Prozess in München:Boateng lehnt Einigungsvorschlag ab

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In einem Rechtsgespräch stellt der Richter einen sogenannten Deal in Aussicht, um den Prozess abzukürzen. Boateng lehnt ab - mit Verweis auf sein Gewissen. Auch aussagen will er nicht.

Von Lena Kampf und Jana Stegemann

Der Berufungsprozess gegen Jérôme Boateng vor dem Landgericht München I startet ungewöhnlich: Der Vorsitzende Richter Andreas Forstner lobt zu Beginn das von Boateng, Staatsanwaltschaft und Nebenklage angefochtene Urteil des Amtsrichters Kai Dingerdissen.

Dieser hatte den langjährigen Fußball-Nationalspieler im September 2021 in erster Instanz wegen einfacher vorsätzlicher Körperverletzung in Tateinheit mit Beleidigung zu einer Geldstrafe von 1,8 Millionen Euro verurteilt. Als erwiesen hatte es Dingerdissen angesehen, dass der heute 34-jährige Profifußballer seine Ex-Freundin und Mutter der gemeinsamen Zwillingstöchter, Sherin S., in einem Karibikurlaub 2018 einen Faustschlag ins Gesicht versetzt hatte.

Das Amtsgericht hatte damals eine Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu je 30 000 Euro verhängt. 30 000 Euro sind zwar der höchstmögliche Tagessatz, weil dieser sich immer am Verdienst des Beschuldigten orientiert, doch Boateng ist damit nicht vorbestraft. Die Staatsanwaltschaft hatte damals eine Bewährungsstrafe von anderthalb Jahren und eine Geldauflage von 1,5 Millionen Euro gefordert, Boatengs damaliger Verteidiger einen Freispruch.

Er halte dieses Urteil des Amtsgerichts München für fundiert und überlegt, sagt Richter Forstner nun in Richtung Boateng, der zurückgelehnt auf der Anklagebank sitzt, seine Hände sind im Schoß verschränkt: "Da hatten Sie einen Richter, der weiß, was er tut und entscheidet. Berufungen gegen seine Urteile haben wir so gut wie nie. Er mag eigen sein, hat aber schon ein gewisses Gespür."

"Ich kann Ihnen nur empfehlen, sich den Vorschlag gut durch den Kopf gehen zu lassen"

Anders als der erste Prozess, der damals mit einer langen, sehr persönlichen Erklärung Boatengs angefangen hatte, beginnt der neue Prozess mit einem langen Gespräch hinter verschlossenen Türen. 40 Minuten zieht sich der Vorsitzende Richter mit Boatengs beiden Verteidigern, der Staatsanwältin und der Vertreterin der Nebenklägerin Sherin S. ins Richterzimmer zurück.

Im Anschluss sagt Forstner, dass Staatsanwaltschaft und Nebenklage einem "Deal" zustimmen würden; nun sei es an Boateng zu entscheiden. Inhalt des Vorschlags sei, die Berufung zurückzunehmen und nur noch gegen die Rechtsfolgen vorzugehen. Dann ginge es nur noch um die Höhe der Strafe, aber nicht mehr um den Tatvorwurf. Das würde aber bedeuten, dass Boateng seine Verurteilung aus dem ersten Prozess akzeptieren muss, mutmaßlich würde die Geldstrafe reduziert werden.

"Ich kann Ihnen nur empfehlen, sich den Vorschlag gut durch den Kopf gehen zu lassen", sagt Forstner zu Boateng. Ein "Deal" würde allen Parteien ein "umfangreiches und ungutes Verfahren ersparen".

Doch nach kurzer Besprechung mit seinen Anwälten lässt Boateng, der zehn Jahre lang beim FC Bayern spielte und heute bei Olympique Lyon unter Vertrag ist, über seinen Verteidiger Norman Gelbart mitteilen, er werde das Angebot nicht annehmen, weil es "mit seinem Gewissen" nicht vereinbar sei. Deshalb wird die Beweisaufnahme normal fortgesetzt.

Noch einmal zu den Vorwürfen aussagen will Boateng allerdings nicht, er lässt über seinen Verteidiger lediglich eine kurze Erklärung verlesen. "Er bestreitet strafbares Tun, wird sich ansonsten aber nicht zur Sache äußern", sagt Gelbart und inszeniert Boateng im Anschluss als Opfer der Medienberichterstattung. Die Süddeutsche Zeitung hatte vor dem Prozess gemeinsam mit dem Recherchekollektiv Correctiv recherchiert, dass außer Sherin S. auch andere Ex-Partnerinnen prominenter Fußballspieler diesen körperliche und psychische Gewalt vorwerfen - und oftmals durch Verschwiegenheitserklärungen zum Schweigen gebracht werden. Boateng sei durch Berichte vorverurteilt.

Die Beziehung zu Boateng sei "geprägt von Streit, Untreue und Gewalt"

Als erste Zeugin sagt am Nachmittag Sherin S. aus, die als mutmaßliche Geschädigte in dem Verfahren auftritt. Erneut wird sie mehrere Stunden zu dem Vorfall im Karibikurlaub am 19. Juli 2018 befragt. Die Anklage geht davon aus, dass Boateng eine Glaslaterne und eine Kühltasche nach Sherin S. geworfen hatte, nachdem diese ihm vorgeworfen hatte, untreu gewesen zu sein und beim Kartenspiel Skip Bo betrogen zu haben. Später soll er Sherin S. auch ins Gesicht geschlagen, an den Haaren gezogen, in den Kopf gebissen und zu Boden gestoßen haben. Wie die langjährige Beziehung mit Boateng - sie waren mit Unterbrechungen elf Jahre zusammen - gewesen sei? "Geprägt von Streit, Untreue und Gewalt."

Wie ging es Ihnen nach der ersten Aussage vor Gericht, will der Richter von S. wissen, sie antwortet: "Sehr schlecht, es war sehr aufwühlend und traumatisch." Sie rechne, sagt S. dann noch, "mit einem schlimmen Opfer-Blaming und dass ich hier heute von Herrn Boatengs drei Anwälten auseinandergenommen werde". Boatengs zweiter Verteidiger Peter Zuriel widerspricht: "Wir haben nicht vor, Schmutz über Frau S. zu schütten."

Wenig später sagt er jedoch in seiner Befragung, er wolle ein mögliches Motiv für eine Falschbeschuldigung präsentieren. Sherin S. habe auch im Sorgerechtsstreit auf den angeblichen Übergriff Boatengs hingewiesen - als Begründung dafür, dass die Kinder bei ihm nicht gut aufgehoben seien. Sie habe damit erfolglos versucht, das Aufenthaltsbestimmungsrecht für die Kinder wieder zu bekommen.

Seit 2015 leben die gemeinsamen Kinder beim Vater, zwischenzeitlich wurde Sherin S. nur begleiteter Umgang eingeräumt; die Gründe dafür sind unklar. Ihre Anwältin weist darauf hin, dass die Öffentlichkeit ausgeschlossen werden müsse, wenn Boatengs Verteidiger diese Fragen vertiefen wolle. "Auf der einen Seite kann man sagen, sie hat das alles erfunden wegen familienrechtlicher Bezüge", sagt der Richter. "Auf der anderen Seite kann man sagen, wenn es sich so vorgetragen hat, dann ist es auch legitim, dies dort einzuführen." Die Staatsanwältin sagt, es sei "natürlich die Motivation einer Mutter, um ihre Kinder zu kämpfen, genau wie der Vater".

Der Richter sagt, er wolle sich wieder auf das konzentrieren, was angeklagt ist: der mutmaßliche Übergriff im Urlaub 2018. Dazu sind am Freitag drei Zeugen geladen, die bereits im vergangenen Jahr ausgesagt haben: ein Freund von Jérôme Boateng, eine Freundin von Sherin S. und ihre Familienrechtsanwältin.

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