Boris Becker Spiel, Pass und Chaos

In der Affäre um Boris Becker und einen Diplomatenpass sind viele Fragen offen. Das Becker-Lager fordert nun Aufklärung vonseiten der Zentralafrikanischen Republik.

Von Thomas Hummel

Eigentlich hätte dieser Donnerstag ein guter Tag sein sollen für Boris Becker. Es war der Stichtag, an dem sein Insolvenzverfahren enden sollte, in Großbritannien dauert das im Regelfall ein Jahr. Die Schulden werden gelöscht, der Schuldner kann von vorne beginnen. Normalerweise. Doch was ist schon normal bei Boris Becker? In einer ARD-Dokumentation zu seinem 50. Geburtstag im November sagte er in Richtung Zuschauer: "Ihr müsst euch nicht Sorgen machen, weil mir geht's gut, ich bin erwachsen." Das war in gewisser Weise beruhigend, denn bisweilen drängt sich die Frage auf, wie der Mann das alles aushält.

Es sollte ein bisschen Ruhe einkehren rund um den früheren Tennisspieler. Stattdessen herrscht eine Aufregung wie lange nicht. Es geht um Forderungen von Gläubigern, wegen derer er vor mehreren Gerichten angeklagt ist. Es geht um einen Diplomatenausweis der Zentralafrikanischen Republik und die Frage, ob dieser überhaupt echt ist. In der Folge geht es um einen Antrag auf Immunität, der Boris Becker viele Sorgen nehmen könnte. Den manch einer aber für einen billigen Trick hält, denn was hat Boris Becker schon mit der Zentralafrikanischen Republik zu schaffen? Und ach, seine Ehe ist kürzlich auch noch in die Brüche gegangen.

Die verworrene Geschichte rund um den Diplomatenpass verfolgt das internationale Publikum gerade mit einer Mischung aus Belustigung und Schrecken. In dieser Geschichte liegt vieles im Dunkeln, es gibt nur wenige Gewissheiten. Eine davon ist, dass Becker am 26. April in Brüssel die Hand von Faustin-Archange Touadéra schüttelte, dem Präsidenten der Zentralafrikanischen Republik.

Was will dieses Land mit Boris Becker? Und umgekehrt?

Es gibt Fotos davon und Zeugenaussagen. An diesem Tag überreichte der örtliche Botschafter des Landes Boris Becker ein Dokument, das diesen in den diplomatischen Dienst berufen sollte. Als Attaché für Sport, Kultur und humanitäre Angelegenheiten. Das erregte damals kaum Aufsehen, dabei stand die Frage im Raum: Was will eines der ärmsten Länder der Welt mit Boris Becker? Und umgekehrt?

Becker und Touadéra hatten sich offenbar vorher einmal in Paris getroffen. Es heißt, der Präsident wolle das Image seines Landes polieren und suche dafür Botschafter. In der Zentralafrikanischen Republik herrschen zumeist chaotische Zustände. Religiöse Milizen stehen sich verfeindet gegenüber, die Regierung verteidigt sich mit russischen Söldnern. Immer wieder kommt es zu Anschlägen, Überfällen, Vertreibungen, es droht wieder ein offener Bürgerkrieg.

Inmitten dieser unübersichtlichen Situation sollen seit Jahren auch Diplomatenpässe recht freigiebig ausgestellt werden. "Angesichts der extrem schwachen und bestechlichen Staatsorgane finden Betrüger und Hochstapler aller Art Zugang zum Präsidenten und profitieren von der Situation", erklärte Thierry Vircoulon vom Institut francais des relations internationales der Nachrichtenagentur AFP.

Laut Mitteilung der Brüsseler Botschaft setzt sich Becker "für ein friedliches Miteinander ein und nutzt dabei seine internationalen Verbindungen". Er sei ein aufrichtiger Unterstützer des Landes. Der Kontakt zwischen Präsident und Ex-Wimbledonsieger kam auch durch Stephan Welk zustande. Der Hesse arbeitet dem Vernehmen nach als Netzwerker, bringt Menschen aus Wirtschaft, Kultur und Politik zusammen, die voneinander profitieren können. Seine Rolle im Fall Becker ist noch nicht ganz klar. Fest steht, dass er seit 2015 das Außenministerium des afrikanischen Inselstaats São Tomé und Príncipe berät, nun wird er auch als Sonderberater des Brüsseler Botschafters der Zentralafrikanischen Republik geführt. Welk kennt Boris Becker nach eigener Aussage "schon länger". Auf Twitter freute sich Welk mit Becker über die Aufnahme in den diplomatischen Dienst.

Mit dem Insolvenzverfahren in London habe die ganze Sache natürlich nichts zu tun, beteuert Becker. Dem Top Magazin, einem Lifestyle-Blatt, gab er in Frankfurt ein Interview, das ein bekannter PR-Berater eingefädelt hatte. In dem Gespräch schwärmt er von seinem guten Netzwerk in Afrika. Aber es sei richtig, dass "sein Diplomatenstatus einige Privilegien beinhalte, zum Beispiel Immunität bei besonderen Fällen. Das muss man prüfen." Das hatten seine englischen Anwälte bereits erledigt und beim Londoner Gericht einen Verfahrensstopp beantragt.

"Es ist ein Fakt, dass ich heute Diplomat von Zentralafrika bin"

Das sagt Boris Becker in einem Interview. Aus der Zentralafrikanischen Republik kommen dagegen widersprüchliche Aussagen, sogar von einer "Fälschung" des Diplomatenpasses ist die Rede. mehr ...

Mit hinein spielt hier der erbitterte Kampf zwischen Becker und der Privatbank Arbuthnot Latham & Co. Becker sagt, er habe seine Schulden bei der Bank von 3,9 Millionen Euro bereits hinterlegt. Doch die Bank besteht angeblich zusätzlich auf die Zahlung von 25 Prozent Zinsen pro Jahr, was die Summe auf bis zu zehn Millionen Euro in die Höhe treiben könnte. Die Becker-Seite hält das für sittenwidrig, eine Einigung mit der Bank ist nicht in Sicht. Da kam es sicher nicht ungelegen, die Karte der diplomatischen Immunität spielen zu können.

Mindestens um Arbuthnot Latham & Co. dazu zu bringen, Becker ein paar Schritte entgegen zu kommen. Umso misslicher, dass der Außenminister der Zentralafrikanischen Republik Charles-Armel Doubane bestreitet, je einen Diplomatenpass für Becker ausgestellt und unterschrieben zu haben. Aus dessen Büro hieß es: dieser sei eine womöglich mit Hilfe eines gestohlenen Blankopasses erstellte "Fälschung". Beckers Stellenbeschreibung gebe es gar nicht. Stephan Welk teilt dazu der SZ mit, dies sei für ihn nicht zu verstehen. "Ich habe einen Bericht an den Präsidenten verfasst und warte auf eine Klarstellung." Das Becker-Lager vermutet, ihr Mandant sei Opfer eines Machtkampfes innerhalb der Regierung.

Selbst kann Becker derzeit nichts zur Klärung beitragen. Den Ausweis habe er in Brüssel nur kurz in Händen gehalten, erklärt Anwalt Christian-Oliver Moser, danach sei das Dokument an ein amerikanisches Konsulat verschickt worden wegen eines Visa-Verfahrens. Deshalb sei es unmöglich zu prüfen, ob die Zweifel an der Echtheit des Passes berechtigt sind. Für Welk sei sogar zweifelhaft, "ob der Pass, den die Presse hat, auch der von der Regierung ausgestellte Pass ist". Moser verweist indes auf die "Verbalnote" des Präsidenten, der Becker ja vor Zeugen zum Attaché ernannt habe.

Egal, wie die Geschichte ausgeht: Sie ist ein ausgewachsenes PR-Desaster. Die Öffentlichkeit weidet sich an den Wendungen im Leben ihres früheren Lieblingssportlers. Und ob ihm der Pass letztlich vor Gericht helfen würde? Der Insolvenzverwalter hat das infrage gestellt. Das Gericht soll das Verfahren nun verlängert haben, Anfang Oktober soll der Diplomatenstatus Beckers geklärt werden. Doch Becker will offenbar lieber Arbuthnot Latham & Co. zu einer Einigung zwingen. Denn sonst wären zwar seine Schulden beglichen. Es droht allerdings, dass er noch einige Jahre länger einen Teil seiner Einnahmen an die früheren Gläubiger abführen muss.

Zudem steht noch eine Entscheidung zur Klage seines früheren Geschäftspartners Hans-Dieter Cleven aus, die anders als bisweilen suggeriert keineswegs erledigt ist. Cleven möchte von Becker 41,8 Millionen Franken zurück haben, Becker bestreitet die Forderungen. Das Verfahren steht vor der zweiten Instanz. Auch dort würde ein Gericht wohl entscheiden müssen, ob ein Attaché der Zentralafrikanischen Republik belangt werden kann oder Immunität genießt. Falls Becker denn ein solcher Attaché ist.