bedeckt München 25°

Bill Cosby:Unschuldig, nicht frei von Schuld

Der Schauspieler Bill Cosby, 83, ist nach drei Jahren aus der Haft entlassen worden.

(Foto: Matt Slocum/AP)

Bill Cosby war moralischer Kompass und Ikone der Gleichberechtigung in den USA. Nichts davon ist geblieben nach den Missbrauchsvorwürfen, auch wenn er nun offiziell wieder als unschuldig gilt.

Von Jürgen Schmieder

Moralischer Kompass. Ikone für Gleichberechtigung und Bürgerrechte. Vater der Nation. Viel mehr kann einer nicht erreichen im Leben als solche Zuschreibungen, und Bill Cosby war ja wirklich all das; in der New York Times stand 1987 über ihn: "Der einflussreichste Prediger in Amerika ist Bill Cosby. Seine Sendung bietet ethische Leitfäden, verkörpert warme Liebe, zeigt harmonisches Leben. Macht sie das womöglich gar religiös?" Cosby war ein Engel, aber auch die können fallen.

Mehr als 60 Frauen werfen ihm vor, sie betäubt und sexuell missbraucht zu haben. Fast alle Fälle kamen im Zuge der Me-too-Bewegung ans Licht und waren verjährt, strafrechtlich relevant war nur ein Fall von 2004, und da entschied das Oberste Gericht des US-Bundesstaats Pennsylvania: Der Schuldspruch gegen Cosby war unrechtmäßig. Der Schauspieler ist also wieder frei und gilt als unschuldig, obwohl er in einem Zivilprozess ein Geständnis abgelegt hatte.

Sein Vater war Ordonnanz, die Mutter Dienstmädchen

Cosby kam vor bald 84 Jahren in Philadelphia zur Welt; sein Vater war Ordonnanz bei der Marine, die Mutter Dienstmädchen. Er war unter den vier Brüdern der Witzige, der Klassenclown, der in der zehnten Klasse durchfiel, weil er von einer Karriere als Entertainer träumte. Die verwirklichte er, Cosby ist einer der besten Stand-up-Comedians der Geschichte, durch die Abenteuerserie I Spy wurde er auch als Schauspieler berühmt. Sieben Emmys, acht Grammys, zwei Golden Globes, Presidential Medal of Freedom. Viel mehr kann einer nicht erreichen als Entertainer, doch Cosby wurde mehr. Viel mehr.

The Cosby Show zeigte Afroamerikaner, wie sie damals, im Fernsehen der Achtzigerjahre, nicht gezeigt wurden: eine finanziell erfolgreiche Familie, die Vorstadtprobleme mit Humor und Empathie löst; Vater und Mutter sind nicht Sportler und Musiker (oder Gangster), sondern Arzt und Anwältin. Cosby wurde zum Symbol für gesellschaftlichen Wandel und zur moralischen Instanz. Er riet Afroamerikanern, das gefiel vor allem Weißen, ihre Hautfarbe nicht als Entschuldigung für Misserfolg zu missbrauchen, sondern allen Widerständen zu trotzen. So wie er, dessen Vermögen auf 400 Millionen Dollar geschätzt wird. Cosby war ein einflussreicher Afroamerikaner in einer Zeit, in der Afroamerikaner in den USA nicht einflussreich sein durften. Er bastelte, das ist in Interviews und Reden deutlich zu sehen, unermüdlich an diesem Bild von sich selbst, als hätte Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle dauernd an einem Bild von sich als Engel gefeilt.

60 Frauen erheben schwere Vorwürfe gegen den Schauspieler

Dann kamen die Vorwürfe von mittlerweile mehr als 60 Frauen. Sie waren für viele Afroamerikaner mindestens so schlimm wie die gegen Footballstar O. J. Simpson, bei dem trotz Freispruch viele noch immer glauben, dass er seine Exfrau Nicole Simpson und deren Freund Ron Goldman ermordet habe - weil sie schlimme Stereotype bedienten, die es in den USA noch immer über Afroamerikaner gibt und die so ziemlich das Gegenteil von Engeln zeichnen.

Cosby, der stets davor gewarnt hatte, die sogenannte Race Card bei Misserfolg zu zücken, spielte diesen Rassismusvorwurf häufig bei der Verhandlung gegen sich. Nach der Entlassung aus dem Gefängnis, er verbrachte knapp drei Jahre dort, zeigte er sich mit Black-Power-Faust auf sozialen Medien, das Urteil des Gerichts wertete er als Botschaft an all die Afroamerikaner, die jemals Opfer von Justizirrtum oder böser Polizei geworden seien. Sieht ganz so aus, als zeichne Cosby ein neues Bild von sich: gefallener Engel, Opfer derer, die ihm seine Flügel womöglich böswillig abgetrennt haben.

Ob dieses Narrativ erfolgreich sein wird, ist derzeit nicht abzusehen. Das Urteil ist nicht aufgehoben worden, weil die Richter an seine Unschuld glauben, sondern wegen Formfehlern; die schlimmen Vorwürfe bleiben bestehen. Bill Cosby also ist frei und gilt als unschuldig. Was er nicht mehr ist: Moralischer Kompass. Ikone der Gleichberechtigung. Vater der Nation.

© SZ
Zur SZ-Startseite
Kinostart - 'Nomadland' von Chloe Zhao

SZ PlusChloé Zhao im Interview
:"Die amerikanische Identität erlebe ich als kompliziert und fragil"

Oscar-Preisträgerin Chloé Zhao über ihren Film "Nomadland", die Last des US-Kapitalismus und die entscheidenden Fragen, die man sich stellen sollte, um Glück zu finden.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB