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Berlinale:Sehnsucht nach gestern

70th Berlinale International Film Festival

Jeremy Iron gewann 1991 einen Oscar, in diesem Jahr verteilt er Goldene Bären.

(Foto: REUTERS)

Bei der Vorstellung der Berlinale-Jury kommt ein bisschen Wehmut auf. Keine echten Stars, stattdessen blasierte Sprüche und ein düsteres Programm. So mancher wünscht sich den alles niederknuddelnden Dieter Kosslick zurück.

Die Berlinale gilt als das politischste unter den größeren Filmfestivals weltweit. Das ist auch ein Verdienst des langjährigen Festivalleiters Dieter Kosslick, der die Berlinale in seinen 13 Jahren in verschiedene Richtungen gleichzeitig weiterentwickelte: Sie orientierte sich mehr als zuvor am Publikum statt am Ideal selbstgenügsamer Filmkunst; am Glamour, wo er zu kriegen war, und an politischer Relevanz, wo kein Glamour zu kriegen war.

Dieses Jahr hat nun mit dem Cineasten Carlo Chatrian für das Künstlerische und der Filmproduzentin Mariette Rissenbeek für das Kaufmännische ein Führungsduo übernommen, das einige Kritiker um den Glamour auf der Berlinale und möglicherweise auch ihr politisches Profil fürchten ließ - also um das Erbe Kosslicks.

Auf dem roten Teppich schwebten die beiden nun zwischen zwei Welten: einerseits sollten sie natürlich oberste Zeremonienmeister spielen, die Arme ausbreiten, wenn die Türen der E-Autos aufgehen und die Menschen aussteigen, für die man den rote Teppich ausgerollt hat; andererseits mussten sie selbst pausenlos Interviews geben. Chatrian fühlte sich in der Rolle sichtlich wohler. Vielleicht, so sagte er, liege es an der Erderwärmung, vielleicht auch an der Wärme in ihm selbst, dass er genauso angezogen war wie beim sommerlichen Festival in Locarno: in einem simplen schwarzen Smoking. Rissenbeek in einem goldbraunen Kleid hielt sich zurück, lächelte tapfer. Er, der Chaot, könne ihren Job gar nicht, sagte Chatrian auf die Frage, ob sie auch einmal tauschen wollen: sie das Künstlerische, er das Organisatorische. Mariette habe ihm den "Rücken frei" gehalten, hatte Chatrian in einem Interview vor der Eröffnung gesagt. Das klang nach ziemlich klassischer Rollenverteilung. Es stand also erstmal niemand mit ausgebreiteten Armen an der Tür in den Berlinale-Palast, stattdessen schwammen die beiden neuen Direktoren selbst zwischen den glitzernden Roben hin und her. Und so trieb das dampfende Berlinale-Zirkusschiff quasi wie von selbst in die Nacht aus Kunstnebel, Säuseltechno und schreienden Fans.

Hillary Clinton wird erwartet. Und Johnny Depp, hieß es, wolle kommen. Vielleicht

Star des Abends - denn viele waren es nicht - war Sigourney Weaver. Sie spielt in dem Film "My Salinger Year", der nach der Gala das Festival eröffnete, die Agentin des Schriftstellers J. D. Salinger. Auch Johnny Depp, hieß es, wolle kommen. Vielleicht. Mal sehen. Im Verlauf des Festivals wird die amerikanische Fast-Präsidentin Hillary Clinton erwartet, nicht der klassische Film-Promi, aber immerhin anständig berühmt - über sie wird ein Dokumentarfilm gezeigt. Zur Vorstellung von Sally Potters "The Roads not Taken" sollen Javier Bardem, Elle Fanning, Salma Hayek und Laura Linney erscheinen.

Der Eröffnungsabend aber gehörte zunächst den Festivalleitern, die sich in ihre Rolle am roten Teppich allmählich einfanden und die Menschen begrüßten - verbindlich lächelnd, nicht so überschwänglich jeden an die Brust drückend wie Kosslick. Und so wie im vergangenen Jahr eine wiederkehrende Frage von Journalisten lautete, wie denn nun die Berlinale ohne Kosslick werden soll, fragten nun alle, wie es mit Chatrian und Rissenbeek weitergehen wird und welche Tipps man ihnen mit auf den Weg geben könne. Der beste Ratschlag stammte von Darsteller Fahri Yardim: "Immer schön auf dem roten Teppich bleiben."

© SZ/nas
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