Berlin Und niemand hat den Mann vermisst

Der Schlüssel zur Lösung: Die Vermisstenstelle schickte Polizeischüler los, sie sollten alle Haustüren in einem Umkreis von 200 Metern durchprobieren.

(Foto: Kristin Bethge/dpa)

Ein Berliner Jogger liegt seit vier Monaten im Koma. Name: Unbekannt. Angehörige meldeten sich nicht. Dann erkannte jemand den Schlüssel.

Von Titus Arnu, Berlin

Seniorinnen klackern mit Nordic-Walking-Stöcken, ein Hund jagt einem Frisbee nach. Im Hintergrund hört man den Verkehr auf der sechsspurigen Bundesallee rauschen, aber hier, im Volkspark Wilmersdorf, geht es idyllisch zu. Zwei Männer sitzen unter einer Trauerweide und spielen stumm Schach, ein Jogger zieht seine Bahnen. Es ist ein vergleichsweise kleiner und verwinkelter Park, aber wenn man zwei, drei Runden dreht, kommt man auf ausreichend viele Laufkilometer.

Am 13. März, einem kühlen Dienstag, fanden Spaziergänger einen leblosen Mann im Park. Er war offenbar beim Joggen gestürzt, hatte sich am Kopf verletzt und war nicht ansprechbar. Ein Krankenwagen brachte ihn in die Charité. Die Sanitäter fanden keinen Ausweis, keinen Geldbeutel, kein Handy. Nur zwei Schlüssel an einem Ring und 15 Euro in einem Bauchgürtel. Die Ärzte versetzten den Schwerverletzten ins künstliche Koma, in die Krankenakte schrieben sie "Unbekannt Unbekannt". Für Vor- und Nachname.

Vier Monate lang hat die Polizei gebraucht, um den Mann zu identifizieren. Und die Beamten hatten fast schon geglaubt, dass sie nie herausfinden würden, wer er ist, weil einfach niemand ihn zu kennen schien. Sie fotografierten den Koma-Patienten und stellten eine Beschreibung ins Netz: 60 bis 70 Jahre alt, etwa 1,70 Meter groß. Weiße Haare, Zahnprothesen, auffallend gut trainiert für sein Alter. Er trug eine orangefarbene Joggingjacke (Größe L), ein schwarzblaues Laufshirt (Größe L), eine schwarz-blau-rosafarbene Jogginghose (Größe L) und weiße "Reebok"-Laufschuhe (Größe 44,5). Eine passende Vermisstenmeldung gab es bundesweit nicht. Ein Abgleich der DNA mit verschiedenen Datenbanken brachte keine Ergebnisse. Die Beamten waren ratlos. "Das ist auch für unsere Vermisstenstelle eine ganz neue Situation," sagt eine Polizeisprecherin. Sie habe es zum ersten Mal erlebt, dass es nicht den kleinsten Hinweis gebe. Pro Jahr beschäftigt sich die Berliner Polizei mit 60 bis 80 Menschen, deren Identität nicht klar ist. In den meisten Fällen handelt es sich um tote Obdachlose, viele aus Osteuropa. Bis auf einen konnten alle ermittelt werden. "Unbekannt Unbekannt" aber war ein rätselhafter Fall. Chefermittler Uwe Dziuba und sein Team gingen bald davon aus, dass er in Berlin wohnt, da er Hausschlüssel dabei hatte. Meldungen von Hotels über nicht bezahlte Rechnungen waren nicht eingegangen. Auch eine Anfrage beim Zimmervermieter Airbnb brachte keine Erkenntnisse. Ähnliche Fälle sind selten, aber es gibt sie. 2005 wurde in England ein junger Mann nach einem Suizidversuch aufgefunden, er redete nicht, spielte aber gut Klavier. Die Versuche, ihn zu identifizieren, lösten einen weltweiten Medienhype aus, eine Algerierin erkannte in dem stummen Blonden ihren verschwundenen Ehemann, andere sahen einen tschechischen Pianisten oder einen skandinavischen Studenten in ihm. Bei einer Hotline gingen mehr als 1000 Hinweise ein, aber sie brachten die Ermittlungen kein Stück voran. Bis sich der Piano-Mann den Ärzten offenbarte: Er heiße Andreas Grassl, komme aus Bayern und habe psychische Probleme.

Ob der Berliner Jogger jemals wieder sprechen kann, ist ungewiss. Also suchten die Ermittler weiter nach Hinweisen. "Unbekannt Unbekannt" hatte zwar eine Pulsuhr an, die noch lief, als er gefunden wurde. Sie zeigte zwölf Minuten an, aber da sie nicht über eine GPS-Funktion verfügte, konnte man nicht nachvollziehen, wo er gestartet war. Jedenfalls hielt es die Polizei für wahrscheinlich, dass der Mann in der Umgebung des Parks wohnt. Also klapperten die Ermittler Wohnblocks ab, befragten Vermieter und Müllmänner, die für 4500 Tonnen rund um den Park zuständig sind. Ohne Erfolg. Diese Woche wurden Polizeischüler losgeschickt mit Kopien der gefundenen Schlüssel, mit dem Auftrag, alle Haustüren in einem Radius von 200 Metern auszuprobieren. Wieder ohne Erfolg.

Als die Polizei nach dieser Aktion nochmals ein Foto der Schlüssel veröffentlichte und die Bevölkerung per Twitter um Hilfe bat, meldete sich ein Mann, der glaubte, den Schlüssel zu erkennen. Er wohnt in einem Haus in der Brandenburgischen Straße, nicht weit vom Park entfernt, und gab an, auch das Gesicht des Unbekannten komme ihm bekannt vor. Tatsächlich passte einer der Schlüssel in die Eingangstür des sechsstöckigen Hauses. Wenig später stand Dziuba vor der richtigen Wohnungstür. Drinnen schien die Zeit stehen geblieben zu sein: "Da standen die Winterschuhe, da hing die Winterjacke." Er fand den Ausweis und die Krankenkassenkarte des Mannes. Es handelt sich um einen alleinlebenden 74-Jährigen. Seine Wohnung liegt 200 Meter außerhalb des Überprüfungsbereichs. Der Mann lief also schneller als von der Polizei angenommen. In der Charité haben sie jetzt seinen richtigen Namen in die Akte geschrieben.