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Ethiopian-Airlines-Absturz Boeing empfiehlt Startverbot für alle 737-Max-Maschinen

Zwei 737 Max 8 der Air Canada auf dem Flughafen San Francisco.

(Foto: REUTERS)

Der US-Luftfahrtriese Boeing empfiehlt nach dem Absturz einer Boeing 737 Max 8 in Äthiopien ein vorübergehendes Startverbot für alle Flugzeuge der 737-Max-Reihe weltweit. Boeing teilte am Mittwoch mit, eine entsprechende Empfehlung sei an die US-Luftfahrtbehörde FAA gegangen. Betroffen sei "die gesamte weltweite Flotte von 371 737-Max-Flugzeugen". Es handele sich um eine reine Vorsichtsmaßnahme. "Boeing hat weiterhin volles Vertrauen in die Sicherheit der 737 Max." Bisher war die US-Flugaufsicht FAA die einzige Behörde, die noch kein Startverbot für diesen Flugzeugtyp ausgesprochen hatte.

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Am Mittwoch ordnete die Behörde ein Startverbot für alle Boeing 737 Max an, die in den USA fliegen oder von US-Fluglinien betrieben werden. Die Behörde teilte mit, Ermittler hätten "neue Beweise" an der Unfallstelle gesammelt und analysiert. Diese Beweise sowie neue Satellitendaten hätten zu der Entscheidung geführt. Das Startverbot bleibe in Kraft, solange weitere Untersuchungen wie etwa die Auswertung der Flugdaten der abgestürzten Maschine liefen.

Zahlreiche Aufsichtsbehörden in europäischen und asiatischen Ländern sowie in Kanada hatten das getan. Boeing wie auch die FAA stehen wegen des Festhaltens an der Betriebsgenehmigung zunehmend in der Kritik. Mindestens 240 der seit 2017 etwa 370 ausgelieferten Maschinen stehen inzwischen am Boden.

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Boeing: Warum die Flugverbote zu früh kommen

In zig Staaten, darunter alle Mitglieder der Europäischen Union, darf die Boeingmaschine 737 Max 8 nicht mehr fliegen. Nur die USA sträuben sich.

Beim Absturz kurz nach dem Start von Addis Abeba Richtung Nairobi waren am Sonntag alle 157 Menschen an Bord ums Leben gekommen. Es war das zweite Unglück innerhalb von fünf Monaten mit dem Flugzeugtyp. Im Oktober war eine Boeing 737 Max 8 der indonesischen Fluggesellschaft Lion Air ebenfalls kurz nach dem Start verunglückt.

Die Flugschreiber der in Äthiopien abgestürzten Maschine sollen nun in Europa untersucht werden. Es gebe nicht die erforderliche technische Ausrüstung, um die Daten in Äthiopien auszulesen, sagte ein Sprecher der Fluggesellschaft Ethiopian Airlines.

Gemäß des Chicagoer Abkommens, einer 1944 geschlossenen internationalen Vereinbarung, die den zivilen Flugverkehr regelt, ist der Staat, auf dessen Hoheitsgebiet sich ein Unglück ereignet, prinzipiell für die Untersuchung zuständig. Häufig werden auch Experten desjenigen Landes hinzugezogen, in dem das Flugzeug hergestellt wurde. Dorthin werden normalerweise die Black Boxes geschickt. Sie zeichnen den Sprechfunk im Cockpit sowie alle Flugdaten auf. Im Fall des abgestürzten Flugzeugs würden sie im Regelfall in den USA geschickt, dem Sitz von Boeing.

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Dass sich die äthiopische Regierung für Europa entschieden hat, könnte als Zeichen des Misstrauens gewertet werden. Zwar liegt die Unglücksursache nach wie vor im Dunkeln, es besteht jedoch der Verdacht, dass ein neuartiges Kontrollsystem möglicherweise nicht funktionierte. Das MCAS beeinflusst den Anstellwinkel beim Steigflug und soll verhindern, dass das Flugzeug in einen kritischen Flugzustand gerät. Boeing wird auch vorgeworfen, dass die Piloten nicht ausreichend geschult wurden, wie sie das System im Notfall abstellen können.

Meldungen, die Black Boxes könnten von Flugunfallexperten in Deutschland untersucht werden, dementierte ein Sprecher der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung am Abend. Auf SZ-Anfrage erklärte er, seine Behörde werde die Untersuchung der Flugschreiber der abgestürzten Maschine nicht vornehmen. Da die Boeing 737 Max 8 in Europa derzeit kaum verbreitet sei, verfüge die BFU noch nicht über das nötige Know-how zum Auswerten der Black Box dieses Flugzeugmusters.

Nach Einschätzung von Experten sind derzeit ausreichend Ersatzflugzeuge und Reserven vorhanden, um größere Störungen durch den Ausfall der 737 Max 8 zu verhindern. Das neue Modell sei noch nicht so stark im Markt vertreten, als dass sich ein Ausfall gravierend auf die Airlines auswirken würde. Die von Boeing in Aussicht gestellten Updates für eine Steuerungssoftware werden in den kommenden Tagen erwartet und sollen dann auf die Bordcomputer geladen werden.

Für den Boeing-Konzern könnte das jüngste Unglück weitaus mehr als nur eine Imagekrise bedeuten. Die 737-Max-Serie ist derzeit der gefragteste Flugzeugtyp des Airbus-Konkurrenten. Der zweite Absturz einer neuen Boeing-Maschine binnen weniger Monate hatte wachsende Zweifel am Markt ausgelöst. Bei andauernden Problemen mit dem Typ könnten massive Umrüstungskosten und Geschäftseinbußen drohen. Der Aktienkurs des Unternehmens sackte in den Tagen nach dem Unglück deutlich ab. Boeing beharrt auf der Verlässlichkeit der in die Kritik geratenen Baureihe. "Wir haben volles Vertrauen in die Sicherheit", teilte der Konzern mit.

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