ItalienFriedlicher Protest und Krawalle nach tödlichem Polizeieinsatz in Bologna

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Abderrahim Fakir starb in Bologna auf offener Straße. Nun kam es dort zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei.
Abderrahim Fakir starb in Bologna auf offener Straße. Nun kam es dort zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei. Leonardo Garavaglia/JNA via ZUMA Press Wire/dpa

Ein Video zeigt, wie Polizisten einen marokkanischen Einwanderer zu Boden drücken, bis dieser sich nicht mehr bewegt. Das Innenministerium verspricht „völlige Transparenz“, Demonstranten sprechen von einem „staatlichen Mord“.

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Ein Video beherrscht gerade die italienischen Nachrichten und sozialen Netzwerke: Darin wird ein Mann von zwei Polizeibeamten in Uniform auf den Boden gedrückt, sein Gesicht nach unten, die Hände in Handschellen. Ein dritter Mann, Oberkörper nackt, hält ihn an den Knöcheln fest. Der Mann am Boden ruft: „Aiuto. Basta, basta!“ („Hilfe! Genug, genug!“) Trotzdem lassen die Beamten nicht von ihm ab. Bis er nichts mehr sagt und sich auch nicht mehr bewegt.

Der Mann am Boden heißt Abderrahim Fakir, 42 Jahre alt, Einwanderer aus Marokko, seit mehr als 30 Jahren in Italien, er ist Eigentümer einer kleinen Putzfirma. Am Sonntag stirbt er in Bologna in der Mittagshitze auf offener Straße, mehrere Rettungssanitäter sehen zu. Die Bilder sorgen in Italien für Entsetzen. Manche vergleichen den Fall bereits mit dem Tod des Schwarzen George Floyd im Mai 2020 in den USA, andere hingegen verteidigen das Vorgehen der Polizei.

Das Innenministerium in Rom verspricht „völlige Transparenz“. Der kleinere Koalitionspartner von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, die Lega-Partei von Vize-Regierungschef Matteo Salvini, stellte aber bereits fest, dass die Beamten ihre Pflicht getan hätten. Salvini, früher auch Innenminister, erklärte: „Ich stehe immer auf der Seite der Polizei.“

Zunächst friedlicher Protest, dann Krawalle

In mehreren italienischen Städten kam es nach Fakirs Tod zu Protesten. In Bologna, einer traditionell linken Stadt, demonstrierten am Sonntag mehrere Hundert Menschen. Dabei gab es Sprechchöre gegen die Polizei und Rufe nach Gerechtigkeit. Sogar von „assassinio di stato“ („staatlichem Mord“) war die Rede. Am Montag versammelten sich mehrere Tausend Menschen in Bologna, nachdem der Bürgermeister von Bologna, Matteo Lepore, zu einem stillen Gedenken aufgerufen hatte. Auf Plakaten waren Parolen wie „Wahrheit und Gerechtigkeit“ zu lesen. Sprecher der Familie forderten Aufklärung.

Im Anschluss an die zunächst friedliche Kundgebung warfen einige Teilnehmer nach Augenzeugenberichten Flaschen und Molotowcocktails auf die Polizei. Nach einem Bericht der italienischen Nachrichtenagentur Ansa wurden auch die Fenstergitter von gepanzerten Polizeifahrzeugen abgerissen. Die Polizei habe daraufhin Wasserwerfer und Tränengas eingesetzt. Nach Angaben der Rettungsdienste wurden mindestens elf Menschen verletzt, sowohl Demonstranten als auch Polizisten. Der Anwalt der Familie des Getöteten verurteilte die Krawalle.

Leiche wird obduziert und Beweismaterial gesichtet

Vieles ist bislang noch unklar. Die Polizei wurde wohl am Sonntag in den Stadtteil Pilastro gerufen, weil ein Mann dort randalierte. Beim Eintreffen der Beamten soll der Marokkaner, der sich nach Auskunft seiner Anwältin völlig legal in Italien aufhielt, gegen den Streifenwagen geschlagen haben. Daraufhin hätten die beiden Polizisten Pfefferspray eingesetzt, ihn auf den Boden gedrückt und ihm Handschellen angelegt, berichten mehrere Augenzeugen.

Auf dem Video, das aus einem Fenster von einem Nachbarn gemacht wurde, sieht es nicht so aus, als ob von dem Mann am Boden noch Gefahr ausgehen könnte. Seine Hände sind auf den Rücken gefesselt. Immer wieder ruft er um Hilfe. Die Beamten pressen ihn nach unten, bis er immer leiser wird. Erst als er sich nicht mehr bewegt, nach mehr als vier Minuten, drehen sie ihn um. Um 12.53 Uhr stellt ein Arzt seinen Tod fest.

Die Leiche wird nun obduziert. Davon erhoffen sich die Ermittler Aufschluss über die Todesursache. Beim ersten Augenschein habe man Verletzungen am Hinterkopf und im Gesicht festgestellt, heißt es. Nun geht es auch darum, ob der Mann möglicherweise Vorerkrankungen hatte. Zudem wurde die Körperkamera (Bodycam) eines der beiden beteiligten Polizisten der Staatsanwaltschaft übergeben. Auch das Video ist in deren Besitz.

Warum wurde die Polizei gerufen?

Unklar ist auch noch, warum es in Pilastro überhaupt zu Ärger kam. Der Marokkaner sei zu Besuch bei Verwandten gewesen, hieß es. Angeblich gab es Streit vor einer Garage. Die Polizisten sollen dann den Rettungsdienst herbeigerufen haben, weil der Mann angeblich Anzeichen einer psychiatrischen Krise gezeigt haben soll.

Noch hat die Staatsanwaltschaft nicht entschieden, ob sie gegen unbekannt ermittelt oder konkret gegen die beiden Polizisten – und möglicherweise auch gegen die Sanitäter, weil diese nichts unternahmen. Gegen die zwei Polizisten laufen aber bereits Vorermittlungen wegen fahrlässiger Tötung, ebenso wie gegen insgesamt vier Sanitäter. Aus dem Innenministerium heißt es dazu: „Es gibt nichts zu verbergen, uneingeschränkte Zusammenarbeit mit den Ermittlern.“

Für die Polizisten greift eine Regelung aus Italiens neuem Sicherheitsgesetz: Anders als gewöhnliche Verdächtige werden sie nicht direkt in ein Ermittlungsregister eingetragen, sondern in ein gesondertes Vorregister.

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