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Bericht zum Fall Yağmur:Behördenversagen auf 500 Seiten

  • Der Parlamentarische Untersuchungsausschuss hat in Hamburg seinen Abschlussbericht zum Fall Yağmur vorgelegt.
  • Das Papier listet zahlreiche Versäumnisse der Behörden auf - darunter mangelnde Kommunikation, Fehleinschätzungen, Schluderei.
  • Yağmur war, obwohl sie unter Aufsicht des Jugendamts stand, von ihrer Mutter monatelang schwer misshandelt worden und im Dezember 2013 im Alter von drei Jahren an schweren inneren Verletzungen gestorben.

Die wichtigsten Erkenntnisse

Am ersten Todestag der kleinen Yağmur hat der Parlamentarische Untersuchungsausschuss seinen Abschlussbericht vorgestellt. Das Mädchen war im Dezember 2013 im Alter von drei Jahren an schweren inneren Verletzungen gestorben. Bei den Ermittlungen stellte heraus, dass ihre Mutter das Kind über Monate hinweg gequält hatte. Der Körper des Mädchens war mit äußeren Verletzungen übersät, zahlreiche innere Organe waren schwer beschädigt. Die Behörden gerieten anschließend erheblich in die Kritik - Yağmur stand von Geburt an unter Aufsicht des Jugendamts.

Der Untersuchungsausschuss hat die Arbeit der Behörden in dem Fall überprüft und dafür in den vergangenen Monaten zahlreiche Sachverständige und Zeugen gehört. Der mehr als 500 Seiten starke Abschlussbericht zeigt nun deutlich, wie die Verkettung von Nachlässigkeiten, überforderten Mitarbeitern und mangelnder Kommunikation die Misshandlungen durch die Mutter über einen so langen Zeitraum überhaupt erst möglich machte. Die wichtigsten Erkenntnisse:

  • Yağmur stand zwar von Geburt an unter Aufsicht der Jugendämter, der verantwortliche Allgemeine Soziale Dienst (ASD) verlor jedoch bald den Überblick über die Ereignisse. Yağmurs Familie zog zweimal um - da der Austausch von Informationen zwischen den verantwortlichen Stellen mangelhaft war, kam es zu Fehlentscheidungen.
  • Beim Umzug von Yağmurs Eltern aus dem Bezirk Eimsbüttel nach Hamburg-Mitte gab es keine geordnete Übergabe des Falles. Die Akte enthielt jedoch schon Informationen über eine Kindeswohlgefährdung.
  • Schutzmaßnahmen wie der angeordnete Kita-Besuch und die Betreuung durch eine Familienhilfe wurden nach dem Umzug nicht mehr eingehalten.
  • Hinzu kamen individuelle Fehler: Im Sommer 2013 übernahm eine ASD-Mitarbeiterin den Fall, die noch in der Einarbeitung war. Unterstützung durch eine erfahrene Fachkraft erhielt sie nicht.
  • Der Wechsel der Zuständigkeit während laufender familienrechtlicher Verfahren zum Sorgerecht entsprach nicht den gesetzlichen Standards.
  • Im November 2013 teilte die Staatsanwaltschaft mit, dass sie die Ermittlungen gegen die Pflegemutter und die leiblichen Eltern einstellt. Doch der ASD zog daraus die falschen Schlüsse - er erkannte nicht, dass damit das Kind weiter in Gefahr war.
  • Auf einer Besprechung des ASD zwei Wochen vor Yağmurs Tod, wurde die letzte Chance zur Rettung des Kindes vergeben. Eine staatsanwaltschaftliche Mitteilung, die die schwere Misshandlung des Kind nicht in Frage stellte, wurde nicht zur Kenntnis genommen.
  • Die Staatsanwaltschaft ermittelte nach der Anzeige eines Rechtsmediziners nicht intensiv genug. Sie lud Yağmurs Mutter zweimal vor, um sie zu den Misshandlungsvorwürfen zu befragen. Da sie nicht erschien, wurde dies als Aussageverweigerung gewertet und nicht weiter nachgehakt.

Streit um Inhalt des Abschlussberichts

Im Untersuchungsausschuss hatte es immer wieder Streit zwischen den beteiligten Parteien gegeben. Einer der größten Streitpunkte zwischen SPD und Opposition ist die Bewertung des Personalmangels beim ASD. Auch, dass die Versäumnisse der Staatsanwaltschaft nicht ausreichend überprüft worden seien, wurde mehrfach kritisiert. Voraussichtlich im Januar will das Parlament über den Bericht beraten.

Yağmurs Eltern sind im November zu langen Haftstrafen verurteilt worden: Die Mutter muss wegen Mordes lebenslang ins Gefängnis, der Vater viereinhalb Jahre wegen unterlassener Hilfeleistung. Anklage und Verteidigung haben gegen das Urteil gegen die Mutter Revision eingelegt.