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Kampf gegen Kinderpornografie:"Wir setzen immer mehr Puzzleteile zusammen"

Pressekonferenz zum bundesweiten Einsatz gegen Kinderpornografie

Kriminaldirektor Michael Esser während der Pressekonferenz zum Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach.

(Foto: Roland Weihrauch/dpa)

Bisher 200 Beschuldigte, mehr als 30 000 Spuren: Was einst als Missbrauchsfall von Bergisch Gladbach begann, stellt sich heute als mindestens deutschlandweites Netzwerk dar. Die Ermittler ziehen nach der bundesweiten Razzia vom Dienstag Bilanz.

Von Benedikt Müller-Arnold, Köln

Die Polizei hat eine Deutschlandkarte auf die Leinwand im Präsidium geworfen. Dunkelblau sind alle Bundesländer eingefärbt, in denen Ermittler am Dienstag Wohnungen von Menschen durchsucht haben, die Kinderpornografie besitzen und verbreiten sollen. Hellblau leuchten nur die wenigen Flecken, in denen keine entsprechenden Razzien stattfanden: Thüringen und Saarland, Berlin und Hamburg. Das war's.

Was einst als Missbrauchsfall von Bergisch Gladbach begann, stellt sich inzwischen für die Ermittler als mindestens deutschlandweites Netzwerk dar: Vor allem Männer begehen offensichtlich sexuelle Gewalt an Kindern, erstellen Bilder und Filme davon - und schicken diese in Chatgruppen und Internetforen an Gleichgesinnte. Seit einer ersten Verhaftung im Herbst 2019 versuchen die Behörden, immer mehr der anonymen Täter und Mittäter zu identifizieren. Die Ermittler nennen es "kriminalistische Kleinarbeit".

Nun haben Polizei und Staatsanwaltschaft eine erste Bilanz der dienstäglichen Razzien gezogen: 48 Männer und zwei Frauen seien als Beschuldigte hinzugekommen, sagt der leitende Ermittler Michael Esser. Damit steigt die Zahl der Verdächtigen auf 207 bundesweit. Und weitere Verdachtsfälle seien wahrscheinlich. "Wir setzen immer mehr Puzzleteile zusammen", so Esser. Der Kriminaldirektor redet sachlich und ruhig mit rheinischem Einschlag in der Stimme, doch warnt er zugleich die Mittäter: "Wir werden weitermachen, um möglichst viele Kinder zu schützen."

Verdächtige seien "Querschnitt der Gesellschaft"

Esser leitet die Besondere Aufbauorganisation "Berg" der Kölner Polizei und koordiniert die Zusammenarbeit mit anderen Dienststellen und Landeskriminalämtern. Gut 1000 Ermittler seien am Dienstag unterwegs gewesen. Die meisten Durchsuchungen fanden diesmal in Bayern statt: Von insgesamt 60 Objekten bundesweit waren 15 im Freistaat. Nach einem richterlichen Beschluss hatte der Betreiber eines Messenger-Dienstes entscheidende Informationen über die Beschuldigten herausgegeben. Wochenlang bereiteten die Sonderermittler daraufhin ihren bislang größten Durchgriff vor.

"Es ist ein Querschnitt der Gesellschaft, den wir hier antreffen", sagt Esser: Alleinstehende, Verheiratete, Zusammenlebende. "Es sind junge dabei, es sind alte dabei." Zwar sei während der Razzia noch kein Verdächtigter verhaftet worden. Doch die Polizisten nahmen Personalien auf und stellten mehr als 2000 Beweismittel sicher. "Ein Großteil dieser Asservate sind elektronische Datenträger", sagt Esser, "die wir langjährig jetzt auswerten werden." Auch zwei verschlossene Tresore habe die Polizei sichergestellt.

Die Ermittler versuchen stets Überraschungsmomente zu nutzen, erklärt Esser. Denn ihr wichtigstes Beweismittel sind oft die Handys der Verdächtigen. Einen Beschuldigten aus Nordrhein-Westfalen haben die Ermittler observiert und in seinem Urlaub am Ostseestrand in Schleswig-Holstein festgenommen. Im Umfeld eines weiteren Verdächtigen lebe auch dessen Bruder mit Familie und einem kleinen Kind, sagt Esser, die Polizei habe daraufhin ausführlich mit der Familie gesprochen. Und ein wieder anderer Beschuldigter aus Sachsen habe versucht, unter einem Vorwand in sein Bad zu flüchten und sein Smartphone zu zerstören. Doch die Polizisten hätten dies unterbunden. "Wir sind zuversichtlich, dass wir die Daten wiederherstellen können", sagt Esser. "Gleichwohl zeigt uns das: Wir sind bei den richtigen Leuten unterwegs."

Mutmaßliche Pädokriminelle vernetzen sich immer besser

Den hinzugekommenen Beschuldigten werfen die Behörden den Besitz und die Verbreitung von Kinderpornografie vor. "Wir haben keine Hinweise darauf, dass diese Tatverdächtigen selbst Misshandlungen von Kindern vorgenommen haben", sagt Esser. Für die Ermittler ist das immerhin eine gute Nachricht: Es besteht diesmal keine direkte Gefahr, dass die Verdächtigten Kindern weiteres Leid zufügen könnten. "Da ist uns ein Stein vom Herzen gefallen nach der ersten Sichtung", gesteht Esser.

Denn ganz am Anfang des Bergisch-Gladbach-Komplexes stand ein Fall schwerer sexueller Gewalt: Der im vorigen Herbst festgenommene Jörg L. soll seine Tochter dutzendfach missbraucht haben - vor allem morgens, wenn die Mutter des Mädchens nicht in der Nähe war. Bei der ersten Tat soll das Opfer erst drei Monate alt gewesen sein. Der Strafprozess gegen den Familienvater läuft derzeit vor dem Landgericht Köln. Die Ermittler werfen dem Angeklagten vor, dass er Fotos und Videos der sexuellen Gewalttaten mit anderen Männern geteilt habe. Sie fanden unzählige Kontakte in Chatgruppen mit Namen wie "Parents with Kids". Zweimal soll sich der 43-Jährige mit einem Gleichgesinnten getroffen haben, um die eigenen Kleinkinder gemeinsam zu missbrauchen. L. droht nun eine lange Haftstrafe mit anschließender Sicherheitsverwahrung.

"Wir begegnen hier einem neuen Deliktfeld", sagt der zuständige Oberstaatsanwalt Markus Hartmann. Er leitet die nordrhein-westfälische Zentral- und Ansprechstelle Cybercrime (ZAC). Mutmaßliche Pädokriminelle sammelten nicht mehr "jeder für sich" kinderpornografische Bilder und Videos, sondern sie vernetzen sich und tauschen sich aus. So kamen die Ermittler im Bergisch-Gladbach-Komplex zuletzt auf 30.000 verschiedene Spuren. Behörden und Gerichte werden sich noch lange mit dem Netzwerk beschäftigen müssen, bislang sind in dem Komplex erst wenige Gerichtsurteile gefallen.

Wer Kinderpornografie besitzt, macht sich strafbar

Kriminaldirektor Esser nutzt die Pressekonferenz am Mittwoch, um weitere Täter und Mittäter zu warnen: "Wir geben den Kampf gegen Pädokriminelle nie auf." Seine gut 130 Sonderermittler wollen mehr und mehr Opfer und Verdächtige identifizieren, "um die Kinder aus dem Leid herauszuholen", sagt Esser, wenngleich sich viele Täter hinter "Nicknames" verstecken. "Die Anonymität der Chats werden wir erhellen, um die Tatverdächtigen der Justiz vorzuführen."

Auch wer Kinderpornografie vermeintlich "nur" besitze, mache sich strafbar: "Jedes Bild ist auch ein Missbrauchsopfer", betont Esser. "Diese Verharmlosungen akzeptieren wir nicht." Seine Ermittler hätten genug Verdachtsmomente, um schon in den nächsten Tagen wieder tätig zu werden, sagt Esser. "Keiner der Tatverdächtigen soll weiter ruhig schlafen können."

© SZ/zip
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