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Anhörung für Boris Becker:So wichtig wie ein Big Point

Mit Anzug, Mütze und ernster Miene, so trat Boris Becker im September vor Gericht in London auf. Insgesamt 19 Anklagepunkte wurden von den Behörden zusammengetragen.

(Foto: Tolga Akmen/AFP)

Schon drei Jahre lang zieht sich das Insolvenzverfahren gegen Boris Becker in Großbritannien. Jetzt steht eine weitere Anhörung bevor. Sie könnte über den weiteren Verlauf des Verfahrens entscheiden.

Von Oliver Klasen

Dass Jonathan Caplan bemüht ist, die Bedeutung der Anhörung herunterzuspielen, die an diesem Donnerstag vor dem Southwark Crown Court in London stattfindet, wird schon an seiner Antwort deutlich. Genau einen Satz Text schickt er der SZ per Mail. Es handele sich um eine "Vorabanhörung", schreibt der Anwalt. Anberaumt sei sie "lediglich, um Vorbereitungen für den Prozess zu treffen und vielleicht ein Datum festzulegen", so Caplan.

Alles nur Vorgeplänkel also? Ist die Anhörung, zu der Caplans Mandant Boris Becker an diesem Donnerstag erscheinen muss, nur ein weiterer Routinetermin in einem komplizierten Verfahren? Oder ist sie, wie es die Bild Anfang der Woche ausdrückte, "härter als jeder Fünf-Satz-Krimi"?

Als Tennisspieler galt Becker, 52, dreifacher Wimbledon-Gewinner, als zäher Hund. Als einer, der sich selbst dann nicht aufgab, als er die ersten zwei Sätze verloren hatte und im dritten Satz zwei Breaks hinten war. Beobachter erwarten, dass die Anhörung am Donnerstag, bei der sich Becker den Fragen von Richterin Deborah Taylor stellen muss, in etwa so wichtig werden könnte wie das, was man im Tennis einen big point nennt. Sie könnte über den weiteren Verlauf des Verfahrens entscheiden.

Sein Anwalt gehört zur erlesenen Riege der Kronanwälte

Jonathan Caplan, der Becker am Donnerstag zur Seite stehen wird, ist ein äußerst erfahrener Anwalt mit bestem Ruf. Er hat schon zahlreiche prominente Mandanten vertreten, praktiziert seit 1973, seit 1991 gehört er in Großbritannien zur erlesenen Riege der Kronanwälte, hinter seinem Namen darf er die Abkürzung QC für Queen's Counsel führen.

Schon vor drei Jahren war Becker von einem britischen Gericht für zahlungsunfähig erklärt worden. Seitdem läuft ein Insolvenzverfahren, dessen Details in regelmäßigen Abständen an die Öffentlichkeit dringen und das Becker in einem Interview vergangenes Jahr als "die schwierigste Zeit meines Lebens" darstellte, die er seinem "schlimmsten Feind nicht wünschen" würde.

Becker kooperiert nicht. Becker verweigert die Auskunft. Becker verschleiert seine Vermögensverhältnisse. Das sind im Kern die Vorwürfe der britischen Insolvenzbehörde. 19 Anklagepunkte haben die Ermittler zusammengetragen. Becker habe im Jahr 2017 eine Wohnung im Londoner Stadtteil Chelsea, zwei Grundstücke in Deutschland sowie die Anteile an einer belgischen Firma nicht korrekt angegeben. Er habe außerdem keine Angaben zu zwei für das Insolvenzverfahren relevanten Konten gemacht, auf denen sich damals mindestens 1,3 Millionen Euro befunden haben. Außerdem habe er Schulden in Höhe von heute umgerechnet etwa 830 000 Euro verschleiert.

Die Auflagen Beckers wurden verlängert: um zwölf Jahre

Die Vorwürfe könnten Becker, sollten sie denn alle bewiesen werden können, zusammengenommen eine Gefängnisstrafe von bis zu sieben Jahren einbringen. So hatte es Amtsrichterin Emma Arbuthnot bei einer Anhörung im September festgestellt. Sie verwies den Fall an die nächsthöhere Instanz, eben den Southwark Crown Court, schon das ist ein Zeichen, denn ähnlich wie in Deutschland bei Landgerichten werden vor Crown Courts nur schwere Fälle verhandelt, bei denen die Strafandrohung relativ hoch ist.

Von den gesetzlichen Vorgaben her können Insolvenzverfahren für Privatpersonen in Großbritannien bereits nach einem Jahr abgeschlossen werden, wesentlich schneller als in Deutschland. Im Falle Beckers gibt es die Möglichkeit der Verkürzung jedoch nicht mehr, eben wegen der aus Sicht der Behörden mangelnden Kooperation. Vergangenes Jahr waren einige der Auflagen für Becker um zwölf Jahre verlängert worden - bis 16. Oktober 2031. So ist Becker verpflichtet, in seinem Anwesen im Londoner Stadtteil Battersea zu wohnen, außerdem muss er zwei Tage im Voraus mitteilen, wenn er Großbritannien verlassen will.

Becker gab sich nach dem Termin im September kämpferisch. Auf Twitter schrieb er, er werde sich "mit allen rechtlichen Mitteln verteidigen", und sein Team werde seine Unschuld "zu gegebener Zeit beweisen". Beckers Vertrag mit dem TV-Sender Eurosport wurde kürzlich noch einmal um drei Jahre verlängert, in der Tennis-Fachwelt gilt er als kompetenter und zugleich eloquenter Kommentator. Als er vergangene Woche in Deutschland war, bei einem Termin in einem Golfklub in Dessau, wurde er auch zu seinem Verhältnis zu Geld gefragt, er antwortete: "Manchmal hat man mehr, manchmal hat man weniger. Ich verdiene immer noch zwei Mark fünfzig."

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