Insolvenzverfahren:The Queen gegen Boris Franz Becker

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Insolvenzverfahren: 10 000 Euro hier, 25 619 Euro da: Boris Becker auf dem Weg ins Londoner Gericht.

10 000 Euro hier, 25 619 Euro da: Boris Becker auf dem Weg ins Londoner Gericht.

(Foto: James Manning/dpa)

In London hat der Prozess wegen des Verdachts auf Vermögensverschleierung begonnen, der ehemalige Tennisprofi erscheint mit einem ganzen Rollkoffer voller Material. Die Angelegenheit könnte zäh für ihn werden.

Von Michael Neudecker, London

Als Boris Becker 1985 als 17-Jähriger in Wimbledon gewann, war der Southwark Crown Court ein nagelneues Gebäude, gerade mal zwei Jahre alt. Aber das ist lange her, Boris Becker ist jetzt 54, der Southwark Crown Court wird nächstes Jahr 40. Die roten Teppichböden sehen aus, als hätten sie noch mehr erlebt in dieser Zeit als Boris Becker.

Die nächsten drei Wochen wird der frühere Tennisprofi - einige der Pokale, die er gewann, werden später noch ein Thema sein - überwiegend hier verbringen, in diesem Gerichtsgebäude. Der Southwark Crown Court gehört zu den größeren im Vereinigten Königreich und sieht mit seinen tapezierten Wänden und den abgehängten Decken aus wie aus einem Architektur-Albtraum der Achtzigerjahre. Boris Becker ist angeklagt wegen Vermögensverschleierung in 24 Fällen, ihm drohen bis zu sieben Jahre Haft. Er soll nach seiner Insolvenz im Jahr 2017 Vermögenswerte nicht angegeben oder verschleiert haben; nicht nur der britische Staat nimmt derlei Vergehen ernst. Auf der Anklageschrift steht: "The Queen v Boris Franz Becker".

Becker kommt eineinhalb Stunden vor Beginn des Prozesses, Hand in Hand mit seiner Freundin Lilian de Carvalho Monteiro, eine Anfang Dreißigjährige, die als politische Risikobewerterin arbeitet. Es dauert, bis der übliche Sicherheitscheck erledigt ist, Rollkoffer ausräumen, probetrinken aus allen Trinkflaschen, Ordner vorzeigen, Becker kommt mit größerem Gepäck. Zu allen 24 Punkten will er selbst Stellung nehmen. Er sitzt dann in Saal 3 in einem Glaskasten, immer wieder legt er einen der Ordner aus der Umzugskiste, die neben ihm steht, auf den Schoß und blättert. Neben ihm sitzt eine Dolmetscherin, die ihm notfalls helfen soll.

Pokale und Medaillen, spurlos verschwunden

Dass diese drei Wochen noch zäh werden könnten für Becker, wird schon kurz nach Prozessbeginn klar: Staatsanwältin Rebecca Chalkley beantragt eine Verschiebung. Mark Ford, einer der drei Insolvenzverwalter der Kanzlei Smith & Williamson, sei Corona-positiv, sagt Chalkley. Nach Beratung und einer längeren Unterbrechung lehnt die Richterin den Antrag ab. Sie habe ohnehin nicht damit gerechnet, sagt Chalkley in einer Prozesspause, "wir werden einen Weg drumherum finden".

Und darum geht es überhaupt in diesem Prozess: um Wege, die Becker angeblich drumherum gefunden hat. "Es geht hier um Angelegenheiten des täglichen Lebens", sagt Rebecca Chalkley in ihrer Eröffnung. Becker habe dem Staat seine wahren Vermögensverhältnisse verschwiegen, er habe das System ausgenutzt, "dafür muss er nun den Preis bezahlen". Während ihres Vortrags schüttelt er immer wieder leicht den Kopf. In fast allen Punkten der Anklageschrift geht es um einzelne Summen, die Becker zwischen 16. Mai und 21. Juni 2017 an mehrere Empfänger überwiesen haben soll, nachdem er für insolvent erklärt worden war. 10 000 Euro hier, 25 619 Euro da, knapp über 100 000 dort, insgesamt geht es um eine siebenstellige Summe, die Becker auf verschiedenen Wegen verschleiert haben soll, darunter sind auch Bankkonten, die er nicht angegeben haben soll, oder auch Schulden bei der Liechtensteiner Bank Alpinum in Höhe von 825 000 Euro.

Der unbekannte Angeklagte aus Saal 3

Hinzu kommen Anteile an der Firma Breaking Data Corp, ein Appartement in Chelsea und zwei Immobilien in Leimen. Und, im letzten Anklagepunkt, die Pokale: Wimbledon, Davis Cup, Australian Open, acht Pokale insgesamt, dazu seine olympische Goldmedaille im Doppel 1992, die Becker dem Insolvenzverwalter nicht ausgehändigt haben soll.

Am Rand sitzen die Geschworenen, elf Männer und eine Frau. Die Richterin Deborah Taylor hat ihnen zu Beginn gesagt, sie müssten den Angeklagten behandeln wie einen Menschen, den sie noch nie gesehen haben, auch nicht im Fernsehen. Sondern nur wie einen unbekannten Angeklagten, im Glaskasten in Saal 3.

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