Berlin: Innensenatorin spricht von "Amoktat eines psychisch beeinträchtigten Menschen"

Lesezeit: 4 min

Car crashes into a group of people in Berlin

Polizisten sichern den Tatort beim Breitscheidplatz in Berlin

(Foto: REUTERS)

In Berlin fährt ein 29-Jähriger in eine Menschenmenge. Eine Lehrerin auf Klassenfahrt stirbt, mehr als zehn Menschen werden verletzt, unter ihnen auch Schüler. Die Polizei durchsucht die Wohnung des mutmaßlichen Täters.

Von Jan Heidtmann, Berlin

Gegenüber dem Ort, an dem die Todesfahrt endete, stehen am frühen Mittwochnachmittag eine junge Frau und ein junger Mann. Sie sind Verkäufer aus dem Parfümgeschäft, in dessen Schaufenster noch immer der silberfarbene Renault Clio steckt. Ein roter Doppeldeckerbus eines Sightseeing-Unternehmens verdeckt die direkte Sicht. Dahinter kommen mehrere Polizisten mit Schutzwesten und Helmen hervor. Ihr Gang ist gemächlich, von dem Wagen scheint nun keine Gefahr mehr auszugehen.

Es ist der vorläufige Endpunkt eines Tages voller Mutmaßungen, Spekulationen nach einem furchtbaren Ereignis am Vormittag: Gegen 10.30 Uhr ist ein 29-jähriger Mann mit seinem Wagen mit Berliner Kennzeichen auf den Gehweg an einer Ecke des Kurfürstendamms gefahren und direkt in eine Menschengruppe gesteuert. Darunter sind vor allem Schülerinnen und Schüler einer zehnten Klasse aus Bad Arolsen, einer Kleinstadt in Nordhessen. Mehrere von ihnen werden verletzt, manche schwer; eine 51-jährige Lehrerin stirbt, ein Lehrer wird schwer verletzt. Eine Tote, sechs lebensgefährlich Verletzte, drei Schwerverletzte und mehrere leicht Verletzte - das ist laut Feuerwehr die Bilanz dieses traurigen Tages.

Nach Angaben von Marko Lambion, dem Bürgermeister von Bad Arolsen, hatte die Klasse einer Realschule gerade erst ihre letzten Prüfungen geschrieben und war auf Abschlussfahrt in Berlin. Dies sei "natürlich als freudiges Ereignis geplant" gewesen, sagte Lambion. "Der Tag hier in Bad Arolsen war sehr traurig. Unser Mitgefühl ist bei der Familie der Lehrerin und wir sind natürlich in Gedanken bei allen Angehörigen und wünschen Kraft und Trost in dieser schwierigen Zeit", so der Bürgermeister. "Natürlich sind wir auch bei den Schülerinnen und Schülern, die dieses Ereignis heute miterleben mussten", sagte er. An diesem Donnerstag werde die Schule ihren Regelbetrieb aufnehmen und zugleich die Schüler in Empfang nehmen, die aus Berlin mit Bussen zurückgebracht würden.

Am frühen Abend scheint dann klar zu sein, dass es sich nicht um einen Unfall handelte. Der Fahrer hat seinen Wagen offenbar bewusst und mit hoher Geschwindigkeit in die Menschengruppe gelenkt. Der Deutsch-Armenier lebt nach unbestätigten Angaben in Berlin-Charlottenburg, der Renault ist auf seine Schwester zugelassen. Er ist der Polizei bereits bekannt, jedoch nicht wegen politischer Aktionen. Jetzt aber finden die Beamten in seinem Wagen Plakate "mit Äußerungen über die Türkei", wie Berlins Innensenatorin Iris Spranger (SPD) sagt. Das genaue Motiv des Täters aber ist zu diesem Zeitpunkt weiterhin unklar. Meldungen, es sei ein Bekennerschreiben gefunden worden, widerspricht Spranger. "Ein richtiges Bekennerschreiben gibt es nicht." Später am Mittwochabend spricht die Innensenatorin von "einer Amoktat eines psychisch beeinträchtigten Menschen".

Nachdem der Täter mit seinem Wagen in die Menschenmenge gerast ist, fährt er wieder zurück auf die Tauentzienstraße, die an den Kurfürstendamm anschließt. 200 Meter weiter kommt er schließlich im Schaufenster der Parfümerie zum Stehen. Passanten halten den Mann fest, bis ein Polizeibeamter ihn festnimmt. Der Fahrer ist inzwischen selbst verletzt und macht einen verwirrten Eindruck. Als er abgeführt wird, ruft er nach Angaben von Augenzeugen "Bitte Hilfe, bitte Hilfe", berichtet der Tagesspiegel.

Die Feuerwehr, aber auch die Polizei, reagiert mit einem Großaufgebot. Die Gegend rund um die beliebte Einkaufsstraße im Westen Berlins nahe dem Kaufhaus des Westens und dem Zoologischen Garten wird großräumig abgesperrt. Mit Maschinenpistolen bewaffnete und Helmen bewehrte Polizeibeamte sichern die Gegend, das Europa-Center wird durchsucht, die Feuerwehr richtet eine psychosoziale Notfallversorgung für die leichter verletzten Opfer ein. Ein Polizeihubschrauber dreht weite Kreise über der westlichen Innenstadt. Insgesamt sind etwa 100 Feuerwehrleute und 130 Polizisten im Einsatz, unter ihnen auch Kriminalbeamte.

"Auf dem Ort lastet ein Ereignis, das weltweit Schlagzeilen machte", begründet Polizeisprecher Thilo Cablitz die große Zahl an Einsatzkräften. Denn der Vorfall am Mittwochvormittag ereignete sich direkt gegenüber dem Breitscheidplatz und der Gedächtniskirche - im Winter 2016 Tatort des bislang schlimmsten islamistischen Anschlags in Deutschland.

Am 19. Dezember vor fünfeinhalb Jahren war der Tunesier Anis Amri mit einem entführten Lkw in den traditionellen Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz gefahren. 13 Menschen kamen ums Leben, unter ihnen der Fahrer des Lkws. 67 Menschen wurden verletzt, einige von ihnen schwer. Eine Gedenkstätte am Fuß der Gedächtniskirche, kaum hundert Meter entfernt vom aktuellen Unglücksort, erinnert an die Opfer von damals. Bis heute ist der Platz mit massiven Pollern und Betonsperren gesichert.

Berlin: Die Namen der 13 Opfer von Anis Amri sind in die Stufen vor der Gedächtniskirche eingraviert.

Die Namen der 13 Opfer von Anis Amri sind in die Stufen vor der Gedächtniskirche eingraviert.

(Foto: Fabian Sommer/dpa)

Zeugenaufruf über Social Media

So geht es an diesem Mittwoch auch um die Frage, ob Deutschland wieder einmal ein politisch motiviertes Attentat erlebt. Die "Erfahrungen aus früheren Einsätzen" spielten jedenfalls heute eine wichtige Rolle, sagt Cablitz. So habe die Polizei am Morgen sehr schnell eine "einheitliche Führung" für diesen Einsatz gebildet und "umfangreiche Schutz- und Sicherungsmaßnahmen" vorgenommen. "Wir stehen am Anfang der Ermittlungen. Jetzt geht es darum, Spuren zu erheben und den Fahrzeugführer zu befragen", sagt Cablitz. "Ich verspreche Ihnen, wir setzen dieses Mosaik zusammen." Am Abend wurde die Wohnung des Verdächtigen durchsucht. "Wir schließen im Moment gar nichts aus", sagte Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik im RBB-Fernsehen über den Stand der Ermittlungen. Über die sozialen Medien bittet die Berliner Polizei, weitere Beobachtungen oder Videos an ein eigens eingerichtetes Hinweisportal zu übermitteln.

Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey machte sich am späteren Nachmittag selbst ein Bild von dem Unglück. "Ich bin tief betroffen von diesem Vorfall", sagt die SPD-Politikerin. "Nicht schon wieder", denke man in dieser Situation. Zugleich warnt Giffey davor, voreilige Schlüsse zu ziehen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Kanzler Olaf Scholz erklären ihr Mitgefühl. In der Berliner Gedächtniskirche fand am Mittwochabend ein ökumenischer Gottesdienst statt, in dem der getöteten Lehrerin gedacht, für die Verletzten gebetet und den Helfern Dank und Trost zugesprochen wurde.

Anmerkung der Redaktion

In der Regel berichtet die SZ nicht über ethnische, religiöse oder nationale Zugehörigkeiten mutmaßlicher Straftäter. Wir weichen nur bei begründetem öffentlichen Interesse von dieser im Pressekodex vereinbarten Linie ab. Das kann bei außergewöhnlichen Straftaten wie Terroranschlägen oder Kapitalverbrechen der Fall sein oder bei Straftaten, die aus einer größeren Gruppe heraus begangen werden (wie Silvester 2015 in Köln). Ein öffentliches Interesse besteht auch bei Fahndungsaufrufen oder wenn die Biografie einer verdächtigen Person für die Straftat von Bedeutung ist. Wir entscheiden das im Einzelfall und sind grundsätzlich zurückhaltend, um keine Vorurteile gegenüber Minderheiten zu schüren.

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