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Polizeigewalt in Brasilien:Mit Sturmgewehren in die Favela

Stundenlang zogen Polizisten mit Sturmgewehren durch das Armenviertel Jacarezinho, die blutige Bilanz: mindestens 25 Tote.

(Foto: Mauro Pimentel/AFP)

Bei einer Polizei-Razzia in Rio de Janeiro sterben mehr als zwei Dutzend Menschen. Die Behörden sprechen von einem notwendigen Einsatz, Menschenrechtler von einem Massaker.

Von Christoph Gurk, Buenos Aires

Als die Polizisten am frühen Donnerstagnachmittag wieder aus Jacarezinho abzogen, hinterließen sie Straßen voller Blut, traumatisierte Kinder und verzweifelte Bewohner. Über Stunden hatte sich das Feuergefecht in dem Viertel im Norden von Rio de Janeiro hingezogen, auf der einen Seite mutmaßliche Mitglieder einer Drogengang, auf der anderen Polizisten. Mehr als zwei Dutzend Menschen kamen ums Leben, unter ihnen ein Beamter. Ein Sprecher der Polizei nannte den Einsatz "gut geplant und notwendig", konservative Boulevardmedien beklatschen ihn als Erfolg. Anwohner dagegen erzählen von Folter und Mord, und Menschenrechtsorganisationen sprechen von einem Massaker, das es so noch nie gegeben habe in der ohnehin blutigen Geschichte der Polizei von Rio de Janeiro.

Es war früher Donnerstagmorgen kurz nach Sonnenaufgang, als die Polizei mit etwa 200 schwer bewaffneten Beamten und gepanzerten Fahrzeugen in Jacarezinho einmarschierte. Ein Polizeihubschrauber kreiste über Wellblechdächern und engen Gassen. Das Viertel liegt nur etwa eine halbe Autostunde entfernt vom berühmten Strand von Ipanema. Statt feinen Sandes und sanfter Wellen gibt es in Jacarezinho aber nur einen verdreckten Fluss und hohe Mauern aus rohen Ziegeln. Viele Bewohner sind Arbeiter, ein paar wenige aber auch kriminell: Jacarezinho gilt als Stützpunkt des Comando Vermelho, einer der mächtigsten Drogengangs Brasiliens.

Beschlagnahmt: Pistolen, Gewehre, Maschinenpistolen, Granaten

Seit Jahrzehnten liefern sie und andere Banden sich einen brutalen Krieg mit der Polizei. Beide Seiten sind dabei hochgerüstet, angefangen bei Sturmgewehren bis hin zu mobilen Raketenwerfern. Nach dem Einsatz in Jacarezinho präsentierte die Polizei noch am Donnerstagabend ein beachtliches Arsenal von beschlagnahmten Waffen: Pistolen, Gewehre, Maschinenpistolen, Granaten.

Die Polizisten, man muss das so sagen, leben gefährlich. Gleichzeitig sind sie aber auch nicht zimperlich, wenn es darum geht, die Banden zu bekämpfen. Auf der Jagd nach vermeintlichen Kriminellen schießen Einsatzkräfte von Hubschraubern aus immer wieder in dicht bewohnte Viertel. Querschläger töten auch unbeteiligte Bewohner und sogar Kinder. Und immer wieder kommt es auch zu Massakern.

Nach dem Tod von vier Beamten zog 1993 ein Todesschwadron der Polizei durch die Straßen von Vigário Geral, nur ein paar Kilometer weiter nördlich von Jacarezinho. Bewohner wurden wahllos beschossen, 21 Menschen starben. Alle paar Jahre wiederholen sich solche Mordaktionen, hinzu kommen noch all die Menschen, die bei ganz regulären Einsätzen der Polizei jedes Jahr in Brasilien ums Leben kommen. Allein 2019 waren es 5800 Tote. Rein rechnerisch sterben in Brasilien also jeden Tag so viele Menschen durch Polizeigewalt wie in Deutschland im ganzen Jahr.

"Ein Polizist, der nicht tötet, ist kein Polizist", sagt Präsident Bolsonaro

Teile der Bevölkerung unterstützen das harte Vorgehen, ebenso wie konservative und rechte Politiker, allen voran Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro. Er sagte vor ein paar Jahren, ein Polizist, der nicht töte, sei kein Polizist.

Aber es gibt auch Widerstand. 2020 erschoss die Polizei in Rio bei einem Einsatz in einer Favela einen unbewaffneten 14-Jährigen, mit einem Sturmgewehr und aus nächster Nähe. Über Wochen hinweg führte der Fall zu Protesten und letztendlich auch dazu, dass der Oberste Gerichtshof für die Dauer der Pandemie Einsätze in Favelas verbot, es sei denn, diese seien dringend notwendig.

Das Urteil ist noch immer in Kraft, und die Frage ist nun auch, ob die Polizei mit ihrem Einsatz nicht gegen den Entscheid der Richter verstoßen hat, ging es doch vornehmlich darum, Mitglieder des Comando Vermelho festzunehmen, weil diese angeblich Minderjährige rekrutiert hatten.

Auf Bildern aus Jacarezinho sind blutverschmierte Wohn- und sogar Kinderzimmer zu sehen.

(Foto: Mauro Pimentel/AFP)

Menschenrechtsorganisationen sprechen von außergerichtlichen Hinrichtungen, und Bewohner berichteten davon, dass Beamten unbewaffnete und verletzte Flüchtige in Wohnhäusern gestellt und noch an Ort und Stelle erschossen hätten. Videos und Fotos im Netz zeigen blutverschmierte Wohn- und sogar Kinderzimmer.

Die Behörden von Rio de Janeiro kündigten am Donnerstag Ermittlungen an.

© SZ/nas
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May 6, 2021, Rio de Janeiro, Brazil: Civil Police operation against drug trafficking in the Jacarezinho slum, in Rio de

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