Spielemesse in Essen "Tatort" selber spielen ist besser als "Tatort" gucken

Wie im Krimifilm füllt sich im Brettspiel "Detective" eine Wand mit Verdächtigen und roten Bindfäden, die ihre Beziehungen symbolisieren.

(Foto: Portal Games)

Brettspiele werden erwachsen: Auf der weltgrößten Spielemesse gibt es einen Trend zu tiefgründig-ernsten Spielen, und zu solchen, die klassische Brettspiele mit Apps und Raffinessen kombinieren. Macht das Spaß?

Von Daniel Wüllner, Essen

Ganz klar, eine Tat aus Eifersucht, der Mörder muss eine Frau sein, Ende der Beweisführung. Oder? Die Ermittler sitzen am Küchentisch, es wird diskutiert jetzt, man schenkt sich noch mal nach, denn hier geht es natürlich nicht um einen echten Mordfall. Die Ermittler versuchen, zusammen das interaktive Krimi-Brettspiel "Detective" zu lösen.

So oder so ähnlich geht es derzeit womöglich in mehreren deutschen Wohnzimmern oder Küchen zu, denn Titel wie "Detective" sind Teil eines Trends bei Brettspielen. Detektivspiele gab es zwar auch früher schon, die neue Generation aber ist ausgefeilter, sie bindet bisweilen technische Applikationen ein. Das kommt an beim Publikum, wie dieser Tage auf der Spielemesse in Essen zu beobachten ist; sie ist die weltgrößte Messe ihrer Art, begann am Donnerstag und läuft bis Sonntag. 180 000 Besucher werden erwartet und 1400 Neuheiten vorgestellt.

Geht nicht über Los, erzählt Geschichten!

mehr...

Die gesamte Branche erlebe gerade einen Aufschwung, vor allem das Segment der Kinder- und Familienspiele wachse, sagt Hermann Hutter, Vorsitzender des Branchenverbands. Spiele mit innovativen Mechaniken und komplexen Handlungen sind dabei eine Nische, noch jedenfalls - zugleich aber sind sie Vorbild für viele einfachere Brettspiele. Gerade bei Erwachsenen sind sie beliebt, und der Grund für die Nachfrage nach solchen Brettspielen ist simpel: Mit den Spielern werden auch die Spiele erwachsen. Wer als Teenager die Nächte mit "Scotland Yard" verbracht hat, gibt sich mit 40 nicht mehr damit zufrieden. In "Detective" kann er Autopsien analysieren und historische Fakten mithilfe des Internets abgleichen.

Am auffälligsten sind in Essen die Spiele, die sehr ernst und tiefgründig daherkommen, sogenannte "serious games". Spiele, die Thema und Spielabläufe in ernsthafte und mitunter traurige Geschichten verpacken.

Eines der ersten serious games trägt den Namen "Holding on: Das bewegte Leben des Billy Kerr". Der todkranke Patient wird nach einem schweren Herzinfarkt ins Krankenhaus gebracht. Er hat nicht mehr lange zu leben. In der Rolle des Pflegepersonals betreuen die Spieler Billy sowohl medizinisch wie auch palliativ. Ziel des Spiels ist nicht die körperliche Heilung des Patienten, vielmehr geht es darum, ihm vor seinem unabwendbaren Tod zu helfen, seine Vergangenheit zu bewältigen. In jeder Schicht müssen die Spieler gemeinsam entscheiden, ob sie Billy mit Beruhigungsmitteln schmerzfrei durch den Tag bringen oder ob er sich unter Schmerzen seinen verdrängten Erinnerungen stellt.

Bleibt die Frage: Warum sollte man den Spieleabend mit solchen Themen verbringen? Der Spieleautor Michael Fox sagt, die Motivation für sein Design habe darin gelegen, dass er Emotionen durch ein Brettspiel erfahrbar machen will - dafür hatte er zunächst ein Spiel über die Folgen einer Alzheimer-Erkrankung konzipiert. Kern des Spiels war, dass im Verlauf einer Partie immer mehr Erinnerungen verloren gingen. Die Mechanik hat funktioniert, doch das Spiel war viel zu traurig. Deshalb drehte Fox seine Idee für "Holding on: Das bewegte Leben des Billy Kerr" einfach um: Statt Erinnerungen zu verlieren, gibt es hier die Möglichkeit, kostbare Momente Stück für Stück zurückzugewinnen. Denn Billys Geschichte steht nirgendwo als Text geschrieben. Die Spieler setzen sie aus seinen bruchstückhaften Erinnerungen selbst zusammen.

Auch bei den fünf Fällen in "Detective" steht die Lösung nicht auf einer einzigen Karte. Vielmehr werden die Spieler aufgefordert, die Leerstellen zwischen den Fragmenten zu füllen, indem sie selbst mögliche Handlungsstränge weiterspinnen und die Geschichte zu ihrer eigenen machen. Bis zu vier Stunden kann ein einzelner Fall dauern. Das ist harte Arbeit. Doch die wird belohnt, denn sie erfüllt die Anforderung, die jedes Brettspiel braucht, ob ernst oder eher lustig. Im Fall von "Detective" lautet sie: "Tatort" selber spielen ist besser als "Tatort" gucken.

"Wir hatten schon den Gerichtsvollzieher bei uns"

Klaus Teuber hat "Siedler von Catan" erfunden. Heute entwirft er mit seinem Sohn Benjamin Spiele. Ein Interview über anfängliche Geldsorgen und die Renaissance des Brettspiels. mehr... SZ-Magazin