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Brüssel:Müllabfuhr mit zwei PS

Müllwagen mit Hufen

Die Müllkutsche von Schaerbeek/Schaarbeek sammelt jede Woche den Inhalt von ungefähr 750 öffentlichen Abfallkörben ein.

(Foto: Sven Braun/picture alliance/dpa)

In der Brüsseler Hauptstadtgemeinde Schaerbeek holt ein Pferdefuhrwerk den Müll ab. Nein, das ist keine historische Form der Abfallbeseitigung, sondern hat Gründe, die in der Gegenwart liegen.

Von Karoline Meta Beisel, Brüssel

Als kein Sack mehr übrig ist, steht Ludivine Simon zweifelnd auf der leeren Ladefläche ihrer Kutsche. Die Pferde Youri und Taram machen keinen Mucks in ihren Geschirren. Simons Schicht ist fast vorbei, sie muss nur noch die Kutsche von der Deponie zurück zur Garage fahren und diese letzte Entscheidung treffen: Ob sie jetzt auch das Pferd noch in die Müllpresse stecken soll?

Zum Glück für Youri und Taram geht es nicht um sie beide, sondern um ein anderes Tier: ein Spielzeugpferd aus Plastik, das jemand hinten in die Kutsche gelegt hat, damit Simon es am Ende ihrer Runde zusammen mit den eingesammelten Müllsäcken entsorgt.

Im Brüsseler Stadtteil Schaerbeek wird der Müll nicht wie anderswo mit dem Lkw, sondern mit der Pferdekutsche abgeholt - zwar nicht der gesamte Hausmüll der gut 130 000 Einwohner zählenden Gemeinde, aber der aus den öffentlichen Mülleimern, die an Kreuzungen oder Bushaltestellen stehen. Knapp 750 Mülleimer werden so Woche für Woche geleert, jeden Tag nimmt die Kutsche eine andere Route. Zurück an der Garage wird Simon Taram und Youri abschirren und in ihre Boxen bringen, wo sie sich ausruhen können und Kräfte sammeln für den nächsten Tag.

Dabei ist der Stadtteil im Brüsseler Norden alles andere als ländlich geprägt. Bis auf den Park Josaphat, an dessen Rand auch die Pferde in einem städtischen Gartenbaubetrieb untergebracht sind, gibt es praktisch keine Grünflächen. Und wie fast überall in der Stauhauptstadt Brüssel gibt es auch hier irre viele Autos, die sich durch oft schmale Straßen schieben, dazu Lieferverkehr und ratternde Straßenbahnen.

Jetzt fädelt die Kutsche in den Kreisverkehr ein

Den Pferden - mächtige Ardenner, fast so massig wie Münchner Brauereipferde - scheint das an diesem Morgen nichts auszumachen. Die Müllkutscher sind immer zu zweit unterwegs: Einer lenkt, einer sammelt die Säcke ein und bestückt die Mülleimer neu mit Tüten. Auf Kommando von Simons Kollegen Serin Antonov fädeln sich Taram und Youri in gemächlichem Tempo in den großen Kreisverkehr am Platz Colignon ein. "Youri war am Anfang etwas ängstlich, aber es hat geholfen, dass sich Taram neben ihm durch nichts aus der Ruhe bringen lässt", sagt Simon.

Der sechsjährige Youri arbeitet erst seit weniger als einem Jahr im öffentlichen Dienst: Er ist das jüngste Mitglied in der "Équipe équidée", der Schaerbeeker Müllpferdetruppe. Wenn Youri im Einsatz ist, lässt Simon einige besonders schwierige Müllsammelstellen darum noch aus, etwa den Restmüll vom Wochenmarkt. Dorthin muss dann doch noch ein klassischer Müllwagen kommen. Zumindest bis Youris Training abgeschlossen ist.

Der 17-jährige Taram dagegen steht bereits kurz vor dem Ruhestand: Er gehörte sozusagen zur Gründungsmannschaft, als im März 2011 in Schaerbeek die erste kommunale Müllkutsche zum Einsatz kam. Mit Tierliebe oder gar Umweltschutzerwägungen hatte die Entscheidung damals nichts zu tun: Der Spritpreis war zu der Zeit schlicht so in die Höhe geschossen, dass die Gemeinde nach Alternativen suchte und sie in der Anschaffung von zwei Pferden plus Kutsche mit vergitterter Ladefläche fand. Inzwischen ist noch ein dritter Wallach hinzugekommen, sodass die Tiere abwechselnd an der Reihe sind.

Ludivine Simon ist gelernte Pferdewirtin.

(Foto: Karoline Meta Beisel)

Auch heute noch ist die Zwei-PS-Variante günstiger als ein normales Müllauto, rechnet die Gemeinde in einer Tabelle vor: Einerseits entstehen zwar Futter- und Pflegekosten. Dafür fallen allerdings Sprit- und Reparaturkosten weg, und in der Anschaffung sind die Tiere plus Kutsche deutlich billiger als ein Müllwagen. Immer wieder bekämen sie Besuch aus anderen Städten, die mehr über das Projekt erfahren wollten - zumindest in Belgien sind die Schaerbeeker bislang aber die einzigen geblieben. Die menschlichen Mitarbeiter für das Projekt fanden sie zum Teil unter Pferdewirten, so wie im Fall von Simon. Antonov dagegen arbeitete bereits bei der Müllabfuhr, als er von dem Projekt erfuhr, und bewarb sich für den Pferdedienst. "Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen", sagt er. "Mich erinnert die Arbeit mit den Pferden an meine Kindheit."

Eine willkommene Nebenwirkung kann man beobachten, wenn man Taram und Youri, Simon und Antonov auf ihrer Runde begleitet: Immer wieder bleiben Kinder, aber auch Erwachsene stehen und staunen über das ungewöhnliche Gespann. "Mein Sohn findet die Pferde toll", sagt Adeline Deboey, die mit dem Kinderwagen unterwegs ist. "Und ich finde es auch gut, weil die Kutsche nicht so laut ist wie ein Müllauto und sauberer." Der einzige Dreck, der auf der Pferderunde anfällt, ist der, den die Pferde selber machen - und Müllsäcke haben Simon und Antonov ja sowieso dabei. Wie Hundekotbeutel, nur größer.

Standard-Witz: Warum tragen die Pferde eigentlich keine Masken?

In Zeiten der Corona-Pandemie scheint sich auch schon ein Standard-Witz etabliert zu haben: "Warum tragen denn die Pferde keine Maske?", fragen an diesem Morgen gleich mehrere Passanten. Wegen anhaltend hoher Infektionszahlen gilt seit Anfang August in Brüssel auch unter freiem Himmel Maskenpflicht.

Hinter der Pferdekutsche bilden sich immer wieder kurze Staus, aber die meisten Autofahrer sind geduldig oder fotografieren das Gespann mit ihren Handys. "Manche Leute hupen oder fahren sehr eng an der Kutsche vorbei", sagt Simon. "Aber zum Glück kommt das nicht so oft vor." Manche Autofahrer lassen den Pferden sogar mit Absicht den Vor-Ritt, auch wenn das heißt, dass sie dann langsamer vorankommen.

Beim Tempo kann die Kutsche mit einem herkömmlichen Müllauto nicht mithalten, das ist der einzige Nachteil. Mit Motorkraft wären die Eimer schneller geleert. "So ist es trotzdem angenehmer", sagt Simon: "Für uns - und für das ganze Viertel."

200 bis 300 Müllsäcke fasst die Kutsche. An diesem Tag war die Runde kurz, da waren es weniger, die Simon bei der Deponie entladen musste. Und das Spielzeugpferd? Simon arbeitet bei der Müllabfuhr, sie hat kein Problem, sich von Dingen zu trennen. Diesmal aber kommt das Pferd davon. Künftig soll es bei den echten Pferden am Parkrand wohnen.

© SZ/nas
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