Architektur:Fabrik, Gefängnis, Geheimarchiv

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Villa Heike

Vor dem Verfall bewahrt: Um die Villa Heike wieder herzurichten, hat ein Berliner Architekt auf Ebay nach Unterstützern gesucht.

(Foto: Enric Duch)

Die Villa Heike in Berlin hat eine bewegte Geschichte. Dann drohte die Immobilie zu verfallen - bis ein Berliner Architekt auf Ebay Unterstützer suchte und Neues schuf.

Von Lars Klaaßen

Zu Kaisers Zeiten war sie eine Fabrik, zwischenzeitlich wurde sie vom russischen Geheimdienst als Gefängnis und von der Stasi als Geheimarchiv für NS-Akten genutzt: Die wechselvolle Geschichte der Villa Heike klingt fast filmreif. Nach 1990 folgten allerdings mehr als 20 Jahre Leerstand und der weitgehende Verfall des Areals. Dann kam Christof Schubert. "Durch einen Bauherrn stieß ich zufällig auf dieses Haus mit seinen vielen historischen Schichten und war fasziniert", erinnert sich der Berliner Architekt.

Aber ihm sei klar gewesen, dass er Mitstreiter braucht, um aus dem Anwesen etwas Neues zu machen. Die suchte er auf Ebay. Auf sein Inserat meldeten sich rund 50 Interessenten. "Keine drei Monate später", so Schubert, "nach vielen Führungen durch die verwahrlosten Etagen, hatten sich die passenden Leute gefunden."

Wenige Tage vor Unterzeichnung des Kaufvertrags im Sommer 2015 saßen die fünf Parteien erstmals alle beieinander. Die Eigentümergemeinschaft machte sich daran, das akut vom Verfall bedrohte Haus zu sanieren und in ein Atelier- und Bürohaus umzuwandeln. Der Bebauungsplan sah lediglich eine gewerbliche Nutzung vor, keine Wohnungen. Auch der Denkmalschutz war mit von der Partie. "Die Villa Heike, als architektonisches Einzeldenkmal geschützt, sollte als zeitgeschichtlicher Zeuge die Spuren ihrer wechselvollen Geschichte nach wie vor tragen", sagt Schubert. "Wir wollten bewusst auch Schäden, Veränderungen und Abnutzungsspuren sichtbar lassen."

Den Anfang der Geschichte des Hauses machte sein Namensgeber, der Maschinenbaufabrikant Richard Heike. 1910 ließ dieser sich mit seiner Fabrik für Fleischverarbeitungsmaschinen in Alt-Hohenschönhausen nieder. Der heutige Ortsteil Berlins lag damals noch weit vor den Toren der Hauptstadt. Hochparterre und Souterrain dienten mit mehr als 1000 Quadratmetern als Ausstellungsfläche für Heikes Maschinen, sein Showroom. Im ersten und zweiten Obergeschoss waren Büros untergebracht, im dritten wohnte der Fabrikant. Unmittelbar hinter dem Gebäude befanden sich die Produktionshallen samt ihren Schloten.

1945 konfiszierte die sowjetische Administration die Immobilie

"Die Villa Heike war ein für diese Zeit äußerst modernes und multifunktionales Gebäude", betont Schubert. "Avantgardistisch war nicht zuletzt die Stahlbetonskelettbauweise." Das Haus war damit eines der ersten dieser Art im Berliner Raum. Eine Baufirma aus Wien musste eigens damit beauftragt werden. Fast zeitgleich ist damals in gleicher Weise die Friedrichstraßenpassage gebaut worden, dessen Ruine als Kunsthaus Tacheles nach dem Mauerfall legendär wurde.

Den Zweiten Weltkrieg hat die Villa Heike samt Fabrikhallen weitgehend unbeschadet überstanden. Doch alles wurde anders, die Eigentumsverhältnisse, die Nutzung und damit auch die Architektur des Hauses. 1945 konfiszierte die sowjetische Administration die Immobilie. In den Wirren der Nachkriegszeit diente sie zunächst als Kommandantur des sowjetischen Geheimdienstes - samt Gefängniszellen im Souterrain. Anschließend wurde das Haus an die Stasi übergeben. Diese richtete im Laufe der Sechzigerjahre in der Villa und den rückwärtigen Fabrikhallen ihr Geheimarchiv für NS-Akten ein. Kaum hundert Meter von der Villa Heike entfernt befindet sich das ehemalige Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen, heute eine viel besuchte Gedenkstätte.

Die Stasi-Einrichtung samt ihren Beständen befand sich bis zur Auflösung im Jahr 1990 in der Villa Heike. Die Akten wurden dann ins Bundesarchiv überführt. In den Fabrikhallen befand sich einige Jahre ein Supermarkt, nach einem Brand wurden sie abgerissen. Der Ausstellungs- und Verwaltungsbau aber blieb erhalten, obwohl auch hierfür der Abriss beantragt worden war. Dies hatte die Denkmalbehörde verhindert und das Haus unter Schutz gestellt.

"Von der ursprünglichen Bausubstanz war im Inneren der Villa Heike noch vieles hinter Sperrholzverschalungen, Lackschichten, Tapeten oder PVC-Belägen erhalten", sagt Schubert, "etwa Kastenfenster, Türen, Terrazzoböden, Steinputzoberflächen und Stuckdecken." Im Vestibül, im Hochparterre und im Souterrain hatte man das Haus allerdings in der Nachkriegszeit stark umgebaut, um es als Stasi-Geheimarchiv zu sichern. "Ziel unserer Sanierung war die Annäherung an den ursprünglichen Zustand", sagt Schubert. "Die Spuren späterer Zeiten bis in die nahe Gegenwart haben wir aber immer wieder mit einbezogen."

Dort wo Eingriffe der Nachkriegszeit das Gebäude stark entstellen, ließ die Eigentümergemeinschaft diese zurückbauen. Im Inneren wurde der Terrazzo- und der Magnesiaestrich aufgearbeitet, ebenso die Stuckdecken, Treppengeländer und Türen - soweit sie noch vorhanden waren. Von außen sieht man dem Haus seine Spuren noch deutlich an. Der Fassadenputz wurde lediglich gesichert, Graffiti und die Leuchte aus den Achtzigerjahren blieben erhalten.

Die alte Bausubstanz sollte so weit wie möglich erhalten bleiben

Auch wenn einiges wieder so aussieht wie früher, genutzt wird das Haus heute auf völlig neue Art: Neben Büros sind dort nun vor allem Ateliers untergebracht sowie ein Ausstellungsraum. Die fünf Parteien der Eigentümergemeinschaft nutzen die Räume teils selbst, Ateliers und Büros werden auch vermietet. Ein offenes Haus für Kunst soll die Villa Heike sein. Das erinnert wiederum ans ehemalige Tacheles. Künstler, die im Zentrum Berlins keine bezahlbaren Räume mehr finden, ziehen mittlerweile weiter nach draußen, etwa nach Alt-Hohenschönhausen. Direkt gegenüber in einem Sechzigerjahre-Bau befinden sich ebenfalls Ateliers.

Auf dem Dach, wo früher Richard Heike eine Flagge in kaiserlichem Schwarz-Weiß-Rot hissen ließ, weht nun wieder eine. Alle zwei bis drei Monate gestaltet ein Künstler aus dem Haus - oder Bekannte der hier in den Ateliers arbeitenden Künstler - ein neues Motiv: als Zeichen dafür, dass hier Kreatives entsteht.

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