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Buch von Mitch Winehouse über Tochter Amy:Zeuge des Verfalls

Fürsorglich, schüchtern, zielstrebig: Mit diesen Attributen wird die verstorbene Soul-Sängerin Amy Winehouse selten in Verbindung gebracht. Vater Mitch versucht nun, ihr Bild in der Öffentlichkeit posthum zurechtzurücken und erinnert in seinem Buch "Meine Tochter Amy" an die privaten Seiten der Sängerin. Trotzdem lässt er kaum einen peinlichen Skandal aus.

Über Amy Winehouse zu schreiben, bedeutet oft, ihr nicht wirklich gerecht werden zu können. Anstatt von ihrem Ausnahmetalent und ihren Erfolgen zu schwärmen, tauchen unweigerlich Bilder von Torkel-Auftritten vor dem inneren Auge auf. Videosequenzen, die sie beim Crack-Rauchen zeigen. Paparazzi-Fotos, auf denen sie viel zu kurze Kleider trägt, unter denen sich ein ausgemergelter und von Drogen gezeichneter Körper erahnen lässt. Ausblenden lassen sich diese Bilder nicht: Mit Drogen und Alkohol betäubte sich die "Rehab"-Sängerin nicht nur; sie ruinierte auch ihr unbestreitbares Talent. Vor einem Jahr - im Alter von 27 Jahren - ging sie an ihrem Leben zugrunde.

RNPS IMAGES OF THE YEAR 2009

Amy Winehouse galt vielen als die beste zeitgenössische Soul-Sängerin. In den Jahren vor ihrem Tod sorgte sie aber vor allem mit Skandalen für Schlagzeilen. Hier sieht man sie nach einem Gerichtstermin in London im Jahr 2009.

(Foto: REUTERS)

Amys Vater, Mitch Winehouse, hat die Erinnerungen an seine Tochter jetzt in einem Buch veröffentlicht. In "Meine Tochter Amy" skizziert er die Drogenexzesse der britischen Sängerin detailreich. Unter anderem berichtete er davon, wie er ihr während eines Alkoholentzugs Wodka gibt, damit sie aufhört zu keuchen und zu schwitzen.

Er will damit anderen Eltern helfen, die mit der Sucht ihrer Kinder fertigwerden müssen, sagt er. Ums Geldmachen ginge es ihm nicht, jeder Cent des Buches solle in die "Amy Winehouse Foundation" fließen, die Einrichtungen für chronisch kranke Kinder unterstützt. Und trotzdem kommen bei der Lektüre der Biografie unweigerlich unangenehme Fragen auf.

Fragen wie die, warum er, unmittelbar nachdem seine Tochter in Oslo einen desaströsen Auftritt hingelegt hatte, ein Interview zu ihrer Drogensucht gab und so ihr Innenleben unweigerlich nach außen stülpte. Warum er einen Brief seines Schwiegersohns Blake Fielder-Civil, den dieser während der turbulenten Beziehung an die Sängerin schrieb, an Journalisten der News of the World weitergab. Warum er eine Schlammschlacht mit dessen Eltern über die Verantwortung für die Drogensucht der Kinder über die britischen Klatschpresse ausfocht, obwohl er die Medien mitverantwortlich macht für den tiefen Fall seiner Tochter. Und warum er ihre peinlichen Aussetzer und demütigenden Szenen ein Jahr nach ihrem Tod in seinem Buch noch einmal in Erinnerung ruft.

Verstörendes Auf und Ab

Mitch Winehouse beschönigt wenig. "Ich bin jemand, der Klartext redet", konstatiert er gleich zu Beginn seines Buches. Und so berichtet er auch, wie er seine Tochter in den Jahren vor ihrem Tod immer wieder vollgedröhnt auffindet. Das eine Mal ist sie unfähig zu reden oder will "Küsse und Knuddeln" von ihrem Vater, ein anderes Mal ist sie so betrunken, dass sie sich den ganzen Tag übergibt. Er berichtet davon, wie sie sich vor Fotografen und Musikern lächerlich macht, in unpassenden Momenten johlt und klatscht und im Sport-BH zum Abendessen erscheint.

Immer wieder habe er sie angebrüllt, heimlich geweint und ihr das Versprechen abgenommen, clean zu werden und die Finger vom Alkohol zu lassen. Unzählige Male habe er sie zum Entzug geschickt, nur Stunden später sei sie wieder aus der Klinik getürmt. Ein verstörendes Auf und Ab. Dazu kommen Zeilen, in denen er darüber schreibt, wie Amy ihm von Menstruationsbeschwerden erzählt und ihn zum Dessous kaufen schickt. Dinge, die er als Vater nicht hören wollte - aber trotzdem dem Leser genauso wenig vorenthält.

Vielleicht schildert er diese Szenen auch deshalb so eindrücklich, weil er eben nicht nur die Reputation seiner Tochter, sondern auch die eigene wiederherstellen will. Auf 256 Seiten beschreibt Mitch Winehouse vor allem, wie er sein eigenes Leben dem seiner Tochter opfert, wie er sie bestärkt, obwohl er keinen Ausweg sieht. Wie er ihren rauschgiftsüchtigen Mann und einen Drogendealer vom Hof jagt, damit Amy nicht wieder rückfällig wird. So will er wohl seinen Kritikern - und vielleicht auch sich selbst - beweisen: Ich war ein verantwortungsvoller Vater. Ich konnte sie nicht retten. Und wer sollte schon darüber richten?