SZ-Kolumne "Bester Dinge":Lese-faire auf Neuseeländisch

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(Foto: imago/Schwörer Pressefoto)

An einem Feiertag bleibt die Tür einer Bibliothek in Christchurch aus Versehen geöffnet. Hunderte nutzen die Gelegenheit, ohne Aufpasser endlich mal das zu tun, was sie in einer Bibliothek schon immer tun wollten.

Von Marcel Laskus

Es war einmal eine Bücherei in Neuseeland, einem der schönsten und verklärtesten Länder der Erde. Die Menschen dieses Landes galten als liebenswürdiger als die Menschen in anderen Ländern. Vielleicht weil sie friedfertiger waren. Oder weil in diesem Land in Krisenzeiten nicht nur das Benzin subventioniert wurde, sondern auch der öffentliche Nahverkehr. Doch eines Tages stellte das Schicksal auch sie auf eine Probe.

Am Waitangi Day, einem Nationalfeiertag, der am 6. Februar stattfand, sollte in der Stadt Christchurch die Tūranga-Bücherei - eine der größten des Landes - eigentlich geschlossen bleiben. Dafür bekamen die Mitarbeiter den Tag frei. Doch das Tor zum Gebäude war nicht verschlossen. Denn das Sicherheitssystem versagte. Wer wollte, konnte also auch an diesem Tag durch die Gänge streifen, in denen nicht nur kostbare Schriftstücke lagern, sondern auch allerlei teure Skulpturen und Gemälde. Getrieben von Gewohnheit und Neugier verschafften sich so 380 Neuseeländer Zutritt. Ganz ohne die Blicke von Aufsichtspersonen, bei denen sonst stets mit einem disziplinierenden "Pssst" zu rechnen war. Die Besucher leitete nun allein das eigene Gewissen.

Die 380 Literaturfreunde streiften im Gebäude umher, sie griffen Bücher aus den Regalen, und vielleicht tranken sie am Platz sogar unerlaubt zuckersüße Limonade. Bis erst Stunden später die Leitung der Bibliothek mitbekam, was da geschah. Vermutlich mit dem Schlimmsten rechnend, hat diese nun, einige Wochen später, Unglaubliches festgestellt: Kein einziges Buch wurde laut dem Guardian gestohlen. Stattdessen liehen die Besucher 147 Bücher aus. Ordnungsgemäß und per Selbstausleihe. Als wollten sie es der restlichen Welt mal wieder zeigen.

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