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Belgischer Karneval:"Groteske Anschuldigungen"

Der Karneval im belgischen Aalst ist auf der Welterbeliste der Unesco - und will runter.

Dieses Archivfoto zeigt einen Mottowagen des Aalster Karnevals mit dem ehemaligen belgischen Premierminister Charles Michel.

(Foto: Nicolas Maeterlinck/AFP)

Vor ein paar Jahren waren es Karnevalisten in SS-Uniformen, in diesem Jahr Ku-Klux-Klan-Kostüme und Figuren von Männern mit Schläfenlocken und Hakennasen, die auf Geldsäcken hocken: Der Karnevalsumzug im flämischen Aalst, etwa 20 Kilometer nordwestlich von Brüssel, steht regelmäßig wegen geschmackloser Kostüme oder Karnevalswagen in der Kritik. Zuletzt kritisierte die EU-Kommission den Umzug, der seit 2010 auf der Welterbeliste der Unesco eingetragen ist: "Es sollte selbstverständlich sein, dass so eine Parade auf europäischen Straßen 74 Jahre nach Ende des Krieges undenkbar ist."

Jetzt also reagiert man auch in Aalst auf die Vorwürfe - aber nicht etwa, indem man die Gestaltung der Parade für das kommende Jahr überdenken würde. Stattdessen hat der Bürgermeister angekündigt, von sich aus auf den Welterbe-Status der Unesco verzichten zu wollen: "Die Aalster Bürger haben die grotesken Anschuldigungen satt", zitieren belgische Medien Bürgermeister Christoph D'Haese. In dieser Woche will die Unesco darüber bei ihrer Sitzung in Bogotá in Kolumbien über den Fall beraten. Gut möglich, dass Aalst mit dem freiwilligen Verzicht einem Rauswurf zuvorkommt.

2010, als der Karneval auf der Liste des immateriellen Welterbes der Unesco eingetragen wurde, hatte die Kultur- und Bildungsorganisation der Vereinten Nationen den besonderen Charakter des Festes noch gelobt: "Das 600 Jahre alte Ritual, das bis zu 100 000 Besucher anziehe", sei ein "Gemeinschaftwerk aller sozialen Klassen und ein Symbol für die Eigenart der Stadt", hieß es damals in der Begründung für die Aufnahme. Das "gemeinsame Lachen" und "die leicht subversive Atmosphäre" seien ein Beleg für die starke Gemeinschaft in Aalst. "Wir sind keine Antisemiten oder Rassisten", sagt auch der Bürgermeister D'Haese. Aalst werde immer "die Hauptstadt des Spotts und der Satire" sein. Irgendwann werde sonst bestimmt, worüber man noch lachen darf und worüber nicht, sagte der Bürgermeister der Zeitung De Standaard.

Bei der Unesco jedoch scheint man durchaus eine Meinung dazu zu haben, wo die Grenzen des Humors sind - und wann sie überschritten werden. Erst im September musste Bürgermeister D'Haese im Hauptquartier der Organisation in Paris erklären, warum die großnasigen Juden auf den Geldsäcken aus seiner Sicht keine anti-semitischen Klischees bedienen. Dass der Bürgermeister nun von sich aus verlange, dass der Karneval aus der Liste ausgetragen wird, ändere nichts an der grundsätzlichen Situation: "Die Entscheidung liegt immer noch in den Händen des Kommittees", sagte eine Sprecherin der UN-Organisation.

In Aalst scheint man der Entscheidung in Bogotá ebenfalls gelassen entgegen zu sehen: Ein Kostümgeschäft in der Innenstadt hat für die anstehende Karnevalssaison jedenfalls schon mal Hüte mit angeklebten Schläfenlocken, Hakennasen zum aufsetzen und falsche Goldklumpen bestellt.