben, tatsächlich wichtiger ist.

Wie erklären Sie sich ein solches Verhalten?

Bei manchen scheint der Verstand Urlaub zu machen. Bei anderen handelt es sich um Ignoranz oder den Wunsch, nichts wissen zu wollen. Aber den Menschen fehlt es auch zunehmend an Geschichtsbewusstsein. Das sehen wir in der Corona-Pandemie sehr deutlich an den sogenannten Querdenkern, die sich etwa Judensterne anheften. Oder erinnern wir uns an "Jana aus Kassel", die sich auf einer Demonstration mit Sophie Scholl verglich.

Lässt sich dieses mangelnde Geschichtsbewusstsein allein darauf zurückführen, dass die NS-Zeit mittlerweile lange her zu sein scheint und die Zeitzeugen langsam verstummen?

Auch die Erinnerungskultur spielt eine Rolle. Die beschränkt sich bisher sehr darauf, um die Toten zu trauern. Sie fragt nicht, warum Menschen zu Opfern gemacht wurden. Warum so viele Deutsche bis zum Ende des Krieges bereitwillig mitgemacht haben. Im Geschichtsunterricht geht es darum, Daten auswendig zu lernen, Epochen benennen zu können. Das hat nichts mit Geschichtsbewusstsein zu tun, also historische Prozesse zu verstehen und Lehren für die Gegenwart zu ziehen.

Sie leiten einen Ort der Erinnerung und der Geschichte. Wie versuchen Sie, die Brücke in die heutige Zeit zu schlagen?

Bis vor wenigen Jahren wurden Schulklassen in den Bus gesetzt und in eine Gedenkstätte gefahren. Dort führte sie ein Guide kurz durch die Anlage. Dann ging es wieder nach Hause. Das ist nicht zielführend. Bei uns beträgt die Mindestdauer der Betreuung zwei Stunden, wir wollen sie auf drei Stunden anheben. Wir möchten den Schülern nicht noch mehr Stoff eintrichtern, sondern ihnen die Möglichkeit geben, alles zu verarbeiten und mit uns zu diskutieren.

Würden Sie auch mit der Demonstrantin aus Kassel diskutieren?

Ich würde sie fragen, wie sie auf die Idee kommt, sich mit Sophie Scholl zu vergleichen. Ich würde mit ihr diskutieren, was unsere heutige Staats- und Gesellschaftsform von der des Nationalsozialismus unterscheidet. Wenn sie für Argumente nicht zugänglich ist, würde ich das Gespräch abbrechen. Mir ist es wichtig, die zu erreichen, die noch kein abgeschlossenes rechtsextremes Weltbild haben, aber kurz davor sind, zu kippen.

© SZ/feko/ick
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