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Goldmünzen-Prozess:Drei Haftstrafen und ein Freispruch

Wegen des spektakulären Diebstahls einer 100 Kilogramm schweren Goldmünze aus dem Berliner Bode-Museum sind drei junge Männer zu mehrjährigen Gefängnisstrafen verurteilt worden.

Prozess wegen Diebstahls der Goldmünze ´Big Maple Leaf"

100 Kilo schwer, 3,3 Millionen Euro Wert, Goldanteil 99,999 Prozent: Die gestohlene Münze aus dem Bode-Museum, die wohl zerstückelt wurde.

(Foto: dpa)

Als die Richterin den Saal betritt, erheben sich die vier jungen Männer - dunkelhaarig und leger gekleidet - schwerfällig aus ihren Stühlen. Ihnen wird einer der spektakulärsten Diebstähle der jüngeren Geschichte zur Last gelegt, doch es wirkt nicht so, als gehe sie das folgende Urteil irgendetwas an. Sie bleiben auch bei der Verkündung reglos, starren in ihre Hände auf dem Schoß, blicken nur hin und wieder zur Richterin.

Hinter ihnen liegt gut ein Jahr "Goldmünzen-Prozess". Die beiden Cousins Ahmed, 21, und Wissam R., 23, werden zu vier Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt, weil sie 2017 eine Hundert-Kilo-Goldmünze aus dem Berliner Bode-Museum geklaut und weggeschafft haben. Sie müssen 3,3 Millionen Euro zurückzahlen, den Goldwert der gestohlenen Münze.

Denis W., 21, der als Wachmann im Bode-Museum arbeitete, mit Ahmed befreundet ist, und für die Diebe offenbar ein entscheidender Informationsgeber war, bekommt eine Haftstrafe von drei Jahren und vier Monaten. Er, der Sicherheitsmitarbeiter, der eigentlich eingestellt worden war, um die wertvolle Kunst zu schützen, wurde offenbar mit 100 000 Euro an der Beute beteiligt. Diese Summe muss er jetzt zurückzahlen.

Und da ist ein vierter Angeklagter, Wayci R., 25, Bruder von Ahmed. Dessen Tatbeteiligung kann nicht nachgewiesen werden. Er wird freigesprochen.

Urteilsverkündung im Goldmünzen-Raub Prozess

Zwei der Angeklagten sitzen zwischen ihren Anwälten im Gerichtssaal und halten sich Pappordner vors Gesicht.

(Foto: dpa)

Noch ist das Urteil nach Jugendstrafrecht nicht rechtskräftig. Der Staatsanwalt kündigt noch im Gerichtsgebäude an, unter anderem wegen des Freispruchs eine Revision "prüfen" zu wollen. Er hatte für alle Angeklagten Gefängnisstrafen von fünf bis sieben Jahren gefordert. Mit der Höhe der Zahlungen aber zeigte er sich zufrieden. Die Verteidiger der Männer hatten auf Freispruch plädiert.

Polizeibekannte Großfamilie

Kritik kam von der Berliner Polizeigewerkschaft. Das Urteil sei zu niedrig und offenbare, dass die gesetzlichen Möglichkeiten im Kampf gegen die organisierte Kriminalität nicht ausreichten.

Ahmed, Wissam und Wayci gehören zur polizeibekannten arabischstämmigen Großfamilie R., auch deshalb war das Urteil mit großer medialer Aufmerksamkeit verfolgt worden. Die Familie, auch die Angeklagten, waren in der Vergangenheit mit Diebstählen aufgefallen, Ahmed R. etwa, war dabei auch bewaffnet vorgegangen. Im Fall der gestohlenen Goldmünze wird auch vermutet, dass weitere Familienmitglieder Hilfe geleistet haben.

Das Vorgehen zeige "Dreistigkeit und Risikobereitschaft besonderer Güte", sagte Richterin Dorothee Prüfer, der Diebstahl geschah mitten im Stadtzentrum, zu einer Zeit, in der ein Wachmann gerade in einem anderen Gebäudeteil seinen Rundgang machte. Die Diebe drangen über ein entriegeltes Fenster in das Gebäude ein, zerschlugen die Ausstellungsvitrine mit einer Axt und hievten die waschmaschinenschwere Münze mit einem Rollbrett davon. "Welcher Einbruchsdiebstahl kann noch gravierender sein?", fragte die Richterin. Etliche Kameraleute drängten sich in den Gerichtssaal, umlagerten nach dem Urteil auf dem Flur den Staatsanwalt und die Gerichtssprecherin.

Das Goldstück bleibt verschwunden

In vielem musste sich das Gericht auf Indizien stützen, an echten Beweisen mangelte es bis zuletzt. Doch die Richterin war überzeugt, dass es Denis W. war, der ein Fenster im Umkleideraum der Sicherheitsmitarbeiter im Museum so entriegelte, dass seine Komplizen in das Gebäude einsteigen konnten, ohne dass der Alarm losging. Denis W. sei nicht nur Tippgeber, sondern "Achse" der Tat gewesen, sagte die Richterin. Er hatte den Ort ausgekundschaftet und die anderen wohl erst auf die Idee gebracht, die Münze zu stehlen. Ihren Wert konnte Denis W. von einem Schild am Exponat ablesen.

Das riesige Goldstück bleibt verschwunden. Zwar ist die Rede von einer Münze, tatsächlich ähnelt sie mit einem Durchmesser von 53 Zentimetern und drei Zentimetern Dicke aber eher einer Platte. Bei den Angeklagten der Familie R. waren Goldspäne gefunden worden, die eine besonders hohe Reinheit aufwiesen - wie die der gestohlenen Münze. "Wir wissen, dass die Münze in den Bereich der Familie R. gelangt ist", sagte die Richterin. DNA-Spuren auf einem Seil, aber auch GPS-Daten und Handydaten hatten die Ermittler zu den jungen Männern geführt. Sie schwiegen im Prozess, nur einmal äußerten sie sich kurz, um ihre Schuld zu bestreiten.

Zerstückelt und eingeschmolzen?

Der Goldanteil der Münze liegt bei 99,999 Prozent. Ihr Objektwert von 3,3 Millionen Euro dürfte noch einmal deutlich steigen, sollte die Münze jemals auf dem Markt auftauchen. Wahrscheinlicher ist, dass sie mithilfe der Familie R. zerstückelt und eingeschmolzen wurde. Die "Big Maple Leaf" stammt aus Kanada und wurde seit 2010 im Museum gezeigt, ein privater Sammler hatte sie dem Museum geliehen. Dass er sie je wiedersieht, ist sehr unwahrscheinlich.

Die Diebe waren in der Tatnacht im März 2017 wohl über S-Bahn-Gleise zum Gebäude gelaufen, mit einer Leiter an das entriegelte Fenster geklettert, eingestiegen und durch den Personaltrakt zur Münze gelaufen. Genauer konnte der Weg nicht rekonstruiert werden. Entweder hatten die Diebe die nötigen Schlüssel für die versperrten Türen oder sie öffneten die Schlösser mit einem Draht. Mit der Beute liefen die Männer zurück ans Fenster und warfen sie auf die Gleise, ließen sich hinunter und transportierten die Münze per Schubkarre zum Fluchtauto. Die Diebe entkamen unerkannt in die Nacht.

Den Gerichtssaal verließen alle vier Männer am Donnerstag eilig im Schutz ihrer Anwälte und von Pappordnern, die sie sich eng vor die Gesichter hielten.

© SZ/moge
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