Prozess gegen Norwegen-Attentäter in Oslo Staatsanwältin zollt Überlebenden Respekt

Anklägerin Inga Bejer Engh betritt den Saal um kurz nach zwölf Uhr mittags, begrüßt die Kollegen per Handschlag, lächelt. Sie faltet das Jackett ihres beigefarbenen Hosenanzugs zusammen und streift sich die Robe des Gerichts über. Die 41-Jährige Juristin bestreitet derzeit den schwierigsten Prozess ihrer Karriere und sie hat diese fast übermenschliche Aufgabe, als Anklagevertreterin die Beweislage möglichst objektiv zu durchleuchten, nach der einhelligen Meinung aller Beobachter bislang hervorragend gemeistert. Sie entlarvte die narzisstischen Luftschlösser, die der rechtsextreme Angeklagte in seinem 1500-seitigen Pamphlet aufbaute und vor Gericht erneut ausmalte, durch ständige kritische Nachfragen.

Nachdem die Vorsitzende Richterin Wenche Elizabeth Arntzen die Sitzung eröffnet hat, tritt die blonde Frau ans Mikrofon. Nach einem charmanten Hinweis an die Übersetzer eröffnet Engh das Plädoyer der Staatsanwaltschaft. "Eine lange und herausfordernde Strafsache geht bald zu Ende", sagt sie. Sie spricht von den Opfern des 22. Juli 2011, davon wie sie ihre "Lebenskraft auch im Zeugenstand bewiesen" hätten, davon, dass sie Zufallsopfer gewesen seien, die stellvertretend für die offene Gesellschaft stünden, "die wir alle so schätzen", sagt Engh.

Realität des Unbegreiflichen

Sie habe sich selbst immer wieder daran erinnern müssen, dass die Anschläge Wirklichkeit seien. Damit spricht sie vielen Norwegern aus der Seele, die das Grauen von Utøya nur schwer mit dem sachlichen Prozess in Oslo vereinbaren können.

Es sei die Aufgabe der Staatsanwaltschaft gewesen, diese Strafsache zu behandeln wie jede andere auch, stellt die Juristin klar. "Das war nicht immer leicht." Engh schließt ihre einführenden Bemerkungen mit der ernüchternden Feststellung: "Wie in jedem anderen Verfahren haben wir auch in diesem Prozess erkennen müssen, dass wir nicht alle Fragen ausreichend beantworten können." Einige würden für immer unbeantwortet bleiben. "Das ist eine schlimme Erkenntnis in einer Sache wie dieser", sagt Engh.

Im Gerichtssaal, der an diesem Tag bis auf den letzten Platz besetzt ist, und vor den Augen der Weltöffentlichkeit - die Verhandlung wird auch im Ausland live im Fernsehen übertragen - nimmt Engh dann noch einmal Breiviks Variante der Ereignisse auseinander: das angeblich wegweisende Treffen der Tempelritter in London, das nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft nie stattgefunden hat, die Reise nach Liberia, das Verfassen des Pamphlets. Sie trägt ihre Rede mit fester, entschlossener Stimme vor. Als die Sprache auf die Zeugenaussage der Überlebenden von Utøya kommt, lächelt sie ein entschiedenes Lächeln. Es wirkt, als wolle sie damit aufsteigende Tränen zurückdrängen.

Breivik ohne merkliche Regung

Breivik selbst, wie immer in dunklem Anzug und heller Krawatte, verfolgt die Ausführungen ohne sichtbare Regung. Den Blick hat er nach unten gerichtet, nur ab und zu verzieht er das Gesicht zu einem Grinsen, etwa wenn Engh ihn als tragische Figur bezeichnet.

Zur alles entscheidenden Frage nach der Schuldfähigkeit des Angeklagten sagt Engh nichts. Fast nichts. Die eigentlichen Taten seien angesichts dieser Frage in den Hintergrund getreten, und das sei falsch. Im Gericht würden andere Regeln gelten als in der öffentlichen Debatte, sagt Engh noch. Den heikelsten Teil des Plädoyers jedoch trägt sie nicht selbst vor. Sie überlässt es ihrem Kollegen Svein Holden, auf die entscheidende Frage des Prozesses die Antwort der Staatsanwaltschaft zu geben.