Britische Touristen in Spanien:Dieser Junggesellenabschied war nicht lustig

Britische Touristen in Spanien: Bekannt vor allem für billigen Massentourismus: der spanische Ferienort Benidorm.

Bekannt vor allem für billigen Massentourismus: der spanische Ferienort Benidorm.

(Foto: Jose Jordan/AFP)
  • Eine Gruppe britischer Touristen auf Junggesellenabschied ist offenbar für eine menschenverachtende Aktion im spanischen Touristenort Benidorm verantwortlich.
  • Die Männer sollen einen Obdachlosen dazu gebracht haben, sich den Namen des Bräutigams einzutätowieren.
  • Nun ermittelt die Polizei - und eine britische Geschäftsfrau sammelt Geld, damit der Entstellte sich die Tätowierung wieder entfernen lassen kann.

Von Oliver Klasen

Man kann Junggesellenabschiede schon an sich peinlich finden: das Saufen um des Saufens willen. Eine Gruppe von Männern (oder von Frauen, das macht es nicht besser), die T-Shirts tragen, auf denen etwa "Letzter Tag in Freiheit" steht. Dieses spießige, traurige Verständnis von Ehe und Partnerschaft, das eines aufgeklärten Menschen im 21. Jahrhundert unwürdig ist.

Doch was nun im spanischen Touristenort Benidorm passt sein soll, so berichten es übereinstimmend britische und spanische Medien, überschreitet nicht nur Geschmacksgrenzen. Mehrere Männer, die dort in der vergangenen Woche eine sogenannte Stag Night feierten, sollen einem Obdachlosen 100 Euro geboten haben, damit er sich den Namen des Bräutigams eintätowieren lässt.

"Jamie Blake, North Shields, NE28" sollte auf der Stirn des 34-jährigen Mannes stehen. Tatsächlich soll er in Begleitung der Männer ein Tattoo-Studio in dem Ferienort aufgesucht haben. Doch die Tätowierung wurde wohl nicht vollständig gestochen, weil die Schmerzen an dieser empfindlichen Körperstelle zu extrem waren. Im Guardian heißt es, dass das Tattoo-Studio ein mittlerweile nicht mehr abrufbares Foto auf Facebook gepostet habe. Ohnehin wirft der Fall Fragen nach der Verantwortung des Tätowierers auf, der solch einen Auftrag ausführt.

In Benidorm hat der Fall nun eine Debatte über das Verhalten britischer Touristen ausgelöst. Sie sind die größte Besuchergruppe dort. Früher ein Fischerdorf, hat Benidorm aktuell offiziell 70 000 Einwohner. Doch während der Hochsaison halten sich hier so viele Menschen auf wie München Einwohner hat. Wenn ein Symbolbild gesucht wird für die Auswüchse des Massentourismus, dann werden oft die Bettenburgen von Benidorm gezeigt - riesige, in die Jahre gekommene Hotelanlagen, oft von minderer Qualität, ausgerichtet auf Badeurlauber, die vor allem Party, Alkohol und schnellen Sex suchen.

Ähnlich wie in Magaluf auf Mallorca, ebenfalls ein Touristenort, der vor allem von Briten frequentiert wird, bemühen sich die Behörden in Benidorm, zumindest die wildesten Exzesse einzudämmen. In den vergangenen Jahren haben sie versucht, hochwertigere Hotels anzusiedeln und eine zahlungskräftigere Kundschaft anzulocken. Im Stadtrat wurde im April eine Art Verhaltenskodex für Touristen erarbeitet: "Anti-soziales Benehmen", etwa übermäßiges Trinken in der Öffentlichkeit, soll künftig mit hohen Strafen belegt werden. Maßnahmen, um das Billigimage loszuwerden.

Eine, die gegen dieses Image ankämpft, ist Karen Maling Cowles, Präsidentin einer Gruppe von britischen Hoteliers, die in Benidorm tätig sind. Sie hat sich nach dem Vorfall zu Wort gemeldet: "Unser Verband ist - wie viele Touristen - angewidert von diesem Verhalten. Es ist schrecklich, die Situation eines Mannes in dieser Art auszunutzen und ihm ein wenig Geld hinzuwerfen, damit man sich lustig über ihn machen kann", so die Unternehmerin.

Als sie von dem Fall erfuhr, recherchierte Cowles und spürte den Mann auf. Sie fand ihn schlafend am Strand und unterhielt sich mit ihm, wie es in einem Bericht des Guardian heißt. Auf Anfrage der SZ war sie nicht zu erreichen. Der Mann, der in allen Berichten nur "Tomek" genannt wird, soll erzählt haben, er sei Alkoholiker, habe nach einem heftigen Streit mit seiner Freundin seine Heimat verlassen und sei zu Fuß aus Polen nach Benidorm gekommen. Von den 100 Euro, die ihm die Männer gegeben hatten, sei ihm nicht mal alles geblieben. Den Großteil habe er zwar für Essen und Trinken ausgegeben, doch die restlichen 17 Euro seien ihm gestohlen worden, als er am Strand von einer Gruppe Unbekannter überfallen worden sei.

Die Geschäftsleute sammeln Spenden, damit das Tattoo wieder entfernt werden kann

Der auf der Stirn des Opfers mit Namen verewigte Bräutigam stellt die Geschichte anders dar. In einem Interview mit der britischen Zeitung Newcastle Evening Chronicle erklärte Jamie Blake jetzt, er könne sich nicht an jedes Detail des Abends erinnern. Er sei zu betrunken gewesen und deshalb gebeten worden, die Bar, in der er mit etwa 30 Freunden gefeiert habe, zu verlassen. Er sei jedoch nicht mit in dem Tattoo-Studio gewesen und seines Wissens habe Tomek auch kein Geld erhalten. Obdachlos sei der Mann überdies auch nicht. Er wohne zusammen mit einem Freund von Blake in einer Wohnung.

Die Geschäftsfrau Cowles sammelt nun mit anderen britischen Geschäftsleuten in Benidorm trotzdem Geld, damit sich Tomek das Tattoo wieder entfernen lassen kann. Fast 2300 Euro sind bis Mittwochnachmittag über eine Online-Spenden-Sammel-Seite zusammengekommen, begleitet von vielen Kommentaren, in denen Menschen aus aller Welt dem Mann ihr Mitgefühl aussprechen. "Diese Männer repräsentieren nicht Großbritannien", so ein Spender. Mehrere Tattoo-Studios boten sich zudem an, dem Polen bei der Entfernung des ungewollten Tattoos zu helfen.

Bemerkenswert an dieser ohnehin schon kuriosen Geschichte ist schließlich, dass der Junggesellenabschied am Ende gar keiner war. Wie Blake in dem Interview erzählte, hat sich seine Partnerin noch vor der geplanten Hochzeit von ihm getrennt. Seine Freunde aber hätten entschieden, die diesem Anlass gemäße Sauftour trotzdem durchzuziehen.

Zur SZ-Startseite
Start der Strandkorb-Saison

SZ PlusTourismus in Schleswig-Holstein
:Warum in die Ferne schweifen

Der Tourismus in Deutschland boomt, auch weil die Politik kräftig anschiebt. Schleswig-Holstein erhofft sich vom Fremdenverkehr weit mehr als nur steigende Einnahmen.

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: