Die Tragödie von Crans-Montana hinterlässt ein Dorf, einen Kanton, ja ein ganzes Land in Trauer – und wirft viele Fragen auf. Wieso verwandelte sich das Untergeschoss so schnell in eine Feuerhölle? Warum wurde die Bar zu einer Falle, aus der es für viele kein Entkommen gab? Wie konnte so etwas geschehen?
40 Tote, 119 Verletzte hinterlässt die Feuersbrunst von Crans-Montana. Viele von ihnen schweben noch in Lebensgefahr. Die Identität von mindestens 24 Toten ist inzwischen ermittelt – darunter sind laut der Staatsanwaltschaft des Kantons Wallis eine 14-Jährige sowie zwei 15-jährige Schweizerinnen.
Als äußerst wahrscheinlich gilt, dass kurz nach 1.30 Uhr Wunderkerzen an Champagnerflaschen den Brand ausgelöst haben. So suggerieren es Handy-Videos aus der Bar. Auch die Ermittler verfolgen diese Spur „prioritär“, wie Generalstaatsanwältin Beatrice Pilloud bei einer Pressekonferenz sagte. Die Schweizer Justiz hat inzwischen Ermittlungen gegen den Betreiber der Bar aufgenommen – unter anderem wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und fahrlässiger Brandstiftung.
Jacques M., französischer Staatsbürger, hatte die Bar im Juni 2015 übernommen. In einem Interview mit der Walliser Zeitung Le Nouvelliste sagte er damals, er habe „Le Constellation“ während sechs Monaten eigenhändig umgebaut. Entsprach die Bar nach dem Umbau den gesetzlichen Vorgaben? Ja, sagte M. in einem kurzen Telefonat mit dem Schweizer Tagesanzeiger. „Wir wurden in zehn Jahren dreimal kontrolliert.“ Es habe nie Beanstandungen gegeben.
Zweifel an professionellem Brandschutz beim Dämmmaterial
Bei der Frage nach einer möglichen Fahrlässigkeit geht es unter anderem auch um die Verwendung eines Schalldämmmaterials an der Decke der Party-Location. Videos zeigen, wie der auffällig geformte Schaumstoff durch die Wunderkerzen Feuer fängt. Der Tagesanzeiger hat die Bilder zwei Experten für Schalldämmung vorgelegt. Sie wollen anonym bleiben. Ihre Analysen kommen unabhängig voneinander zum gleichen Schluss: Die Anbringung des Dämmmaterials erscheint weder fachgerecht noch professionell.
„Wenn man die Art des installierten Produkts kennt und die Installation auf den Fotos sieht, erscheint mir das Brandrisiko ziemlich offensichtlich“, sagt einer der Experten. Beim Material handele es sich um herkömmlichen Polyurethan-Schaumstoff, wie man ihn im Baumarkt oder im Internet findet. Ein solches Produkt sei für einen Ort wie die Bar „Le Constellation“ höchst ungeeignet. Diese Analyse wird vom zweiten Experten bestätigt.
Ungeeignete Schalldämmung hat schon mehrfach zu tödlichen Bränden in Nachtclubs geführt: 2013 starben im Kiss Nightclub im brasilianischen Santa Maria 242 Menschen, 2016 im Cuba Libre im französischen Rouen 14 Menschen, und 2015 forderte der Brand im Club Colectiv in Bukarest 64 Todesopfer.
Frage nach dem Notausgang in der Bar
Neben der Ausbreitungsgeschwindigkeit ist das Schalldämmungs-Material vor allem wegen der Gase gefürchtet, die es freisetzt. Bei der Verbrennung von Polyurethan entsteht eine dichte Wolke voller giftiger Gase.
Während der Schaumstoff an der Decke wie ein Brandbeschleuniger wirkte, haben die Raumaufteilung und das Evakuierungsmanagement den Vorfall möglicherweise in eine tödliche Falle verwandelt. In den Videos, die die Flucht der Gäste dokumentieren, versuchen viele, in dieselbe Richtung zu gelangen: zum Haupteingang. Dabei soll es einen weiteren Notausgang gegeben haben. War er schlecht beschildert, verschlossen oder verstellt? Es ist eine der weiteren vielen Fragen, die bislang ungeklärt sind.

