Süddeutsche Zeitung

Stilkritik "U-Bahn-Mode":Der Stoff, aus dem Albträume sind

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Die Berliner Verkehrsbetriebe machen jetzt Mode. Das ist nicht schön anzusehen, aber zumindest praktisch.

Von Violetta Simon

Die Jugend hat Kleidung seit jeher eingesetzt, um Kopfschütteln zu erzeugen. Doch selbst das Hässliche erfordert heute keinen Mut mehr, solange es, zwinker, zwinker, ironisch getragen wird. Zum Beispiel, wenn es sich bei der Retro-Tapete mit 3-D-Effekt um ein Ensemble aus dem Hause Fendi handelt. Oder wenn in dem Batik-Strampler von Nike ein Justin Bieber steckt. Oder wenn auf den monströsen Plateau-Crocs der Name Balenciaga steht.

Doch es gibt Grenzen, und wenn diese überschritten werden, bringt einen selbst Ironie nicht weiter. Die Rede ist vom Design der Polsterbezüge in öffentlichen Verkehrsmitteln, die Bahn- und Busfahrenden häufig die Tränen in die Augen treiben: psychedelisch anmutende, quietschbunte Mustermix-Kreationen, denen nicht einmal ein Graffiti-Künstler etwas hinzuzufügen hätte. Niemals ist dabei jemand so weit gegangen wie die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), die berüchtigt sind für die fleckig-bunten Muster ihrer Sitzbezüge.

Wie die Morgenpost berichtet, haben die Berliner Verkehrsbetriebe nun gemeinsam mit Zalando eine Modekollektion herausgebracht. Das Design besteht aus dem aktuellen Sitzbezug, der im Sommer eingeführt wurde: "Muster der Vielfalt" heißt dieses, eine schematischen Darstellung bunter Menschen-Silhouetten, die illustrieren soll, wie divers sich die Stadt Berlin und die BVG verstehen. "Aus diesem Muster wurde jetzt Streetwear gemacht - damit ihr das Diversity-Statement der BVG in Berlin und allen anderen Städten auf die Straße bringen könnt", heißt es von der BVG.

Praktisch ist das Design in jedem Fall

Ob das tragbar ist, wird sich zeigen. Praktisch ist es in jedem Fall, denn was für die Sitzbezüge in U-Bahnen und Bussen gilt, funktioniert auch für die Hoodies, Shirts und Jacken: Man erkennt darauf weder Zahnpasta- noch Tomatensaucenflecken.

Schon 2018 hatten die Berliner Öffis einen Versuch in der Mode gewagt, damals mit einem Adidas-Sneaker im berüchtigten "Würmchen"-Design. Das Besondere daran: Die Sneaker galten zugleich als Jahreskarte im Berliner Nahverkehr. Mit der neuen Kollektion ist ein gültiger Fahrschein womöglich völlig überflüssig. Personen ohne Fahrticket müssen nur die Kapuze ihres Hoodies über den Kopf ziehen und die Luft anhalten. Als wandelnder U-Bahn-Bezug werden die Fahrgäste, einem Chamäleon gleich, mit den Sitzen verschmelzen.

Anmerkung: In einer vorherigen Version des Artikels hieß es fälschlicherweise, die Berliner Verkehrsbetriebe würden auch die S-Bahnen der Stadt betreiben. Der Fehler wurde korrigiert.

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