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Prozess in Berlin:Tödliche Begegnung

Berlin: Kerzen und Blumen am Tatort nach einem Mord im Monbijoupark

In dieser Unterführung am Monbijoupark in Berlin wird Mohammed, genannt Momo, Ende Oktober 2020 von einem 41-Jährigen erstochen. Blumen und Lichter erinnern an ihn.

(Foto: ODD ANDERSEN/AFP)

Momo ist mit seinen Freunden unterwegs, da eskaliert eine banale Alltagssituation, der 13-Jährige stirbt. Im Prozess vor dem Berliner Landgericht geht es nicht nur um eine vermeidbare Tragödie, sondern auch um die Lebenssituation jugendlicher Geflüchteter.

Von Verena Mayer, Berlin

Ein 13-jähriger Junge aus Syrien ist tot. Mohammed, genannt Momo, starb nicht im Krieg oder auf der Flucht. Sondern als er in Berlin, der Stadt, die ihn aufgenommen hatte, mit seinen Freunden unterwegs war.

Zuerst am Alexanderplatz, dann bei Rewe, um Getränke zu holen, und am Ende wollte er zusammen mit Marcello, Cleo, Zoe, Ahmed, Saed und Laura noch in den Monbijoupark nahe der Berliner Museumsinsel, weil man dort so gut am Wasser Spaß haben kann. Als die Jugendlichen durch die Unterführung zum Park gingen, guckte Momo auf sein Handy und wäre deswegen beinahe in das Pärchen hineingelaufen, das ihnen entgegenkam, einen 41-jährigen Mann und eine 23-jährige Frau. Der Mann zog daraufhin ein Messer und stach es Momo ins Herz.

Seit zwei Wochen muss sich Gökhan Ü. vor dem Berliner Landgericht wegen Totschlags und gefährlicher Körperverletzung verantworten. Er ist gelernter Fleischer, ein unscheinbarer Mann, der in Berlin aufgewachsen ist und wirkt, als wüsste er selbst nicht, wie er in diese Situation geraten ist. Sprechen will er nicht, seine Verteidigerin verliest eine Erklärung, in der er den Verlauf der 31. Oktobers des vergangenen Jahres schildert.

Auch für Gökhan Ü. war es zunächst ein schöner Abend. Er hatte ein Date, von dem er hoffte, dass es bei seiner neuen Freundin zu Hause enden würde. Als er mit ihr Hand in Hand durch die Unterführung zum Park schlenderte, habe ein Junge seine Begleiterin im Vorbeigehen beinahe angerempelt. Das habe er "respektlos" gefunden und den Jungen zur Rede gestellt. Als der ihn "aggressiv angeguckt" und "etwas auf Arabisch gepöbelt" habe, habe er sich bedroht gefühlt und sein Messer gezogen. Er traf erst Momo, dann den 22-jährigen Ahmed, der sich auf Gökhan Ü. stürzen wollte, um Momo zu Hilfe zu kommen. Ahmed wurde so schwer verletzt, dass er notoperiert werden musste. Seither leidet er einem Gutachter zufolge an einer posttraumatischen Belastungsstörung und gilt als psychiatrisch auffällig.

Beide Herzkammern verletzt

Es gibt Menschen, die Verbrechen begehen, um sich zu bereichern. Es gibt welche, die anderen Gewalt antun wollen. Und dann gibt es Menschen, die zu Tätern werden, weil sie mit einer absolut banalen Alltagssituation nicht fertig werden. Ein solcher Fall ist Gökhan Ü. Das Gericht muss nun herausfinden, wie das, was in der Unterführung passiert ist, juristisch zu bewerten ist. Ob sich Gökhan Ü. tatsächlich von Momo bedroht fühlte und womöglich aus Notwehr handelte; über seine Verteidigerin lässt er sagen, er sei schwer herzkrank und habe Panik gehabt. Oder ob die Aggression nicht von ihm selbst ausging.

Mohammed, genannt "Momo", 13-jähriger geflüchteter Syrer

Mohammed, genannt "Momo", verblutete innerhalb kurzer Zeit. 2015 war er mit seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder aus Syrien geflüchtet.

(Foto: Diana Henniges)

Gökhan Ü. ist wegen Körperverletzung und Beleidigung vorbestraft, seine Begleiterin, eine Zahnarzthelferin, sagt im Zeugenstand, sie habe damals vor allem Gökhan Ü. als bedrohlich empfunden. Sie wollte ihn nach der Beinahe-Kollision mit Momo eigentlich zum Weitergehen bewegen, doch Gökhan Ü. sei dem Jungen gegenüber immer lauter und aggressiver geworden und habe sie selbst irgendwann in harschem Ton weggeschickt. Als sie ihn später wieder traf, sagte er auf die Frage, warum er das getan habe, dass "der kleine arabische Hurensohn aus seinen Fehlern lernen" solle. Eine Vertreterin der Nebenklage schließt daher auch ein rassistisches Motiv nicht aus.

Nach der Tat flüchtete Gökhan Ü., Momo verblutete innerhalb weniger Minuten. Der Rechtsmediziner sagt vor Gericht, er habe selten eine dermaßen tiefe Stichwunde gesehen. Momo sei mit einer solchen Wucht getroffen worden, dass beide Herzkammern verletzt wurden.

"Er war ein netter Freund"

Es ist ein schwieriges Verfahren vor dem Berliner Landgericht. Viele Zeugen sind Teenager und sichtlich angegriffen von dem, was sie erlebt haben. Ein Mädchen weint so sehr, dass die Richterin ihre Freundin bittet, sich neben sie zu setzen. Die beiden kauern sich aneinander, während die 15-jährige Zoe erzählt, was Momo für ein Junge war. Er sei immer fröhlich gewesen, habe sich nicht mit anderen angelegt und insgesamt sehr reif gewirkt. "Man hat ihm das Möchtegerngehabe der Jungs von heute nicht angemerkt", sagt sie, "er war ein netter Freund".

Saed, ein verschüchterter dunkelhaariger Junge, kommt mit seiner Betreuerin in den Gerichtssaal - der 16-Jährige ist ohne seine Eltern aus Afghanistan geflüchtet, er lebt in Berlin in einem Heim der Jugendhilfe. Stockend erzählt er, wie er ein wenig hinter der Gruppe der Freunde lief, Schreie hörte und sah, wie sich das weiße T-Shirt seines Freundes plötzlich rot färbte. "Das war ein Schock." Wie es ihm damit heute gehe, fragt die Vorsitzende Richterin. Man habe ihm eine Therapie angeboten, sagt Saed, aber er habe sie nicht angenommen. Warum nicht?, will die Richterin wissen. Er könne nicht über seine Gefühle reden, sagt Saed. "Das bleibt in mir."

"Ich bin aus Syrien geflüchtet, um mein Kind in Sicherheit zu bringen"

Und da sind noch die Eltern des Jungen. Sie tragen weiße T-Shirts mit einem roten Herz und dem Foto ihres Sohnes darauf, über dem "Wir vermissen dich" steht. An jedem Verhandlungstag sitzen sie im Gerichtssaal, mit Blick auf den Angeklagten, und hören zu, was ihnen der Dolmetscher übersetzt. Immer wieder bricht die Mutter in Tränen aus, in der Pause scrollt sie auf ihrem Handy durch Fotos von Momo. Man sieht Momo beim Fußballspielen mit Freunden oder lachend auf dem Fahrrad, ein Junge mit kurzem dunkelbraunem Haar und offenem Gesicht.

Sie ist Friseurin, Momos Vater Zimmermann. Die beiden sind Palästinenser, die Familie lebte in Jarmuk in der Nähe von Damaskus. 2015 flüchtete die Mutter mit Momo und seinem jüngsten Bruder. Sie waren lange in Libanon, dann kamen sie nach Berlin. Erst vor eineinhalb Jahren fand die Familie wieder zusammen, da durfte der Vater mit Momos Schwester und einem weiteren Bruder nachziehen. "Ich bin aus Syrien geflüchtet, um mein Kind in Sicherheit zu bringen, und hier in Deutschland wird es getötet", sagt die Mutter.

Er probierte Drogen, hing mit Älteren herum

Der Prozess rollt nicht nur eine vermeidbare Tragödie auf, er wirft auch ein Schlaglicht auf die Situation jugendlicher Flüchtlinge in Deutschland. Im Zuschauerraum sitzt Diana Henniges von "Moabit hilft", einem Berliner Verein, der sich um Flüchtlinge kümmert. Sie kennt Momo schon lange. Er bekam Nachhilfe beim Verein, zu seinem Geburtstag schenkten sie ihm ein Fahrrad. Die Familie lebt seit Jahren in verschiedenen Heimen, wie viele geflüchtete Jugendliche gehöre er zu einer Generation, die einerseits als Kinder traumatisiert wurden und andererseits viel zu schnell erwachsen werden mussten, sagt Henniges. Deren Eltern ihnen nicht viel Halt geben können, weil sie selbst alles verloren haben.

Henniges hat oft erlebt, wie schwierig es für diese Jugendlichen wird, sobald sie in die Pubertät kommen. Momo, der zuvor in der Schule immer gute Noten gehabt hatte, war abends plötzlich viel draußen, oft mit älteren Jugendlichen, mit denen er mithalten wollte. An jenem Oktoberabend ging er mit seiner Clique in die Gegend rund um den Monbijoupark, in die es viele Jugendliche zu Corona-Zeiten hinzog, im vergangenen Jahr fanden dort immer wieder illegale Corona-Partys statt. Und manchmal probierte Momo Drogen, in seinem Blut waren an jenem Abend Rückstände von Ecstasy und Cannabis.

Zuletzt bot das Jugendamt an, Momo in einer Wohngruppe für Jugendliche unterzubringen. Wo er professionell betreut werden und in einen geregelten Alltag finden sollte. So weit kam es nicht. Momo ist tot, das Leben seiner Eltern und seiner Freunde zerstört - weil ein erwachsener Mann nicht damit zurechtkam, dass ein 13-jähriger Junge einen Moment lang unachtsam war. Der Prozess wird diese Woche fortgesetzt.

© SZ/vwu
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