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Urteil im Mordprozess:"Da hat mich der Teufel geritten"

Berliner Schülerin Georgine verschwunden

Der damals noch nur Angeklagte sitzt 2019 vor Beginn der Verhandlung in einem Gerichtssaal.

(Foto: Paul ZInken/dpa)

Es war einer der rätselhaftesten Vermisstenfälle in Berlin: Nun ist der Mörder von Georgine Krüger zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Die Tat kam dank verdeckter Ermittler ans Licht.

Eine junge Frau hat keine Schwester mehr. Michelle Krüger war fünf Jahre alt, als ihre Schwester Georgine nicht von der Schule nach Hause kam. Es war ein Montag im September 2006, ihre Großmutter wartete schon mit dem Essen, sie rief Georgine auf dem Handy an. Doch die 14-Jährige war verschwunden. Michelle sah ihre Schwester nie mehr wieder.

An diesem Dienstag steht Michelle Krüger, 19, dunkles Haar, dunkle Brille, vor dem Saal 700 des Berliner Landgerichts und sagt, sie sei erleichtert. Denn 14 Jahre später ist endlich klar, was damals passiert ist. Das Gericht hat den 44-jährigen Ali K. wegen Mordes in Tateinheit mit Vergewaltigung verurteilt. K. habe Georgine in seinen Keller gelockt, sie bewusstlos geschlagen und vergewaltigt, so der Vorsitzende Richter. Dann habe er das Mädchen getötet und die Leiche in eine Mülltonne geworfen. Ali K. muss lebenslang in Haft. "Das ist ein Abschluss", sagt Michelle Krüger. Ihre Schwester wäre heute 27 Jahre alt.

Das Verschwinden von Georgine Krüger war einer der rätselhaftesten Vermisstenfälle in Berlin. Das Mädchen war, wie jeden Tag, aus dem Schulbus gestiegen und von der Haltestelle die 200 Meter zu ihrem Wohnhaus gelaufen. Über Jahre suchten die Ermittler nach Spuren von ihr, befragten Freunde, Mitschüler, Lehrer und Bekannte aus Chat-Foren, überprüften die Alibis von 150 Sexualstraftätern, klapperten mit Mantrailer-Hunden die Gegend ab, trafen Hinweisgeber aus München, Köln und Kiel, ließen ehemalige Stasi-Bunker öffnen. Die letzte Spur stammte aus dem Jahr 2018. Da meldete sich ein anonymer Anrufer bei der Polizei und sagte, Georgines Leiche liege in einem Waldstück in der Nähe von Berlin. Die Polizei grub alles um, doch auch Hinweis 225 führte zu nichts.

Dabei lag die Lösung immer nahe. Ali K. wohnte in derselben Straße wie Georgine Krüger. Der Familienvater hatte keinen geregelten Job, und nachdem er seine Frau zur Arbeit in einem Hotel gebracht hatte, war er meistens in einem türkischen Café oder auf der Straße unterwegs. In der Nachbarschaft war er bekannt dafür, junge Mädchen zu belästigen, zu begrapschen oder ihnen aufzulauern. 2011 wurde er sogar verurteilt, nachdem er eine 17-Jährige in seinen Keller gelockt und versucht hatte, sie zu vergewaltigen.

Ali K. war bereit zu töten - er hatte es schon einmal getan

Doch erst vor zwei Jahren führten die Mordermittler die Enden zusammen. Sie setzten drei verdeckte Ermittler auf K. an, die sich Kara, Hakan und Susann nannten, K.s Vertrauen gewannen und ihn mit folgender Geschichte zu einem Geständnis bringen sollten: Kara gab sich als Krimineller aus, der seinen Geschäftspartner getötet hatte und nun seine Lebensgefährtin für 100 000 Euro umbringen lassen wollte. Ali K. erklärte sich irgendwann bereit dazu und sagte auch, warum: Er habe schon einmal getötet, die Schülerin Georgine Krüger.

Er erzählte Kara, er sei "verrückt" nach ihr gewesen, habe sie beobachtet, "sie war ein Mädchen wie ein Mannequin". Eines Tages habe er Tüten vor seine Haustür gestellt und sie gebeten, ihm beim Tragen zu helfen. Er habe Georgine in seinen Keller gebracht, vergewaltigt und erwürgt. Ihre Ausweise und ihr Telefon habe er in die Toilette geworfen, ihre Leiche, in einen Teppich und Tüten gewickelt, im Hausmüll entsorgt. Er bereue das, sagte er zu Kara, "da hat mich der Teufel geritten".

Georgines Leiche wurde nie gefunden, sie muss in einer Müllverbrennungsanlage verbrannt worden sein. Andere Spuren gibt es nicht. Reicht dann ein solches Geständnis aus, um jemanden wegen Mordes zu verurteilen?

Ali K. habe erleichtert gewirkt, sich jemandem anvertrauen zu können

Ja, sagen nun die Richter in der Urteilsbegründung. Denn Ali K. habe den verdeckten Ermittlern nicht irgendeine Geschichte erzählt. "Dieses Geständnis war erlebnisbasiert", so das Gericht. Der Angeklagte habe Täterwissen gehabt, etwa darüber, welche Geräusche ein Mensch macht, wenn er in bewusstlosem Zustand gewürgt wird. Und als der anonyme Anruf aus dem Jahr 2018 über das Waldstück bei Berlin durch die Medien ging, habe er zu seiner Frau gesagt, Georgine könne gar nicht im Wald sein, ihre Leiche sei doch im Müll. Die verdeckten Ermittler hätten K. auch zu nichts gedrängt, sagt der Vorsitzende Richter, im Gegenteil. Er habe während des Gesprächs mit Kara, das dieser heimlich mitschnitt, sogar erleichtert gewirkt, dass er sich endlich jemandem anvertrauen könne.

Ali K. sitzt reglos auf der Anklagebank, wie auch schon an allen Verhandlungstagen zuvor. Als er Ende 2018 verhaftet wurde, sagte er der Polizei, er habe Angst vor Kara gehabt und ihm erzählt, was dieser hören wollte. Doch das glauben ihm die Richter nicht. Ali K. habe in seiner Familie bis zuletzt positiv über seine neuen Freunde geredet, die mit ihm ausgingen, ihn Sportwagen fahren ließen oder ins Bordell ausführten. Der verdeckte Ermittler Kara wiederum, der vor Gericht per Videoschalte und unter Ausschluss der Öffentlichkeit vernommen wurde, um seine Identität zu schützen, sei vollkommen glaubhaft, "alles passt zusammen".

Nach der Urteilsverkündung huscht eine grauhaarige Frau aus dem Saal. Es ist Georgines Mutter. Sie sei ruhig und gefasst, sagt ihr Anwalt, und auch dankbar, dass die Polizei immer weiter ermittelt habe. Aber sie hatte bis zuletzt Hoffnung, dass Georgine noch lebt. "Jetzt hat sie sich damit auseinandergesetzt, dass es dieses Fünkchen nicht mehr gibt."

© SZ
Prozess um Ali K. : Schülerin Georgine Krüger verschwunden

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Fall Georgine Krüger
:Der Mann aus Nummer 3

Im September 2006 verschwindet in Berlin die 14-jährige Georgine Krüger. Mehr als 13 Jahre später steht Ali K., der all die Jahre in derselben Straße wohnte, vor Gericht. Die Geschichte einer ungewöhnlichen Ermittlung.

Von Verena Mayer, Berlin

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