Insolvenzverfahren gegen Boris Becker:Rätsel um den verschwundenen Pokal

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Insolvenzverfahren gegen Boris Becker: Topf auf dem Kopf: Boris Becker, damals 17, nach seinem ersten Wimbledonsieg. Der Pokal beziehungsweise dessen Nachbildung gilt als verschollen.

Topf auf dem Kopf: Boris Becker, damals 17, nach seinem ersten Wimbledonsieg. Der Pokal beziehungsweise dessen Nachbildung gilt als verschollen.

(Foto: imago images/Sven Simon)

In London beginnt an diesem Montag der Prozess gegen Boris Becker, es geht um bis zu sieben Jahre Haft. Der ehemalige Tennisprofi soll Vermögenswerte verschleiert haben, darunter auch eine ganz besondere Trophäe.

Von Michael Neudecker, London

Das wahrscheinlich berühmteste Foto aus dem an berühmten Fotos nicht armen Leben von Boris Becker entstand im Sommer 1985. Damals war Boris Becker ein weitgehend unbekannter 17-jähriger Tennisspieler aus dem weitgehend unbekannten Leimen, er gewann überraschend das größte aller Tennisturniere, das Grand-Slam-Turnier im Londoner Stadtteil Wimbledon. Als er den 45 Zentimeter hohen, vergoldeten Pokal überreicht bekam, setzte er ihn auf seinen Kopf und hielt ihn an den Henkeln fest, die Fotografen drückten ab, der Pokal stand ihm gut. Wie alle Wimbledon-Gewinner bekam er danach eine ungefähr 34 Zentimeter hohe Nachbildung des Pokals geschenkt, in den Jahren danach kamen noch ein paar mehr dazu, auch andere Pokale, Medaillen, sonstige Trophäen.

Dieser Moment, dieser Sommer 1985 hat das Drehbuch des Lebens von Boris Becker neu geschrieben. Dazu gehört nun auch, dass der Verbleib des 37 Jahre alten Pokals von Montag an ein Thema ein paar Kilometer weiter stadteinwärts sein wird, in der Londoner Innenstadt, im Southwark Crown Court.

24 Anklagepunkte, drei Wochen Prozessdauer

Er sei "froh, dass der Prozess jetzt endlich losgeht und das Gericht ein Urteil sprechen wird", sagte Becker kürzlich der Bild-Zeitung. "Die vergangenen fünf Jahre waren verdammt lang, die härtesten meines Lebens." 24 Anklagepunkte werden von Montag an verhandelt, der Prozess ist auf drei Wochen angesetzt.

Im Kern geht es um die Frage, ob Becker, nachdem 2017 ein Insolvenzverfahren gegen ihn eingeleitet wurde, Vermögenswerte verschleiert hat. Konkret soll es um ein Appartement in Chelsea und zwei Immobilien in Deutschland gehen, um etwas mehr als zwei Millionen Euro, Firmenanteile, Bankkonten in Belgien und auf Guernsey - und eben auch einige der Pokale und Medaillen, die er gewann. Die Liste liest sich wie ein Stöbern in der deutschen Tennisgeschichte: die Olympische Goldmedaille 1992 im Doppel mit Michael Stich, der Davis Cup 1989, die Pokale für den Australian-Open-Sieger 1991 und 1996, unter anderem.

Insolvenzverfahren gegen Boris Becker: Im Sommer 2019 ließ Beckers Insolvenzverwalter diverse Trophäen sowie persönliche Gegenstände des einstigen Spitzensportlers versteigern, darunter getragene Tennissocken. Aber einige Pokale waren für die Auktion nicht auffindbar.

Im Sommer 2019 ließ Beckers Insolvenzverwalter diverse Trophäen sowie persönliche Gegenstände des einstigen Spitzensportlers versteigern, darunter getragene Tennissocken. Aber einige Pokale waren für die Auktion nicht auffindbar.

(Foto: AFP)

Becker werde, wie er sagte, "persönlich versuchen, die Vorwürfe bei jedem der 24 Anklagepunkte widerlegen zu können". Sein Anwalt ist der 64-jährige Brite Jonathan Laidlaw, ein gerade in Fällen mit öffentlichem Interesse erfahrener Anwalt. Laidlaw trägt den Titel "Queen's Counsel", ein elitärer Rang für Anwälte im Vereinigten Königreich, der nicht nur seine Erfahrung und seine herausragenden Fähigkeiten anzeigen soll, sondern auch bedeutet, dass er ein deutlich höheres Honorar verlangen darf. Er glaube "an die englische Gerichtsbarkeit", sagte Becker, daher sei er angespannt, aber "nicht panisch".

Insolvenzverfahren gegen Boris Becker: Boris Becker arbeitet seit 20 Jahren als Wimbledon-Kommentator für die BBC. Hier ein Foto vom Turnier im vergangenen Jahr.

Boris Becker arbeitet seit 20 Jahren als Wimbledon-Kommentator für die BBC. Hier ein Foto vom Turnier im vergangenen Jahr.

(Foto: Ashley Western/imago images/Colorsport)

Seit vielen Jahren schon lebt Becker in London, seit 2002 arbeitet er als Experte und Kommentator für die BBC. Becker hat sich in Wimbledon heimisch eingerichtet, seine Villa mit Pool und Planetarium im Londoner Stadtteil mit dem Postcode SW19 ist nicht weit von der Tennisanlage entfernt. Vor ein paar Jahren hat er in einem Interview der Times gesagt, er sei sehr glücklich, England als seine Heimat zu haben, auch wenn es "den Menschen in Deutschland schwerfällt, das zu akzeptieren". Zu Hause rede er mit seiner Familie Englisch, sagte Becker damals.

Vor Gericht wird er dennoch einen Dolmetscher haben, zur Unterstützung, "für das ein oder andere Wort", wie Anwalt Laidlaw bei einer Anhörung vor gut einer Woche sagte. Es geht schließlich um viel: Im schlimmsten Fall drohen Becker bis zu sieben Jahre Haft.

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