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Biometrie:Mit Sicherheit kein gutes Gefühl

Die USA fordern zwar Hightech-Pässe - doch die Technik ist noch so unfertig, dass sie zu Chaos an Grenzen führen könnte.

Von Christiane Schulzki-Haddouti

Geht es um Sicherheit, fällt meist ein Wort: Kontrolle. Die Idee dahinter ist simpel: Wer als möglicher Terrorist erkannt wird, ehe er das Flugzeug, Stadion oder einen Staat betritt, kann keinen Schaden mehr anrichten. Je genauer die Kontrollen, umso besser, sagen Sicherheitsexperten.

Irisscan

Irisscan am Frankfurter Flughafen

(Foto: Foto: ddp)

Von 26. Oktober an werden Reisende dies an den amerikanischen Grenzen deutlich spüren. Von diesem Tag an wird die Einreise ohne Visum nur möglich sein, wenn der Reisepass biometrische Daten enthält.

Jeder Mensch, so der Tenor, besitze einzigartige Merkmale, über die er sich eindeutig identifizieren lasse. Auf der Cebit kündigte auch der deutsche Innenminister Otto Schily am Donnerstag eine neue Generation von Personalausweisen an: Ein integrierter Chip solle die Dokumente noch sicherer machen.

Dabei wird oft vergessen, dass die viel gepriesenen biometrischen Systeme keineswegs so weit entwickelt sind, wie es den Heimatschutz-Träumen westlicher Regierungen entspräche.

Erst kürzlich testete die International Biometric Group (IBG), die auch die US-Regierung berät, Erkennungssysteme von elf Herstellern für Fingerabdruck, Iris, Gesicht und Handgeometrie.

Dabei stellte sie enorme Unterschiede fest: Bei der Ersterfassung ergaben sich Fehlerraten von bis 23 Prozent. Nach sechs Wochen wurden bis zu zwei Drittel zugangsberechtigter Personen bei Kontrollen fälschlicherweise abgewiesen.

Dies hat zwei Ursachen: Zum einen können sich Körpermerkmale wie der Fingerabdruck im Laufe der Zeit ändern, zum anderen wechselt auch das Verhalten der Menschen: Wochen später legen manche Menschen ihren Finger ein wenig anders auf den Sensor als beim Erstkontakt.

Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) stellte im vergangenen Jahr noch desaströsere Ergebnisse vor: Im Praxistest, der eine Zugangskontrolle nachstellte, erkannten zwei der vier getesteten Systeme "fast keine der Testpersonen, wobei das schlechtere dieser beiden Systeme so unzuverlässig war, dass es nur an wenigen Tagen überhaupt in Bereitschaft war", so der BSI-Testbericht. Die Erkennungsleistung der anderen Systeme lag unter 50 Prozent.

Im Angesicht solcher Ergebnisse betont IBG-Direktor Dennis Carlton nicht nur den technischen Nutzen biometrischer Systeme: Diese müssten gar nicht zu 100 Prozent sicher sein, um ihre Wirkung zu entfalten.

"Die bloße Existenz eines Geräts, das einen Menschen mit seinen Ausweispapier in Verbindung bringen kann, wird für viele Betrüger abschreckend sein."

Auf der Cebit in Hannover zeigen mehrere Unternehmen bereits Prototypen der Hightech-Pässe. So präsentiert die Firma Idencom Muster für deutsche, österreichische und skandinavische Reisepässe mit einem integrierten RFID-Chip, einem Speicherbaustein, dessen Daten sich per Funk lesen lassen.

Hält der Beamte den Ausweis in maximal zehn Zentimeter Entfernung über ein bläulich leuchtendes Gerät, werden das digitalisierte Bild des Inhabers, zwei gespeicherte Fingerabdrücke und persönliche Informationen ausgelesen und auf einem Bildschirm angezeigt.

Diese unsichtbaren Daten vergleichen die Grenzbeamten mit dem gedruckten Pass. Das passende Lesegerät hat die Bundesdruckerei bereits in europäische und asiatische Länder für Feldtests verkauft.

Für die Niederlande und Irland stellt die Firma Enschede/SDU bereits Pässe und Personalausweise aus Polycarbonat her, die sich mit kontaktlosen RFID-Speicherchips aufrüsten lassen. Mit französischen, österreichischen, schwedischen und slowenischen Firmen entwickelt der Chiphersteller Infineon im EU-Projekt "Digital Passport" enie neue Generation von Reisepässen. Infineon ist an mehr als zehn Pilotprojekten in Australien, den USA und Singapur beteiligt.

Ende März wird sich die Internationale Zivilluftfahrtorganisation ICAO in Kairo treffen, um über internationale Standards für Reisepässe zu beraten. Die UN-Behörde will dabei einen Vorschlag verabschieden, wonach von 2006 an alle Länder Reisepässe ausstellen können, deren biometrische Daten sich über einen RFID-Chip aus einer Entfernung von maximal zehn Zentimetern auslesen lassen.

Als geeignetes biometrisches Merkmal bestimmte die ICAO schon im Sommer 2000 die Gesichtserkennung. Diesen Vorschlag griff schon im Februar der EU-Rat mit einer eigenen Initiative auf: Sicherheitsmerkmale in EU-Reisepässen sollen von 2005 an einem einheitlichen Standard genügen.

Noch sind sich die EU-Länder aber uneins, welche zusätzlichen Merkmale enthalten sein sollen. Neben der von der ICAO vorgegebenen Gesichtserkennung dürfen EU-Staaten Fingerabdrücke und Iris speichern.

Vor allem Deutschland, Italien und Frankreich hatten die freiwilligen Zusatzmerkmale gefordert, um ihre präferierten Techniken umsetzen zu können.

Bundesinnenminister Otto Schily etwa schätzt den Fingerabdruck, da er "für die Suche in großen Dateien besonders geeignet" sei. Dabei sei, so ein Experte des österreichischen Innenministeriums, diese Methode nur für "Eins-zu-eins"- Abgleiche des gespeicherten mit dem realen Fingerabdruck geeignet.

Ein Abgleich mit einer Datenbank führt bislang zu hohen Fehlerraten.

Technisch ausgereift sind die neuen Pässe also keineswegs. Sorgen macht den Experten auch die Haltbarkeit. Zehn Jahre lang sollte ein Reisepass mit Chip und Funkantenne funktionieren, egal wie oft er abgestempelt oder geknickt wird.

Solche Probleme sind mittlerweile auch dem US-Innenministerium klar geworden. Da wohl kein Land die neuen Reisepässe bis zum 26. Oktober fertig hat, erwägt die Behörde nun, den Termin um zwei Jahre zu verschieben.

Zu all den offenen Fragen kommt schließlich noch die Kostenfrage hinzu: Der US-Rechnungshof rechnet mit einem Aufwand von bis zu 8,8 Milliarden US-Dollar und rund 2,4 Milliarden Dollar jährlichen Folgekosten, wenn biometrische Pässe in den USA eingeführt werden.

Biometrische Visa verursachen Kosten von 2,9 Milliarden Dollar allein bei der Einführung - jährlich ergeben sich Folgekosten von bis zu 1,4 Milliarden Dollar. Auch in Deutschland sind Kosten und Folgen zwar untersucht, doch die Machbarkeitsstudie, die dem Bundeswirtschaftsministerium seit Januar vorliegt, ist bislang nicht veröffentlicht.

© SZ vom 19.3.2004
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