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NRW:Mehr als 30 000 Spuren zu Verdächtigen im Missbrauchsfall Bergisch Gladbach

Prozessbeginn im Missbrauchsfall Bergisch Gladbach gegen Soldat

Mit Bastian S. wurde ein erster Beschuldigter im Missbrauchskomplex bereits verurteilt - der Soldat bekam zehn Jahre Haft.

(Foto: Roland Weihrauch/dpa)

In Foren sollen die Kriminellen ganz offen über ihre Missbrauchstaten kommuniziert haben. "Wer zögert, wird von den anderen ermutigt", erklärte NRW-Justizminister Biesenbach. Er kündigte die Einrichtung einer Taskforce zu besseren Bekämpfung solcher Taten an.

Im Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach sind die Ermittler auf mehr als 30 000 Spuren zu Verdächtigen im In- und Ausland gestoßen. Das hat NRW-Justizminister Peter Biesenbach (CDU) in Düsseldorf mitgeteilt. Es handele sich um internationale pädokriminelle Netzwerke mit Schwerpunkt im deutschsprachigen Raum. Es gehe dabei nicht nur um die Verbreitung und den Besitz von Kinderpornografie, sondern auch um schweren Kindesmissbrauch. Diese Taten würden nicht nur von Einzeltätern begangen, so Biesenbach, "sondern in einem vernetzten Onlinegeflecht aus Sympathisanten, Unterstützern, Gehilfen und Mittätern".

In Gruppenchats mit Tausenden Nutzern und in Messengerdiensten gingen die Täter wie selbstverständlich mit ihren Missbrauchstaten um, heizten sich an und gäben sich Tipps, etwa, welche Beruhigungsmittel man Kindern am besten verabreiche, um sie sexuell zu misshandeln. "Wer zögert, wird von den anderen ermutigt und bedrängt, seine Absichten in die Tat umzusetzen." Es sei zu befürchten, dass in einer solchen Atmosphäre die Hemmschwelle sinke und auch solche Männer Missbrauchstaten begingen, die ohne entsprechendes Umfeld davor zurückgeschreckt wären.

Der Justizminister nahm auch Bezug auf zwei weitere große Missbrauchsfälle in Nordrhein-Westfalen in der jüngeren Vergangenheit, in Lügde und Münster. Zur besseren Bekämpfung solcher Taten kündigte er eine eigene Taskforce von Cyber-Ermittlern an, die am Mittwoch ihre Arbeit aufnimmt. Sie ist bei der Zentral- und Ansprechstelle Cybercrime Nordrhein-Westfalen (ZAC) angesiedelt. Sechs Staatsanwälte würden sich dann unter großem Zeitdruck zuerst um die Fälle bemühen, bei denen davon auszugehen sei, dass der Missbrauch von Kindern fortgesetzt werde. Biesenbach kritisierte, dass es noch immer keine Pflicht zur Speicherung und Herausgabe der Verbindungsdaten gebe. Ob es in allen Fällen gelinge, hinter den Pseudonymen, mit denen die Kriminellen kommunizieren, die tatsächlichen Namen zu ermitteln, sei daher unklar, sagte Oberstaatsanwalt Markus Hartmann, Leiter der Cybercrime-Zentralstelle NRW.

Emotionslose Schilderung der Missbrauchstaten

Erste Hinweise auf den Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach hatten sich im Zuge der Ermittlungen gegen zwei Männer aus Nordrhein-Westfalen ergeben: Jörg L. und Bastian S. Letzterer war bereits Ende Mai vom Landgericht Kleve wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern zu zehn Jahren Haft verurteilt worden. Ihm wurde eine verminderte Schuldfähigkeit zugesprochen - die Kammer ordnete seine Unterbringung in der forensischen Psychiatrie an.

Der Bundeswehrsoldat hatte sich vor Gericht verantworten müssen, weil er vier kleine Kinder im Alter von zwei bis fünf Jahren in mehr als 30 Fällen sexuell schwer missbraucht, Videos und Fotos davon angefertigt und diese mit anderen getauscht hatte. S. verging sich unter anderem an seiner zweijährigen Tochter und seinem fünf Jahre alten Stiefsohn sowie der zweijährigen Tochter von Jörg L. Vor Gericht hatte S. emotionslos von einem Ausflug in eine Saunalandschaft in Essen erzählt, wo er und Jörg L. sich eine private Suite mit Whirlpool gemietet hätten, "damit die Mädels sich kennenlernen können". Den eigentlichen Missbrauch der Kinder schilderte er ohne ein erkennbares Zeichen von Reue. "Meine Tochter dachte, wir gehen schwimmen, die war enttäuscht."

Das Urteil gegen Bastian S. war das erste im Missbrauchskomplex von Bergisch Gladbach. Es wird aber wohl nicht das letzte sein. 72 Verdächtige konnten die Ermittler identifizieren. Ende Mai war in Baden-Württemberg außerdem ein Mann festgenommen worden, der den Ermittlern zufolge als einer der Koordinatoren des Netzwerks fungierte. Zehn Personen saßen zuletzt in U-Haft. Sieben Anklagen gegen acht Personen sind bereits erhoben worden. Der Prozess gegen Jörg L. vor dem Landgericht Köln soll in Kürze beginnen.

Die Arbeit der Ermittlungsgruppe "Berg" sei psychisch sehr belastend, hatte vor Kurzem der Kölner Kriminaldirektor Michael Esser berichtet. Drei Ermittler seien dauerhaft krank geworden. Insbesondere die Sichtung des Videomaterials bringe jeden Ermittler an die Grenze seiner Belastbarkeit. Dank der Arbeit der Beamten konnten demnach bisher 44 betroffene Kinder gefunden und befreit werden - darunter war auch ein drei Monate altes Baby.

© SZ.de/dpa/jobr/saul
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