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Bericht des Alpenvereins:147 Menschen in Lawinen gestorben

Noch nie gab es so viele Lawinentote wie in diesem Winter. Doch anstelle von Panik ist eine differenzierte Betrachtung nötig.

Immer neue Lawinentote - an den Wochenenden des vergangenen Winters konnte man schon fast auf diese Meldungen warten. 147 Menschen kamen durch Schneelawinen ums Leben - eine traurige Rekordzahl, die der Deutsche Alpenverein am Dienstag bekannt gab.

Lawinen

Wer abseits gesicherter Pisten unterwegs ist, muss das Lawinenrisiko richtig einschätzen können.

(Foto: Foto: dpa)

Im gleichen Atemzug rät Wolfgang Wagner, Geschäftsbereichsleiter der Abteilung Bergsport beim Deutschen Alpenverein, aber zu einer differenzierten Betrachtung. Die Gründe für die Rekordzahl seien vielfältig und Erfahrung des Alpenvereins zufolge weniger darin zu suchen, dass Skitourengeher immer leichtsinniger vorgehen würden oder das Skitourengehen an sich gefährlich sei. Diskussionen wie in Südtirol, ob das Auslösen von Lawinen unter Strafe gestellt werden solle, seien daher wenig zielführend, so Wagner.

"Skitourengehen ist mittlerweile ein Trendsport geworden", sagt Wagner, "dieser Sport ist in den vergangenen Jahren immer beliebter geworden und die Zahl der Skitourengeher ist kräftig angestiegen." Einer Mitgliederbefragung des Alpenvereins im Jahr 2009 zufolge gibt es allein unter den deutschen Alpenvereinsmitgliedern etwa 300.000 Skitourengeher.

Über einen längeren Zeitraum betrachtet ist der Durchschnitt der tödlichen Lawinenunfälle aber trotz der Tatsache, dass immer mehr Menschen abseits der Pisten unterwegs sind, seit Jahren gleich. "Es gibt also keinen Grund für Panikmeldungen", so Chris Semmel von der Sicherheitsforschung beim Deutschen Alpenverein.

Abweichungen wie die im vergangenen Winter kommen dabei immer wieder vor. "Das liegt am Witterungsverlauf", erklärt Semmel. In Wintern mit wenig Schnee wie 2003/04 gab es viele Tote, in Wintern mit viel Schnee, wie 2005/06 weniger Tote.

Gefährlicher "Schwimmschnee"

"Die Katastrophenwinter, in denen viel Schnee fällt, sind für Skitourengeher weniger gefährlich, da sich diese Gefährdung gut erkennen lässt. Problematisch ist es, wenn es zum Saisonbeginn wenig schneit, dann länger kalt ist, und erst dann wieder ergiebig schneit. Der erste, wenige Schnee wird in der Kälteperiode wie Kristallzucker ohne Zusammenhang. Wenn dann der zweite Schnee kommt, fällt er auf eine schwache Unterschicht, auf der die neue Schicht leicht zum Gleiten kommt. Dann haben wir einen Schwimmschneewinter."

Mit regional unterschiedlicher Ausprägung sei genau dies im vergangenen Winter der Fall gewesen. In den regionalen Unfallzahlen sei dies auch deutlich zu erkennen, so Semmel. So sind allein in Italien 45 Menschen gestorben - 28 mehr als der Jahresdurchschnitt.

Die Todesfälle ereigneten sich vorwiegend in Gebieten, in denen der Schneedeckenaufbau die beschriebene Problematik aufwies. Denn der Schwimmschnee sei für Tourengeher wesentlich schwieriger zu erkennen als offensichtliche große Neuschneemengen - und deshalb komme es gerade bei diesen Verhältnissen vermehrt zu Unfällen.

Um Tourengeher, Variantenfahrer, Schneeschuhgeher und alle, die sich im alpinen Gelände bewegen, besser auf die Gefahren vorzubereiten, engagiert sich der Alpenverein seit Jahren in der Sicherheitsforschung. Als eine Gruppenstudie offenbarte, dass die meisten Skitourengeher das Lesen des Lawinenlageberichts vor der Tour zwar als absolutes Muss empfänden, viele die Berichte aber nicht verstünden, wurde der Bericht überarbeitet. Piktogramme sorgen nun für besseres Verständnis.

"Es geht darum, das Risiko richtig einzuschätzen und zu minimieren, so Stefan Winter, Ressortleiter Breitensport, "und nicht darum, Risikobereitschaft an sich zu verdammen. Risikobereitschaft ist etwas Positives. Was wäre unsere Gesellschaft ohne die Forscher und Entdecker, ohne Menschen, die etwas wagen", sagt Winter, "Aber man muss den richtigen Umgang mit dem Risiko finden."

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