SZ-Kolumne "Alles Gute":Maritimes Heimkino

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(Foto: Steffen Mackert)

Der Balkonblick auf den Bosporus ist in den ereignismageren Covid-19-Zeiten spannender als Netflix, gestört wird man nur durch ein Möwenpärchen.

Von Tomas Avenarius, Istanbul

Früher hatten Schiffe manchmal die Pest an Bord. Sie durften dann in keinen Hafen einlaufen und die Matrosen gingen singend und saufend zu Grunde. In Corona-Zeiten ziehen Tanker und Frachter an den verseuchten Bosporus-Ufern vorbei und sehen zu, dass sie es sind, die Abstand halten. Die riesigen Schiffe wirken majestätisch - hier ist das angestaubte Wort trotz der Selbstversenkung der letzten ernst zu nehmenden Monarchie durch Prinz Harry und seine Frau Meghan noch angebracht.

Der Balkonblick auf den Bosporus ist in den ereignismageren Covid-19-Zeiten spannender als Netflix. Die Schiffe fahren in einem ganz eigenen, zeitlosen Takt zum Schwarzen Meer hinauf und zum Marmarameer hinunter, dazwischen wuseln die Bosporus-Fähren von einem Ufer zum anderen, schlüpfen ruckzuck zwischen den Ungetümen hindurch.

In der nahen Unterführung, in der es so ziemlich alles zu kaufen gibt, was es in diesen Zeiten nicht zu kaufen geben sollte, gibt es auch einen chinesischen Feldstecher, wahrscheinlich kommt er aus Wuhan. Die 250-Meter-Tanker, die Frachter und die Fähren sind jetzt zum Greifen nah. Manchmal ziehen stahlgraue Kriegsschiffe vorbei, manchmal reckt sogar ein U-Boot den Turm aus dem Wasser.

Die meisten Schiffe lassen sich auf einer Ship-Spotting-Seite im Internet finden, Länge, Ladung, Billigflagge. Wie groß die Besatzung ist, steht dort auch, aber auf Deck ist nie ein Seemann zu sehen. Wahrscheinlich schauen die alle Netflix.

Gestört wird das maritime Heimkino nur durch ein Möwenpärchen, das auf dem Vorsprung vor dem Balkon sein Nest baut. Möwen sind faszinierende Flieger, aber sie kreischen, lassen ununterbrochen hässliche Dinge unter sich fallen und sind angriffslustig, wenn sie Nachwuchs haben. Da für einen Tierfreund weder eine abgesägte Schrotflinte noch die in der Unterführung angebotenen Paint-Ball-Gewehre in Frage kommen, bleibt nur die Gießkanne: Möwen, mit ihren Schwimmhautfüßen aus zoologischer Laiensicht Wasservögel, sind wasserscheu.

Sie sind aber auch sehr, sehr schlau und lernfähig. Wenn das mit dem Wasser nicht mehr funktioniert, lässt sich die Gießkanne bestenfalls noch nach den Möwen werfen. Auf der Ship-Spotting-Seite wird dann ein unbekanntes Schwimmobjekt auftauchen, nicht ganz 250 Meter lang, giftgrün. Und Luftlinie direkt vor dem Balkon.

In jeder Krise passiert auch Gutes, selbst wenn man es nicht immer auf den ersten Blick erkennen kann. In dieser Kolumne schreiben SZ-Redakteure täglich über die schönen, tröstlichen oder auch kuriosen kleinen Geschichten in Corona-Zeiten. Alle Folgen: sz.de/allesgute

© SZ vom 20.04.2020
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