Berlinale-Eröffnung Weibliche Hauptrolle

Den Auftakt der Berlinale 2016 prägen die Frauen - allen voran Jury-Chefin Meryl Streep. Anke Engelke legt sich mit Leipzig an, und Verona Pooth redet eine Stunde lang, ohne Luft zu holen.

Von Christian Mayer

Der schönste Moment in "Hail Caesar!", dem Eröffnungsfilm der Berlinale, ist die Szene, in der George Clooney in seiner Rolle als leicht depperter Hollywoodstar von seinem Studioboss Ohrfeigen bekommt. Links, rechts, links, rechts, der arme Kerl weiß gar nicht, wie ihm geschieht, nur dass er die Abreibung verdient haben könnte. Zum Abschied ruft der Boss, gespielt von Josh Brolin: "Go out and be a star!" Geh gefälligst raus, du Blödmann, und lass beim Dreh deinen Charme, dein Charisma spielen!

Dieter Kosslick, hier mit Meryl Streep, bei der Berlinale 2016.

(Foto: Tobias Schwarz/AFP)

Go out and be a star: So etwas muss man einem wie Clooney im wahren Leben natürlich nicht sagen, der Mann hat schon in den ersten beiden Tagen der Berlinale fast die gesamte Aufmerksamkeit eingesogen, er hat seine legendären Charme-Granaten abgefeuert und wirkte nur einmal genervt, als ihm eine Journalistin etwas ungeschickt mit der Frage kam, was er denn für die Flüchtlinge auf der Welt zu tun gedenke. Der Schauspieler, der sich im Südsudan und anderen Krisengebieten politisch und finanziell engagiert, verlor da für eine Minute seine Gelassenheit. Beim Treffen im Kanzleramt am Freitag erschien wiederum ein ganz anderer Clooney: In entspannter Atmosphäre, so war zu hören, sei das halbstündige Gespräch zwischen Merkel, Clooney und dessen Frau Amal verlaufen, zehn Minuten länger als geplant habe man über Flüchtlingsfragen diskutiert - wie gut, wenn man eine Frau hat, die nicht nur auf dem roten Teppich glänzt, sondern auch als Anwältin für brisante Menschenrechtsfälle auf dem internationalen Parkett.

Die Flüchtlinge sind auch das beherrschende Thema bei der Berlinale-Eröffnung, die Anke Engelke moderiert, bissig, witzig, politisch, immer mit einem Kalauer bewaffnet, im Zusammenspiel mit dem knuddeligen Berlinale-Direktor Dieter Kosslick. Engelke säuselt nicht, sie saust durch den Abend, um die entscheidenden Momente dann auszukosten. Als sie Clooney auf seinen letzten Berlinale-Film "Monuments Men" anspricht, in dem die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg deutsche Kulturgüter vor der Zerstörung retten wollen, sagt sie: "George Clooney hat für den Film viele Millionen investiert, um Deutschland in Nazi-Deutschland zu verwandeln. Das hätte er billiger haben können - 180 Kilometer südlich, in Leipzig." Gelächter und Getuschel im Saal, im Netz aber folgte ein Hass-Tornado: Nie wieder solle sie Leipzig betreten; wie sie eine ganze Stadt derart denunzieren könne? Den Empörten aber sei gesagt: Bei amerikanischen Filmgalas, seit je her Vorbild für derartige Veranstaltungen, geht es viel heftiger zur Sache, da werden den Stars und Zuschauern die Gemeinheiten nur so um die Ohren gehauen - alles für die Show.

Couchgeflüster: Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärt der Menschenrechtsexpertin Amal Clooney und deren Ehemann George ihre Flüchtlingspolitik.

(Foto: Reuters)

Bei der Berlinale geht man generell eher liebevoll mit Filmgrößen aller Art um, und es ist immer wieder rührend zu erleben, zu welcher Bewunderung und Ehrfurcht das Berliner Publikum fähig ist. Höhepunkt ist dieses Mal der tosende Empfang für die Jury-Präsidentin. Meryl Streep tritt auf der Bühne eher nachdenklich auf, sie erzählt dem Publikum kurz von ihrer Liebe zum Film, ihrer immerwährenden Lust, sich von den Geschichten im Kinosaal überwältigen zu lassen - und wird dafür gefeiert, als habe sie gerade wieder den Oscar gewonnen. Zwei Mal springen die Gäste von den Sitzen auf, Streep macht eine beschwichtigende Geste, zu viel der Ehre, wenn man gerade erst mit der Arbeit begonnen hat. Geht noch mehr? Ja, eine kleine Stand-Up-Comedy des Jury-Mitglieds Lars Eidinger, der keine Lust hat, alles toll zu finden beim diesjährigen Wettbewerb um den Goldenen Bären: Er wisse sehr genau, wann ein Schauspieler nichts tauge und wann einer gut sei. Den Mikrofonständer lässt er erst nach einem kleinen Handgemenge wieder los: "Ich blute", ruft er theatralisch.

Beim anschließenden Empfang verteilt sich die deutsche Filmprominenz über die Stockwerke, Daniel Brühl, Heike Makatsch, Tom Schilling, Iris Berben, Elyas M'Barek, Maria Furtwängler, Karoline Herfurth, Sibel Kekilli, Senta Berger, Florian David Fitz und all die anderen bleiben zumindest so lange, bis es genügend Fotos von ihnen gibt, dann rauschen sie ab in die Berliner Nacht. Im Soho House kann man zu New Yorker Fantasiepreisen ein Paralleluniversum genießen, im Hotel Stu am Tiergarten feiern Ufa und Gala, wobei Gastgeber Nico Hofmann jeden einzelnen seiner 400 Freunde umarmt und ein bekannter Berliner Strafrechtsanwalt sicherheitshalber einen Katalog mit den Fotos sämtlicher Gäste mitgebracht hat. Man will ja schon wissen, wer diese luftig gekleideten, komplett überdrehten Leute sind, die alle irgendwie was mit Film machen oder manchmal sogar behaupten, ganz sie selbst zu sein, so wie die Eigenkreation Verona Pooth, die eine Stunde lang in ein Mikrofon über Gott, sich und die Welt sprechen kann, ohne Atem zu holen.

Das also war der Anfang der Berlinale, deren Motto in diesem Jahr die Suche nach dem Glück ist. Wenn das so weitergeht, sind wir im richtigen Film.