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Chaos in Berliner Bürgerämtern:Unangenehmes Thema für den Senat

Kamphuis beklagt auch, dass der Senat sie noch nicht kontaktiert hat. "Es ist faszinierend zu sehen, wie sich die Politik mit der Berliner Start-up Szene schmückt. Und da kommen Leute, die den Status Quo verbessern wollen - aber anstatt mit ihnen zu reden, legt man ihnen Steine in den Weg." Die Behörden versuchten, so erzählen es die jungen Unternehmer, sie mit technischen Kniffen aus dem System fernzuhalten. Überprüfen lässt sich das schwer, auf eine Anfrage der SZ reagierte der Senat nicht.

Das Thema ist für die Berliner Politik unangenehm. Klar, Chaos in den Behörden gibt es auch anderswo. In München zum Beispiel kämpft das Kreisverwaltungsreferat seit Wochen mit einer neuen Software, die ausgerechnet vor Beginn der Sommerferien komplett ausfiel. In Berlin ist das Chaos jedoch Dauerzustand. Schuld ist die schlechte Ausstattung der Bürgerämter, die dem immer größeren Zustrom an Neu-Berlinern nicht gewachsen sind.

Bürgerbüros

Verwaltung des Mangels

Wer vor den Ferien einen gültigen Ausweis besorgen will, der braucht derzeit viel Geduld. Software-Probleme und Personalmangel legen die Bürgerbüros immer wieder lahm. Stundenlange Wartezeiten sind inzwischen normal   Von Andreas Glas

Es gibt zu wenig Personal

Was aber tun? Martin Delius, Chef der Berliner Piratenfraktion, sieht das Problem weniger bei privaten Angeboten. "Den Bedarf gibt es ja nur, weil es so wenige Termine gibt." Und mehr Termine gebe es eben nur mit mehr Personal. 31 neue Stellen seien schon Ende 2014 bewilligt worden, heißt es von Seiten des Senats. Bis jedoch die Ausschreibungen raus, die Leute gefunden sind und sie auch noch die nötige Ausbildung durchlaufen haben, dauert es eben. Wirklich viel seien 31 Stellen, verteilt auf zwölf Bezirke mit jeweils zwei bis drei Bürgerämtern, ohnehin nicht, sagt Piraten-Politiker Delius. Im kleineren München zum Beispiel hat der Stadtrat im Juni 70 neue Stellen für die Bürgerbüros genehmigt.

Dabei sind es nicht nur die langen Wartezeiten, die die Berliner rasend machen. Es ist der Mangel an öffentlich zugänglichen Informationen. Die Tipps und Tricks, wie man von Bürgerämtern bekommt, was man braucht, sind in Berlin ein ähnlich häufiges Partygespräch wie die steigenden Mieten: In welchem Bürgeramt sind die Mitarbeiter nett, in welchem nicht? Wo sind die Schlangen kurz, wo sind sie lang? Wo gibt es Termine noch ohne Online-Buchung? Und was sind eigentlich die Notfälle, in denen die Bürgerämter eine Ausnahme von der strengen Terminvergabe machen?

Enttäuscht in Neukölln

Nicht zuletzt sorgt die Terminknappheit auch für Stress unter den Bezirken. In den Bürgerämtern in Neukölln zum Beispiel war es bis vor Kurzem möglich, auch ohne vorherige Buchung einen Termin zu bekommen - und zwar ganz egal, ob man in Neukölln wohnt oder nicht. Bei den meisten Fragen ist nämlich jedes Bürgeramt für jeden Berliner zuständig. Also standen in Neukölln bis zu 200 Menschen in der Schlange, die Mitarbeiter kamen kaum hinterher. Seit Kurzem gibt es spontane Termine nur noch für Neuköllner, alle anderen bekommen Terminvorschläge, verrät nun ein Schild am Eingang zum Bürgeramt im Neuköllner Rathaus. Dort ist auch prompt weniger los, nur ein Dutzend Menschen sitzt im Warteraum.

Das wiederum gefällt den anderen Bezirken nicht, die auf Gleichbehandlung aller Berliner pochen und schimpfen, wenn aus Neukölln enttäuschte Bürger zu ihnen kommen. Und die Berliner selbst? Stehen in so einem Fall dann wieder vor einem überforderten Bürgeramts-Mitarbeiter, der sie vertröstet. Kein Wunder, dass manch einer lieber 25 Euro zahlt, um sich den Stress zu ersparen.