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Black Lives Matter:"Rassismus braucht keine Intention"

Demonstrationen gegen Rassismus - Mannheim

Unter dem Motto "Nein zu Rassismus! Black lives matter" wird auch in Mannheim demonstriert.

(Foto: Uwe Anspach/dpa)

Tahir Della von der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland über den Kampf gegen Rassismus hierzulande - und wie sich die weiße Mehrheitsgesellschaft positionieren sollte.

Seit der Afroamerikaner George Floyd in Minneapolis von einem weißen Polizisten getötet wurde, waren Millionen Menschen auf der Straße oder haben im Netz unter dem Hashtag #blacklivesmatter ihre Empörung über den Tod des 46-Jährigen ausgedrückt. In den USA, aber auch in Deutschland. Auch viele Weiße haben sich den Protesten gegen Rassismus angeschlossen - nicht immer zur Begeisterung der schwarzen Community. Tahir Della, Sprecher der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland (ISD), erklärt, warum - und was sich wirklich ändern muss, um Rassismus zu bekämpfen.

SZ: Herr Della, warum ist es gerade der Tod des Amerikaners George Floyd, der die Debatte über Rassismus in Deutschland derart hochkochen lässt?

Tahir Della: Bei aller Erschütterung: Es gibt so viele vergleichbare Fälle. Warum ausgerechnet der Fall Floyd nach Europa geschwappt ist, kann ich gar nicht sagen. Es ist wohl so, dass eine ganze Fülle an Themen zusammengekommen ist: Covid-19 und die Folgen vor allem für Schwarze, die anhaltende Gewalt gegen Schwarze durch die Polizei und vieles mehr. Zudem vermute ich, dass immer mehr Menschen, vor allem jüngere, begreifen, dass Schweigen sie zum Mittäter macht, dass alle dazu aufgefordert sind, eine Haltung zu entwickeln, die solche Fälle ernst nimmt, egal, wo sie passieren.

Viele weiße Menschen, darunter auch Prominente wie die deutsche Moderatorin Heidi Klum, haben ihre Solidarität im Netz nicht unter dem Hashtag #blacklivesmatter ("Schwarze Menschenleben zählen"), sondern unter #alllivesmatter ("Alle Menschenleben zählen") bekundet und dafür einen Shitstorm geerntet. Von Aktivisten hieß es, #alllivesmatter würde dem Kampf schaden, den Schwarze gegen Rassismus führen. Warum?

Weil es eben nicht so ist, dass das Leben aller Menschen bedroht ist. Hinter "Black Lives Matter" steht die Message, dass es weltweit systematischen, strukturellen Rassismus gegen Schwarze gibt, der für die Betroffenen tödlich enden kann. "All Lives Matter" zu sagen, heißt auszublenden, dass weiße Menschen davon nicht betroffen sind. Ähnlich verhält es sich, wenn Frauen gegen Sexismus protestieren und Männer sagen: Wir sind doch auch von Sexismus betroffen, alle sind von Sexismus betroffen! Das zeigt, wie wenig verstanden wird, was hinter so einem Protest wirklich steht.

Tahir Della ist Sprecher der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland, die sich seit 35 Jahren für deren Interessen einsetzt. Der gelernte Fotograf arbeitet als Promoter gegen Rassismus unter anderem für die Stadt Berlin.

(Foto: Privat)

Als Reaktion auf die Kritik sagen viele: Aber das war doch gut gemeint! Zählt das nicht?

Nein! Das ist das Problem. Es gibt ein großes Missverständnis, dass Rassismus etwas mit der Intention zu tun hätte. Aber Rassismus braucht keine Intention. Eine meiner liebsten Metaphern ist: Wenn ich Ihnen aus Versehen mit Karacho auf den Fuß steige und sage: "Aber das wollte ich ja gar nicht!", tut es deswegen nicht weniger weh. Der Schmerz bleibt. Was angemessen wäre, ist, dass ich mich a) bei Ihnen dafür entschuldige und b) dafür sorge, Ihnen nicht noch einmal auf den Fuß zu steigen.

Sportler knieten sich öffentlich nieder, andere posteten unter dem Hashtag #blackouttuesday schwarze Kacheln auf Instagram. Aber auch diese symbolischen Aktionen fanden nicht alle gut.

Ich würde sie nicht so scharf verurteilen, aber sie verstellen schon den Blick darauf, dass es um mehr gehen muss als symbolische Gesten.

Was sagen Sie denen, die nun davor zurückschrecken, sich überhaupt zum Thema Rassismus zu äußern? Aus Angst, etwas falsch zu machen.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Weiße Menschen können und sollen sich gegen Rassismus positionieren! Aber die zentrale Frage muss dabei sein: Wenn ich mit etwas nicht zufrieden bin, was tue ich im Alltag, um das zu bekämpfen? Konkret bedeutet das: Lernen zu sehen, wo Rassismus in meiner Umgebung stattfindet, aber auch in mir selbst, und ihn bewusst zu verlernen. Und dann danach zu handeln! Den Mund aufzumachen, wenn ich Zeuge oder Zeugin von rassistischen Vorfällen werde, wenn ich rassistische Texte in Medien lese oder rassistische Aussagen in meinem Umfeld wahrnehme. Ihnen proaktiv zu widersprechen, nicht alles den Betroffenen überlassen. Und dabei nicht in eine paternalistische Haltung verfallen.

Wie äußert sich so eine Haltung?

Weiße, die sich gegen Rassismus positionieren, nehmen Schwarze oft als wehrlose Opfer wahr, für die irgendetwas getan werden muss. Treten Sie besser mit Betroffenen in einen Austausch und lernen von ihnen. Rassismus ist für Schwarze und für People of Colour nichts Neues. Sie leisten seit Jahrhunderten Widerstand und Antirassismusarbeit. Allein schon die Frage, ob man sich gegen Rassismus positioniert, ist ein Luxus, den Schwarze nicht haben.

Wie meinen Sie das?

Als weißer Mensch können Sie sich mit Rassismus beschäftigen, müssen aber nicht. Schwarze machen entweder den Mund auf, wenn sie Rassismus erleben, oder eben nicht. Aber trotzdem werden sie mit dem ganzen Mist konfrontiert, der ihnen im Alltag passiert, bei der Job- und Wohnungssuche, mit der Polizei, mit der Justiz.

Was müsste sich denn tun, um Rassismus in Deutschland nachhaltig zu bekämpfen?

Wir brauchen auch hier Gesetze, die den Schutz vor Diskriminierung gewährleisten und einklagbar machen. Gerade wurde im Abgeordnetenhaus in Berlin ein neues Landes-Antidiskriminierungsgesetz verabschiedet. Dieses Gesetz ermöglicht es Betroffenen zum ersten Mal, bei Diskriminierungsfällen auch gegen Behörden zu klagen. Und das Einzige, was von der Polizei dazu zu hören war: Man werde unter Generalverdacht gestellt! Ich finde es interessant zu sehen, dass die Polizei denkt, sie wäre frei von Kritik. Als ob Schwarze nur darauf warten würden, unberechtigte Klagen gegen sie vorzubringen. Es zeigt auch, dass rassistische Vorfälle immer noch als Einzelfälle wahrgenommen werden. Dabei wissen wir spätestens seit dem NSU-Prozess, dass Rassismus auch hier ein tief sitzendes, institutionelles Problem ist.

Sie fordern antirassistische Bildungsmaßnahmen in Schulen. Was genau stellen Sie sich darunter vor?

Ein wichtiger Schritt wäre, Deutschlands Geschichte, vor allem die Kolonialgeschichte, endlich auf den Prüfstand zu stellen. Die Initiative für Schwarze Menschen fordert das seit drei Jahrzehnten, aber davon ist in der Bildungspolitik bisher zu wenig angekommen.

Warum ist es so schwierig, die Politik zu erreichen?

Weil die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Kolonialgeschichte viel mit aktuellen Problemen zu tun hat. Die Handelsungerechtigkeiten, die auf der Welt herrschen, sind eine direkte Folge des Kolonialismus. Und somit ist auch die Migration, also Menschen, die aufgrund fehlender Perspektiven aus ihren Heimatländern flüchten, eine direkte Folge des Kolonialismus. Eine Auseinandersetzung damit führt zur Beschäftigung mit den Machtverhältnissen. Ich glaube, Politiker scheuen sich davor, weil sie die Folgen für den reichen, dominanten Norden fürchten.

© SZ/feko/afis
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