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Vorläufiger Untersuchungsbericht:Absturz in Äthiopien: Crew hat alle Boeing-Vorgaben befolgt

Untersuchung am Ort des Unglücks: die Überreste der Boing 737 nach ihrem Absturz in der Nähe von Addis Abeba.

(Foto: AP)
  • Ein vorläufiger Untersuchungsbericht über den Absturz einer Boeing 737 Max in Äthiopien kommt zu dem Schluss, dass die Piloten einen vom Flugzeughersteller vorgesehenen Notfallplan befolgten.
  • Trotzdem konnten sie den Absturz der Maschine, bei dem Mitte März 157 Menschen zu Tode kamen, nicht verhindern.

Die Piloten des Ethiopian-Airlines-Fluges 302 haben nach Angaben der äthiopischen Zivilluftfahrtbehörde alle von Boeing vorgeschriebenen Notfallverfahren befolgt. Sie waren dennoch nicht in der Lage, die Kontrolle über das Flugzeug wiederzuerlangen, so Verkehrsministerin Dagmawit Moges bei einer Pressekonferenz in Addis Abeba.

Die äthiopische Zivilluftfahrtbehörde ECAA will am Donnerstag den vorläufigen Unfallbericht zum Absturz der Boeing 737 Max 8 veröffentlichen, bis zum späten Vormittag lag er aber noch nicht vor. Bei dem Absturz am 10. März waren alle 157 Menschen an Bord ums Leben gekommen. Der Unfall war der zweite einer 737 Max innerhalb von weniger als fünf Monaten. Am 29. Oktober vergangenen Jahres war in Indonesien eine Maschine der Airline Lion Air abgestürzt, alle 189 Insassen starben. Seit dem 13. März gilt infolge der beiden ähnlich verlaufenen Unglücke ein weltweites Flugverbot für alle 737 Max.

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Ethiopian Airlines schreibt in einem Statement, der Bericht zeige klar, dass die Piloten allen von Boeing empfohlenen Verfahren gefolgt waren. "Trotz ihrer harten Arbeit und obwohl sie alle Notfallprozeduren eingehalten haben, gelang es ihnen bedauerlicherweise nicht, das Flugzeug aus dem dauerhaften Sinkflug herauszusteuern", so die Airline.

Die Behörde empfiehlt laut der Ministerin in dem Dokument, dass das Flugsteuerungssystem der 737 Max genau überprüft werden soll. Flugsicherheitsbehörden weltweit sollten zudem sicherstellen, dass das Flugzeug kontrollierbar bleibt, bevor das Flugverbot aufgehoben wird.

Vor allem die Aussage, dass die Piloten alle vorgeschriebenen Verfahren verfolgt haben, wirft die Frage auf, ob diese Verfahren ausreichend waren, um einen Kontrollverlust zu vermeiden. Sowohl beim Absturz des Ethiopian-Jets als auch beim Unfall der Lion-Air- 737 Max hat offenbar das Maneuvering Characteristics Augmentation System (MCAS) eine fatale Rolle gespielt. Die Steuerungssoftware soll bei extrem hohem Anstellwinkel die Nase des Flugzeuges automatisch senken, um einen Strömungsabriss zu vermeiden. Bei beiden Unfällen sprach das System offenbar aufgrund fehlerhafter Daten an.

Es gibt Unterschiede zwischen den Absturz-Ursachen

Beim Absturz der Lion-Air-Maschine schaltete die Crew nicht, wie von Boeing vorgeschrieben, die Stromversorgung für die Trimmung des Höhenleitwerkes ab. Immer wieder konnte das MCAS deswegen irrtümlicherweise gegensteuern. Die Ethiopian-Piloten hingegen hielten sich offenbar zunächst an die Verfahren und verloren dennoch die Kontrolle. Ohne die Stromversorgung müssen sie in der 737 Max an einem Rad drehen, um die Stellung des Höhenruders mechanisch zu verändern und so die Nase des Flugzeuges nach oben zu bewegen. Offenbar aber warnte der Computer gleichzeitig vor einem Strömungsabriss: Die Piloten hatten also Grund, schneller zu fliegen.

Bei hoher Geschwindigkeit in niedriger Höhe (und besonders dichter Luft) ist das Leitwerk aber nur sehr schwer manuell zu verstellen. Außerdem war einer der Piloten mutmaßlich damit beschäftigt, mit aller Kraft am Steuerhorn zu ziehen, um wenigstens das kleine auf dem Leitwerk angebrachte Höhenruder in die entgegengesetzte Richtung zu bewegen und die Höhe zu halten. Dies könnte erklären, warum die Piloten offenbar die elektrischen Hilfen wieder einschalteten. Damit könnte die große Steuerfläche schneller verstellt werden - allerdings springt dann bei falschen Daten auch wieder MCAS an und drückt das Flugzeug nach unten.

Boeing hatte nach dem Lion-Air-Absturz immer wieder auf die Verfahren verwiesen, die ausreichten, um die Kontrolle wiederzuerlangen. Die Erkenntnisse aus dem Ethiopian-Crash aber deuten darauf hin, dass der Hersteller womöglich nicht alle Faktoren ausreichend bedacht hat, vor allem nicht die hohe Geschwindigkeit.

Der Flugzeughersteller überarbeitet die Software für MCAS und will diese in einigen Wochen der US-Luftfahrtbehörde Federal Aviation Administration (FAA) zur Genehmigung vorlegen. Das Update schränkt die Wirkweise von MCAS massiv ein. Zudem soll das System nicht mehr nur von einem, sondern von zwei Sensoren gefüttert werden.

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