Süddeutsche Zeitung

Berufsverbot für indische Schauspielerin:Lehrstunde für eine Sünderin

Drei Jahre darf eine indische Schauspielerin nicht mehr drehen. Der Filmproduzentenverband wirft ihr vor, einen verheirateten Kollegen verführt zu haben. Arbeiten kann Nikhita Thukral nun nicht mehr. Doch sie beschäftigt eine viel größere Sorge.

Das Urteil über sie war gefällt, bevor die junge Frau überhaupt etwas zu den Vorwürfen sagen durfte. Für die südindische Schauspielerin Nikhita Thukral ist eine Welt zusammengebrochen, seit der regionale "Verband der Filmproduzenten" gegen sie ohne Vorwarnung ein Berufsverbot verhängt hat. Grund dafür ist: eine Anschuldigung. Sie soll ein Verhältnis mit dem Kollegen Darshan Thoogudeep unterhalten haben. Er gilt als einer der großen Stars der Filmszene Bangalores im Bundesstaat Karnataka. Hier wird nicht wie in Bollywood Hindi, sondern vor allem die regionale Sprache Kannada gesprochen.

Seine Fans verehren den Mann, den in Indien alle nur beim Vornamen nennen, als glorreichen Actionhelden. Aber nun macht er auf eine andere Art und Weise Schlagzeilen: Vor einigen Tagen erstattete seine Frau Vijayalakshmi Anzeige gegen ihn. Bei einem Streit sei ihr Mann ausgerastet, habe eine brennende Zigarette auf ihr ausgedrückt, sie mit einem Schuh verprügelt und sogar mit einem Revolver bedroht, soll sie der Polizei ausgesagt haben. Auch den Grund für den ehelichen Streit habe sie angegeben, berichten mehrere indische Medien: Ihr Mann habe ein Verhältnis zur Kollegin Nikhita Thukral unterhalten, soll Vijayalakshmi ausgesagt haben.

Darshan sitzt nach der mutmaßlichen Prügelattacke in Untersuchungshaft, auch wenn seine Frau offenbar unter Druck ihre Anschuldigungen relativiert hat und ihm angeblich eine zweite Chance geben will. An dem Image des Schauspielers kratzt der Vorfall ohnehin nicht. Nach seiner Verhaftung protestierten Hunderte Fans in Bangalore und verlangten die Freilassung ihres Helden. Die Polizei musste die aufgebrachte Masse auseinandertreiben. Ein Branchenkenner sagte der Nachrichtenplattform Rediff: "Ein Großteil seiner Anhänger sind Jugendliche, die nicht verstehen, was er da anrichtet - ihnen gefällt es, wenn ihr Lieblingsschauspieler die schlimmen Jungs verprügelt und schlagkräftige Dinge sagt." Auch scheinen sie zwischen Film und Realität keinen Unterschied zu machen.

Von groß angelegten Solidaritäts-Kundgebungen für Nikhita Thukral ist hingegen noch nichts bekannt. Im Gegenteil: Der Filmproduzenten-Verband teilte kurz nach der Festnahme Darshans und Bekanntwerden des angeblichen Ehebruchs mit, Nikhita dürfe nun drei Jahre lang in keinem Film mehr auftreten. Schließlich habe sie die "häusliche Harmonie eines Schauspieler-Kollegen" gestört.

Mit dieser zum ersten Mal gefällten Maßnahme solle anderen in der Branche präventiv "eine Lehrstunde erteilt werden". Die Sünderin müsse sich öffentlich entschuldigen und beteuern, sich nie wieder einen solchen Fehltritt zu leisten - dann könne das Berufsverbot eventuell zurückgezogen werden, sagte der Präsident des Filmproduzenten-Verbandes der BBC. Darshans Verhalten verurteilte er mit keinem Wort, ein Berufsverbot für den Inhaftierten steht noch nicht einmal zur Debatte.

Die an den Pranger gestellte Schauspielerin betont jetzt immer wieder, nie ein Verhältnis mit ihrem Kollegen unterhalten zu haben: "Wir haben nichts, außer unserer beruflichen Beziehung", sagt Nikhita Thukral und fügt an, sie sei nicht für die Probleme in Darshans Ehe verantwortlich. Ihre größte Sorge ist es nun, keinen Mann mehr zu finden: "Wer heiratet mich denn jetzt noch, nachdem er diese grundlosen und falschen Berichte über mich gelesen hat", fragt die 32-Jährige voller Sorge. Es heißt, sie sei nach den Vorkommnissen der letzten Tage gesundheitlich schwer angeschlagen.

Die liberalen indischen Medien kritisieren die Maßnahme des Produzenten-Verbandes scharf und prangen die "patriarchalischen Werte der Industrie" an. Der Fall Darshan belege auf traurige Art, dass häusliche Gewalt in Indien "nach wie vor auf große Akzeptanz stößt", wie es die Zeitung The Hindu ausdrückt.

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SZ vom 14.09.2011/cag
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