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Hells Angels und Bandidos in Berlin:Krieg der Kutten

Clubhaus Hells Angels Streustrasse Weissensee Berlin Deutschland Clubhaus Hells Angels Weissens

Flacher Bau, dickes Motorrad: das Klubhaus der Hells Angels in Berlin-Weißensee.

(Foto: Schöning/imago)
  • 13 Mitglieder der Hells Angels müssen sich seit November 2014 vor Gericht verantworten. Mehr als 150 Prozesstage sind inzwischen ins Land gegangen.
  • Einer von ihnen hat sich den Behörden als Kronzeuge zur Verfügung gestellt und der Polizei aus der Rockerszene berichtet: vom Handel mit Anabolika und Drogen, dem Bordellbetrieb und wie Leute gekauft oder eingeschüchtert wurden.
  • Obwohl die Führungsriege der Hells Angels in U-Haft sitzt, laufen die Geschäfte aus dem Gefängnis heraus weiter.

Ein Wettbüro in Berlin-Reinickendorf im Januar 2014. Ein Mann sitzt im Hinterzimmer und spielt Karten, als plötzlich 13 Männer in dunkler Lederkluft den Raum betreten, einer nach dem anderen. Der erste zieht eine Waffe und schießt acht Mal auf den Kartenspieler. Wer die Männer waren, wusste man kurz nach der Tat, denn eine Überwachungskamera hat alles aufgezeichnet: Rocker der Hells Angels, sie sitzen inzwischen seit drei Jahren in Haft. Warum der 26-Jährige sterben musste, war ebenfalls schnell klar: aus Rache, weil er den verfeindeten Rockern der Bandidos nahestand. Unklar ist jedoch, ob die Rocker dafür zur Verantwortung gezogen werden können. Und ob sich dadurch in Berlin etwas ändert, wo Rockerklubs ein fester Bestandteil der organisierten Kriminalität sind.

Seit November 2014 müssen sich elf Rocker vor dem Berliner Landgericht wegen Mordes verantworten, es ist das aufwendigste Verfahren gegen Mitglieder der Hells Angels. Mehr als 150 Prozesstage sind inzwischen ins Land gegangen, jeder beginnt gleich. Die Rocker nehmen ihre Plätze auf der Anklagebank hinter Panzerglas ein, sie tragen Glatzen und lange Bärte, auf den Armen und am Hals haben sie großflächige Tattoos. Ganz links Kadir P., 32, der Chef der Hells Angels Berlin-City. Er war selbst nicht im Wettbüro, soll den Mord aber in Auftrag gegeben haben, den Ermittler "eine regelrechte Hinrichtung" nennen. P. setzt sich stets demonstrativ mit dem Rücken zu den Richtern und blättert in einer Zeitschrift, manchmal winkt er in den Zuschauerraum, wo einige Frauen aus seiner Familie sitzen. Die anderen Angeklagten suchen seinen Blick, man merkt, dass P. selbst hier das Sagen hat.

Hells Angels "Zuckerbrot und Peitsche"
Mordprozess gegen Rocker

"Zuckerbrot und Peitsche"

Einer der elf angeklagten Mitglieder der Rockerbande "Hells Angels" hat nach seiner Inhaftierung die Seiten gewechselt. Er gilt nun als Kronzeuge der Anklage. Von den tödlichen Schüssen in einem Berliner Wettbüro will er überrascht worden sein.

Und da ist noch die abgetrennte Glaszelle. Dort sitzt Kassra Z., den Kopf gesenkt, die Hände vor dem Gesicht. Z., 30, war in der Wettbüro-Kolonne die Nummer acht, und dann hat er etwas getan, was in Rockerklubs undenkbar ist, die nach ihren eigenen Regeln funktionieren, wo es um die Ehre geht und man nicht einmal mit der Polizei redet, wenn man selbst Opfer von Gewalt wird: Er hat sich den Behörden als Kronzeuge zur Verfügung gestellt und mehrere Tage lang ausgesagt. Er trug dabei eine schusssichere Weste, Polizei und Personenschützer schirmten den Saal 500 ab. Kassra Z. muss um sein Leben fürchten, selbst im Gefängnis gilt er als gefährdet.

Angriffe mit Macheten, abgetrennte Gliedmaßen, Tote

Seiner Aussage verdanken sich wertvolle Einsichten in die Rockerszene. Wie die Hells Angels im Handel mit Anabolika und Drogen mitmischen, Bordelle betreiben oder die Türen von Klubs kontrollieren und damit auch das, was sich hinter den Türen abspielt. Wie Leute gekauft oder eingeschüchtert wurden, und all das fast militärisch durchorganisiert. Und Kassra Z. erzählte von den Veränderungen, die die deutsche Rockerszene in den vergangenen Jahren durcheinanderwirbelten. Früher durften in Rockerklubs nur Deutsche Mitglieder werden, doch irgendwann brachte der Nachwuchsmangel viele Charter oder Chapter, wie die Zweigstellen der Rockerklubs im Szenejargon heißen, dazu, Männer aus türkisch- oder arabischstämmigen Familien aufzunehmen. Die hatten oft zwar nicht einmal den Motorradführerschein, konnten dafür jedoch unter Verwandten und Freunden weiteren Nachwuchs für die Rocker rekrutieren. Ermittler nennen sie "die neuen Wilden".

Auch Kadir P. hat so Karriere gemacht. Er ist der Sohn eines Arbeiters aus der Türkei, ging erst zu den Bandidos und kämpfte mit ihnen gegen die Hells Angels um die Vorherrschaft auf den Straßen von Berlin. Es gab Angriffe mit Macheten, abgetrennte Gliedmaßen, Tote. Schließlich lief P. zusammen mit 40 weiteren Bandidos zu den Hells Angels über, "der größte Feind der Hells Angels war plötzlich ihr Bruder", wie es ein Ermittler ausdrückt. Ungewöhnlich war auch die Art, wie P. bei den Hells Angels aufstieg. Statt sich jahrelang durch Botengänge anzudienen und ein sogenannter "Hang around" zu sein, wie es bei den Rockern üblich ist, wurde er gleich zu einem vollwertigen Mitglied und gründete seinen eigenen Ortsverein, was ihm viele Altrocker übel nahmen.

P. gilt als eine Art Pate der Rocker, der sich gern mit Leuten wie dem Rapper Bushido umgab. In dessen Video "Mitten in der Nacht" spielte er einen Boxer mit grimmigem Blick. Von Zeugen wird P. als aufbrausend beschrieben, als einer, der bei der kleinsten Meinungsverschiedenheit ausrastete. Es kam zu einem regelrechten Rockerkrieg zwischen Hells Angels und Bandidos, Klubhäuser wurden angezündet, Anschläge in Auftrag gegeben, ein Türsteher erschossen, weil er Rocker nicht in eine Disco ließ. Infrage gestellt habe man all das nicht, sagte der Kronzeuge Kassra Z.: "Du erfüllst deine Pflicht im Kollektiv."

Die Geschäfte der Hells Angels laufen weiter - auch aus dem Gefängnis

Im Rocker-Prozess wird aber auch deutlich, wie schwierig es für die Behörden ist, diese Strukturen zu bekämpfen. Januar 2017, Prozesstag 149, ein Ermittler sitzt im Zeugenstand. Er erzählt, wie er den Mann vernahm, der im Wettbüro direkt neben dem Opfer saß, einen wichtigen Belastungszeugen. "Der machte keinen guten Eindruck", sagt der Polizist. Das Leben des Mannes ist gefährdet, seine Familie musste umziehen. Immer wieder habe er gesagt, er würde am liebsten "die 100 000 Euro nehmen, die ihm die Gegenseite bot, wenn er seine Aussage zurückzieht".

Was bedeutet all dies für die organisierte Kriminalität in der Hauptstadt? Hat der Einfluss der Rocker nun ein Ende, da die Führungsriege der Hells Angels in Untersuchungshaft sitzt? Frage an Stephan Strehlow, den Leiter des Rocker-Dezernats am Landeskriminalamt Berlin. Er sagt, es sei in der Hauptstadt tatsächlich deutlich ruhiger geworden, "zumindest, was die wahrnehmbaren Taten betrifft". Doch passiere weiterhin viel hinter den Kulissen, die Hells Angels hätten dafür gesorgt, dass die Geschäfte weiterlaufen, auch aus dem Gefängnis heraus.

In Berlin und Brandenburg hätten etwa tausend Leute mit den Rockern zu tun, sagt Strehlow, zudem rücken andere Rockergruppen nach. Die Hells Angels aus Gießen und Gruppen, die Guerilla Nation oder Red Devils heißen und an Drogenumschlagplätzen wie dem Kottbusser Tor mitverdienen wollen. Erst im Herbst wurde ein Rocker der Guerilla Nation erschossen, als er auf seinem Motorrad unterwegs war. Und da seien noch immer die "neuen Wilden". Junge Männer mit Migrationshintergrund, die aus kriminellen Clans stammen und sich vom Kult und den Kutten der Rocker angezogen fühlen.

Was passiert, wenn sich diese Milieus erst mischen, sei noch nicht gar absehbar.

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