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BER-Kunst:Ein Bild von einem Flughafen

2008 wurde das Gemälde in Auftrag gegeben. Von den damals am Bau des BER Beteiligten, die darauf zu sehen sind, sind heute nur noch fünf im Amt.

(Foto: Verena Mayer/VG-Bildkunst)

Im Rathaus von Schönefeld ist der fertige BER in vollem Glanz zu bestaunen: Fünf mal zwei Meter, Öl auf Leinwand. Zu Besuch bei dem Mann, der das Kunstwerk in Auftrag gab.

Sich über den Berliner Flughafen lustig zu machen, ist schwer geworden - jeder mögliche Witz über den Pannen-Airport wurde in den vergangenen Jahren schließlich schon gerissen. Das heißt aber nicht, dass es keine Kuriositäten mehr zu entdecken gibt. Wie dieses riesige Gemälde: Es zeigt den Berliner Flughafen, hell und mit viel Glas und mit Flugzeugen, die in den blauen Himmel abheben. Und davor stehen 25 Menschen - die zum Gelingen des Bauwerks beigetragen haben. Der fertige BER, fünf mal zwei Meter, Öl auf Leinwand.

Das klingt wie eine abgefahrene Kunstaktion oder das Projekt einer Satiregruppe, ist aber fast schon hochoffiziell. Das Bild hängt in einem Rathaus hinter der Berliner Stadtgrenze, und dort nimmt es eine ganze Wand des Saales ein, in dem die Gemeindevertretung tagt. Jeder, der sich hier mit Politik beschäftigt, tut das mit Blick auf ein Bauwerk, das zum Symbol wurde für alles, was in Berlin schiefläuft. Gerade ist der BER wieder in den Schlagzeilen. Am Terminal 2 kommt es wohl zu Verzögerungen, weil "bauliche Anpassungen" vorgenommen werden müssen, wie das ein Flughafensprecher nannte.

Das Bild vom fertigen Flughafen ist eng verknüpft mit der Geschichte des Mannes, der es in Auftrag gegeben hat. Udo Haase ist Bürgermeister der brandenburgischen Gemeinde Schönefeld, die an Berlin angrenzt und auf deren Gebiet der geplante Hauptstadtflughafen liegt. Haase, 67, seit 1990 in der Politik, hat etwas Väterliches, wie man es oft bei Kommunalpolitikern beobachten kann. Doch im Gegensatz zu anderen Kommunalpolitikern muss sich Haase nicht nur mit Fahrradwegen, Baugenehmigungen oder dem örtlichen Schwimmbad herumschlagen, sondern er ist für viele auch ein Ansprechpartner, wenn es um den Berliner Flughafen geht. Derjenige, der Investoren, Planer und Dienstleister bei der Stange halten und für eine Sache begeistern muss, von der man nicht genau weiß, ob sie jemals existieren wird.

Eigentlich war das Bild als "Joke" gedacht

"Glauben" ist dann auch eines der häufigsten Worte, das man aus Haases Mund hört. Haase führt durch das Rathaus, vorbei an Flugzeugmodellen und Zeichnungen von Flugzeugen, alles hier steht im Zeichen der Fliegerei. Haase ist noch mit dem alten DDR-Flughafen groß geworden, er flog hier oft ab, als Dolmetscher für Mongolisch und Russisch war er viel unterwegs. Im Gegensatz zur "großen Masse" seien die Leute in der Gegend immer vom Flughafen überzeugt gewesen, sagt Haase, für sie gehörten Flugzeuge zum Alltag. Im Jahr 2008 - "der Glaube an den Hauptstadtflughafen war damals sehr groß" - hat Haase das Gemälde in Auftrag gegeben. Nach dem Architektenmodell des BBI, wie die Abkürzung für den Airport damals noch lautete, die Gesichter der Menschen wurden von Passbildern abgemalt.

Udo Haase, 67, früher Dolmetscher, heute Bürgermeister der brandenburgischen Gemeinde Schönefeld.

(Foto: Verena Mayer)

Eigentlich war das als "Joke" gedacht, um einen Kollegen zu verabschieden, das Bild trägt den Titel "Willkommen und Abschied". Aber Haase wollte auch die Leute würdigen, die mit dem Flughafenbau zu tun hatten, Gemeindevertreter, Mitglieder des Kreistages, den Ministerpräsidenten von Brandenburg. Der Bürgermeister steht jetzt vor dem Gemälde und lässt den Blick über die Gesichter gleiten, die so zuversichtlich nach vorne schauen. Er zeigt auf fünf Personen - die einzigen, die noch im Amt sind. Alle anderen sind in Rente, nicht mehr in der Politik oder zurückgetreten, Haase selbst wird, wie er sagt, im Dezember "den Abflug machen", bei der Landtagswahl Anfang September ist er altersbedingt nicht mehr angetreten. Fünf Menschen auf dem Bild sind inzwischen verstorben, ein Mann gilt als verschollen.

"Ich habe flaschenweise Sekt verloren"

Hat der Flughafen vielleicht Unglück über Schönefeld gebracht? Absolut nicht, sagt Haase. Er zeigt aus dem Fenster. Rund um das Rathaus sieht man Kräne und Baufahrzeuge, überall wird etwas hochgezogen, Hotels, eine Schule, 2000 Wohnungen. Hier sei früher nichts als Acker gewesen, sagt Haase, bald werde die Gemeinde, die gerade 16 000 Einwohner hat, auf 45 000 anwachsen. Weil in Schönefeld, anders als in Berlin, wo Bauland knapp ist, noch großzügig geplant werden könne und Wohnraum wesentlich günstiger sei als in der Hauptstadt. Aber vor allem, weil der Berliner Flughafen "ein Motor für unsere Gemeinde" sei.

Er habe das in den vergangenen Jahren beobachten können. Die Investoren, die ihre Grundstücke behalten haben, seien ihm dankbar, weil sie demnächst die Früchte ernten würden, 2020, wenn der Flughafen tatsächlich eröffnet werde. Und das werde er, sagt Haase, "der Glaube an die Eröffnung" sei so stark wie nie.

Der Bürgermeister klingt jetzt ein wenig wie ein Prediger. Hat er denn nie gezweifelt? Doch, sagt Haase, und er würde auch nicht mehr auf die Eröffnung wetten, "ich habe schon flaschenweise Sekt verloren". Er hat in den vergangenen Jahrzehnten viele Verantwortliche kommen und gehen sehen und so viele neue Eröffnungstermine gehört, dass er sie nicht mehr alle aufzählen kann. Einer ist ihm besonders gut in Erinnerung. Haase war damals bei einer Feier in einem Hangar der Air Berlin (die es ebenfalls nicht mehr gibt), und da wurden die Verantwortlichen der Flughafengesellschaft gefragt, ob der Eröffnungstermin denn stehe. Ja, ja, alles gut, hieß es, und Haase suchte mit TV-Teams die Positionen aus, an denen man stehen würde, um die Transporter beim Umzug auf den neuen Flughafen zu filmen. Wenige Tage später kam der Anruf, der Termin werde abgesagt. "Da bin ich vom Glauben abgefallen", sagt Haase.

Zwei Maler, die alles fälschen können - auch einen fertigen Flughafen

Er könne manchmal selbst nicht fassen, wie ungeordnet man planen, wie viele Fehler man beim Bauen machen könne und das in Deutschland, "dem Land der Ingenieurskunst". Anderseits sei er mal in Namibia gewesen. Als er erzählte, er sei aus Schönefeld, hätten alle zuerst gelacht, dann aber gesagt: Ist doch schön, dass ihr Deutschen nicht immer nur die Oberlehrer seid. So müsse man das sehen, sagt Haase, "das hat uns Sympathiepunkte eingebracht".

Und wer hat eigentlich dieses Bild gemalt? Zwei Künstler aus Neukölln, erzählt Haase, Russen, die den Ruf hatten, "geniale Fälscher" zu sein, bei denen man einen Rubens oder Rembrandt bestellt, und dann hat man nach ein paar Tagen einen alten Meister fürs Wohnzimmer. Die beiden machten sich sofort an die Arbeit - zwei Männer, die alles fälschen können, auch einen fertigen Flughafen. Womit es am Ende dann doch wieder einen guten Witz über den BER gibt.

© SZ vom 14.09.2019/olkl
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